24.07.2014

Bischof Trelle im Interview zum Bistumsjubiläum

Religion hat nicht ausgedient

Mit der Wiedereröffnung des Hildesheimer Domes nach fast fünfjähriger Sanierungszeit beginnt auch die Feier des 1200-jährige Bestehen des Bistums. Im Gespräch äußert sich Bischof Norbert Trelle über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Kirche von Hildesheim.

Bischof Norbert Trelle im KiZ-Interview: „Es gibt einen Verlust an Gotteserfahrung“. Foto: Jens Schulze

Konrad-Adenauer warb  in den 50er-Jahren mit dem Slogan „Keine Experimente: CDU“. Unter dem Motto „Ein heiliges Experiment – 1.200 Jahre Bistum Hildesheim“ feiert das Bistum jetzt sein Jubiläum. Herr Bischof, brauchen wir mehr Experimente? 

Der CDU-Slogan bedient die Wunschvorstellung von absoluter Sicherheit. Aber das kann nicht unser Motto sein, weder in der Kirche noch in der Gesellschaft. Wenn wir von Experimenten sprechen, bedeutet dies nicht ein Abrutschen in Beliebigkeit, sondern ein Sammeln von Erfahrungen. Aus diesen Erfahrungen heraus lernen wir, was trägt und was weniger geeignet ist für eine zukunftsfähige Kirche. Ich baue da­rauf, dass dieser Begriff vom Experiment nicht missdeutet, sondern als das gesehen wird, was es von Anfang an in der Kirche gab: Wir schlagen Wege ein und wissen manchmal erst nach zehn oder 20 Jahren, ob es die richtigen Wege waren. Diese Offenheit liegt in dem Wort vom Experiment.

Ein Experiment ist ein Versuch, eine Probe. Der Versuch läuft jetzt seit 1200 Jahren.  Ist für Sie ein Ende abzusehen?

Wenn ein Chemiker Experimente macht, dann will er nachweisen, das ist richtig oder es ist falsch. In dem Sinne ist das heilige Experiment, das in der Kirche unter der Einwirkung der Gnade Gottes und der Freiheit des Menschen zu einem Ergebnis führt, etwas anderes. Da höre ich nicht irgendwann auf und sage, jetzt ist festgelegt, so ist es richtig oder falsch. Es entwickelt sich unter der Maßgabe, dass wir vom Heiligen Geist geleitet sind, immer weiter.

Das Bistumsjubiläum beginnt mit der Domeröffnung. Wie wichtig ist der neue Dom für Sie?

Der Dom ist wie jede Kirche ein Stein gewordenes Glaubenszeugnis. Er ist insofern besonders, weil dieses Bauwerk verbunden ist mit der Verantwortung und Sendung des Bischofs in sein Bistum. Dort steht der Bischofsstuhl, die Kathedra. Sie ist Sinnbild für die unverfälschte und unverkürzte Lehre der Kirche. Dabei geht es nicht darum, trockene, lehrmäßige Vorlesungen zu halten. Der Bischofsstuhl ist der Ort, der daran erinnert, dass es eine Verantwortung des Bischofs, der Priester, ja, aller Getauften gibt, die Lehre den Menschen zu vermitteln und die Sakramente zu spenden. Und darum ist die Bischofskirche von besonderer Bedeutung.

In Hildesheim sind Domeröffnung und Bistumsjubiläum ein großes Ereignis. Die Stadt feiert im kommenden Jahr ebenfalls ihr 1200-jähriges Bestehen.  Wie kommt das Jubiläum in die Fläche?

Wir – die Weihbischöfe, der Generalvikar und ich – wir werden in den Tagen nach der Domeröffnung an die äußeren Grenzen des Bistums gehen – in den Norden, Süden, Osten und Westen – und dort Gottesdienste zum Jubiläum feiern. Ich werde in den nächsten Monaten jedes der 17 Dekanate besuchen und dort besondere Begegnungen mit den Menschen vor Ort haben. In vielen Städten und Gemeinden finden darüber hinaus weitere Veranstaltungen zum Bistumsjubiläum statt, insgesamt sind es mehrere hundert. Eine Fahrradtour wird rund um das Bistum führen. Dafür habe ich gemeinsam mit Ministerpräsident Weil die Schirmherrschaft übernommen. Ich werde mich auch auf meinen Drahtesel schwingen und eine Etappe mitradeln. Es ist also dafür gesorgt, dass das Jubiläum auch in das große Bistum kommt.

1200 Jahre – da geht der Blick auch zurück. Was sind Höhepunkte in der Geschichte?

Ich bin nicht der geborene Historiker, um 1200 Jahre jetzt angemessen würdigen zu können, aber einiges möchte ich doch nennen. Wenn ich an die Zeit der Bistumsgründung denke, dann ging es sicher auch um Machtpolitik. Aber es ging auch um die Idee eines von der christlichen Botschaft geprägten Europas. Die Kirche war immer eine missionarische Kirche. Das ist für mich wesentlich für die ganze Geschichte der Kirche.

Ich nenne dann die großen Zeugnisse der bernwardinischen Kunst, die bis heute ein Highlight sind. Dann natürlich die Sorge für die Menschen am Rand, die in besondere Lebensnot geraten sind. Sie hat im Bistum Hildesheim immer eine Rolle gespielt. Zum Beispiel wurde die erste Knappschaft – das ist eine Sozialversicherung für Bergleute –  vor mehr als 750 Jahren von einem meiner Vor-Vorgänger, Bischof Johann I., gegründet.

Oder nehmen Sie das Engagement der Ordensgemeinschaften, insbesondere der caritativen Vinzentinerinnen, oder das Engagement der Jesuiten und  Ursulinen im Bildungswesen – da gibt es schon Highlights.

Und die dunklen Flecken?

Auch unser Bistum hat Anteil an dem, was in der Geschichte des christlichen Glaubens eine tiefe Wunde darstellt, also die Trennung der Kirche. Die Reformation erinnert uns immer wieder daran, wie sehr wir heute reformbedürftig sind. Die Reform an Haupt und Gliedern, eine Rettung der Kirche vor der Gefahr einer Verweltlichung, einem Abgleiten in falsche Experimente – das waren die Ziele der Reformation. Leider hat es in der geschichtlichen Entwicklung nicht die nötigen heilenden Schritte gegeben. Das sind dunkle Flecken. Wir sind dabei, diese Wunden möglichst wieder zu schließen und brauchen dafür Geduld und Zeit.

In der langen Geschichte gab es Kriege, machtpolitische Auseinandersetzungen und zuweilen auch Machtmissbrauch. Dunkle Flecken gibt es bis in unsere Zeit hinein, denken Sie nur an die Missbrauchsfälle durch Priester und kirchliche Mitarbeiter. Auch dies gehört – leider – zur Geschichte des Bistums.

Viele Firmen und Einrichtungen beleuchten heute ihre Rolle in der NS-Zeit. Wie hat sich das Bistum Hildesheim nach Ihrer Einschätzung in diesem dunklen Abschnitt der Geschichte geschlagen?

Natürlich hat die katholische wie die evangelische Kirche in mancher Hinsicht die Gefahren vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten falsch eingeschätzt. Aber insgesamt müssen wir uns da nicht verstecken. Nehmen wir zum Beispiel das Wahlverhalten bei den letzten freien Wahlen vor der Machtergreifung. Dort, wo es eine starke katholische Prägung gab, hatten die Nazis keine Chance. Eine andere Frage ist die Verantwortung der Spitzenleute in der Kirche. Bischof Josef Godehard Machens hat sich in dieser Zeit durch Hirtenbriefe und Verlautbarungen geäußert und die Ideologie der Nazis als schreckliche Verirrung gebrandmarkt.

Also hat die Kirche genug getan?

Die Frage kann man immer stellen. Hätte man mehr erwarten dürfen oder erwarten müssen? Den Mut anderer einzufordern ist leichter als selber mutig zu sein.

Problematisch in der jüngeren Geschichte war ja auch die Zeit nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Heimatvertriebene und Flüchtlinge suchten im Bistum ein neues Zuhause …

Ich kann nur mit großer Hochachtung davon reden, wie diese unglaubliche Herausforderung gemeistert wurde. Es waren ja etwa 400 000 bis 500 000 Vertriebene und Flüchtlinge, die unser Bistum aufgenommen hat. Das war wirklich eine grandiose Leistung, und zwar nicht nur einer Bistumsverwaltung oder eines Bischofs, sondern auch der Katholiken, die damals schon hier lebten und ihren Glaubensbrüdern und -schwestern hier eine Heimat geboten haben.

Übrigens ist es auch ein positiv zu beurteilendes Kapitel der Ökumene. Es gab damals Dörfer, da gab es keinen einzigen Katholiken. Die ersten Katholiken waren beinah so etwas wie Exoten – doch schon bald wurden sie von den evangelischen Bewohnern angenommen. Und häufig stellten die Protestanten ihre Kirche für die Feier der heiligen Messe zur Verfügung. Da kann man auch heute im Hinblick auf das Thema Migration von einem Bistum dieser Größe einiges lernen.

Das Bistum ist seit 1200 Jahren  in der christlichen Tradition verwurzelt. Was ist von dieser Tradition geblieben, wo stehen wir heute?

Ich sage nicht, dass wir heute an einer Abbruchkante stehen und noch zwei Schritte haben, bis wir in ein tiefes Loch fallen. Aber ich verkenne nicht, dass wir in einer Zeit säkularer Umwälzungen leben. Die Art des menschlichen Zusammenlebens und die Wertvorstellungen ändern sich rasant. Wir erleben, dass Menschen, die sich früher wie selbstverständlich in der Kirche beheimatet fühlten, heute von ihr abwenden. Das hat viele Gründe. Manches ist auch der Kirche selbst zuzuschreiben. In gewisser Hinsicht hat sie durch eigenes Versagen das ein oder andere in dieser Richtung gefördert. Aber das ist längst nicht alles.

Es gibt einen Verlust an Gottes­erfahrung, einen Verlust an Gottesbegegnung in jeglicher Form. Der ganze Schub einer Individualisierung der Gesellschaft macht auch die Gemeinschaft der Kirche für viele weniger anziehend. Es gibt viele, die sagen, warum soll ich da mitmachen? Was habe ich davon? Solche Kosten-Nutzen-Überlegungen reichen nicht in eine Tiefe. Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich, was wird einmal aus mir, was wird, wenn ich an meine Grenzen stoße, also diese Endlichkeitserfahrungen werden häufig ausgeblendet. Wenn ich mich aus allem heraushalte, halte ich mich letztendlich auch aus diesen tieferen Bindungen des Religiösen heraus. Wir sind dabei, diese Gotteserfahrung wieder neu zu vermitteln – eine wirkliche He­rausforderung.

Papst Franziskus begeistert die Menschen mit einem neuen Stil, aber auch mit einer veränderten Herangehensweise an viele Themen. Was können wir davon im Bistum Hildesheim aufnehmen?

Dieses direkte und unkomplizierte Zugehen auf Menschen ist eine besondere Herausforderung für jedes Bistum. Wo sind wir das? Wo sind wir in besonderer Weise freundlich, gastfreundlich? Wo heißen wir Menschen willkommen, sodass sie das auch spüren? Wo zeigen wir eine solche Atmosphäre der Offenheit, des Willkommens, der Versöhnungsbereitschaft? Wir werden das sicher auch für unser Bistum im Jubiläumsjahr immer wieder reflektieren.

An Problemen mangelt es der Kirche von Hildesheim im Jubiläumsjahr nicht. Haben wir dennoch Grund, optimistisch in die Zukunft zu blicken?

Eindeutig: ja! In einem Raum im Bischofshaus ist ein Wort des heiligen Augustinus eingemeißelt: „Lass den Mut nicht sinken“. Wir haben keinen Anlass, in eine depressive Stimmung zu verfallen. Wir sollen den Blick auf das richten, was vor uns liegt. Ich bin der Überzeugung, dass diese Kirche die größte Zeit noch vor sich hat.

Wie leben und überleben die Menschen in einer Welt mit einer gewaltigen Bevölkerungszunahme? Wie leben sie miteinander in diesen Megastädten? In einer Welt, die immer mehr gefährdet ist durch Zerstörung eben der Menschen, die sie eigentlich kultivieren sollen. Wie leben die Menschen in einer Zeit, in der ihre Anzahl zunimmt, aber sich die Menschen immer mehr durch Individualisierung voneinander abkoppeln? Die meisten Haushalte in unserem Land sind heutzutage Singlehaushalte. Wie leben die Menschen auf Dauer zusammen, wenn es keinen Grund der Hoffnung gibt, der so tief verankert ist, wie es nur in unseren religiösen Überzeugungen zur Geltung kommt? Und deswegen haben weder das Christentum noch andere Religionen ausgedient.

Wenn wir nach vorn blicken: Wie sieht die Kirche in 50 Jahren aus?

Kirche ist ja keine Erfindung der Menschen sondern eine Gründung, das Fundament ist Jesus Christus. Eine Kirche der Zukunft wird die Kirche Jesu Christi sein oder sie wird nicht Kirche sein. Das Äußere der Kirche wird sich vielleicht verändern, aber im Kern bleibt sie identisch.

Interview: Matthias Bode

 

Ausschnitte aus dem Interview mit dem Bischof als Video