24.12.2016

Eine Betrachtung zum Weihnachtsfest aus Sicht der Mitarbeiterinnen von Solwodi

Rosen im Dornwald

Unter widrigen Umständen bringt Maria den Sohn Gottes auf die Welt. Sie versucht von Beginn an, Jesus vor den Dornen des Lebens zu schützen – und wird damit zu einem Vorbild. 

„Maria durch ein Dornwald ging“ – so stellt sich der Priester und Künstler Sieger Köder den beschwerlichen Weg der Gottesmutter vor, die Jesus unter ihrem Herzen trägt. Bild: Sieger Köder-Stiftung Kunst und Bibel, Ellwangen

„Maria durch ein Dornwald ging...“ – diese alte Volksweise singen wir in dieser Zeit des Advent. Und dieser dunkle Wald mit seinen Dornen hat nicht immer Rosen zu bieten…

„Auf Rosen gebettet“ – das wurde ihnen versprochen, aber es waren nur Dornen. Und Gottes Nähe schien fern.

Ich spreche von den Marias und Mariams, die für alle Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution stehen.

Die heilige Geschichte der Mutter Gottes wird durch dieses Thema keineswegs degradiert oder entheiligt, sondern ganz im Gegenteil: erst durch die Erdung und Menschwerdung ihres eigenen Sohnes und die Mitte und Tiefe des menschliches Leides, für das sie und ihr Sohn stehen, wird Gottes Wirken real und glaubhaft.

Maria steht für viele Frauen, die einen schweren, auch zunächst ungewissen Weg gehen.

Maria steht für alle Mütter, die in Sorge um ihr Kind unvorstellbare Seelenqualen aushalten müssen, weil sie ihre Kinder in ihren Ursprungsländern zurücklassen mussten, als sie im guten Glauben, in der Ferne eine Arbeit und damit Unterhaltsmöglichkeit für ihre Familie zu bekommen, an Menschenhändler geraten sind. Diese Menschenhändler drohen damit – sollten die Frauen aussteigen und gar aussagen wollen –, ihre Kinder in der fernen Heimat zu bedrohen, zu töten.

Die Rosen tragen Dornen

„Maria durch ein Dornwald ging, da haben die Rosen spitze Dornen getragen…“

Es ist keine romantische Geschichte, sondern die Realität derer, die auch zur Beratungsstelle von Solwodi kommen und von der Organisation, einst von der Ordensschwester Lea Ackermann gegründet, begleitet werden, um wieder ins Leben zu finden; ein Leben in Würde, in Sicherheit, in Schutz, in Eigenständigkeit und ohne Dornen.

Der Verein Solwodi (Solidarity with women in distress / Solidarität mit Frauen in Not) nimmt die Weihnachtsgeschichte und die Geschichte der Mutter Maria sehr ernst.

Ohne die Mutter Gottes hätten wohl auch viele der Mitarbeiterinnen keine Kraft, denn die Arbeit gleicht einer „Sisyphusarbeit“: Hat man eine Frau und vielleicht auch ihr Kind in Sicherheit gebracht – vor Menschenhändlern, brutalen Freiern oder gar vor der Zwangsverheiratung bewahrt, sind die nächsten Opfer schon wieder mit Polizeischutz oder nach Bordellrazzien (sehr oft auch aus der Wohnungsprostitution, aus Wohnmobilen) zu betreuen…

Die „Kreativität der Gewalt und Grausamkeit“ scheint grenzenlos; das ist auf Dauer schwer auszuhalten, wenn da nicht ein großes Ideal, ein großer Glaube trägt.

Die Vinzentinerinnen aus Hildesheim haben sich in Braunschweig dieser Arbeit angenommen, vor allem Schwester Paula Fiebag, Schwester Dominica Steudler und Schwester Gerhardis Heise. Schwester Gerhardis hat bis zum Ende ihres Lebens im Alter von 82 Jahren (sie ist an diesem dritten Advent zum Herrn gegangen) mit Liebe zum Menschen, aus tiefem Glauben und enormer Leidenschaft für Gerechtigkeit im Einsatz auch für die Frauen von Solwodi gelebt.

Auch viele Frauen und Männer aus der Laienarbeit, auch aus kirchenunabhängigen Vereinen, Organisationen oder ganz privat helfen bei Solwodi mit. Mit großem Einsatz tun das auch die Pädagoginnen Dagmar Paul-Siller und Luca Lehmann in Braunschweig und viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Solwodi-Beratungsstellen nunmehr deutschlandweit.

Sie alle spüren, dass ihr Einsatz sinnvoll ist. Gewiss sind auch Wut und Zorn über das Leid, das angetan wird, ein Motivator. Aber Wut und Zorn allein machen blind.

„Da haben die Dornen Rosen getragen“

Es muss die Hoffnung geben, das, was dem Negativen ein JA zum Leben entgegensetzt.

„Da haben die Dornen Rosen getragen.“ Diese Rosen sind für viele Mitarbeiterinnen bei Solwodi nicht nur Illusion, sondern der Grund, der sie trägt. Für viele ist es der Glaube, der aus der Weihnachtsgeschichte erwächst: der Glaube, dass Gott es schafft, Dornen in Rosen zu verwandeln.

Ja, es gibt sie: die Hoffnungs-und Erfolgsgeschichten von jungen Mädchen und jungen Frauen, deren Gesichtszüge nicht mehr einer gar 90-jährigen alten, verhärmten Frau gleichen, sondern wieder strahlen: jung und blühend, mit einem (fast) unbeschwerten Lachen.

Frauen, die ein neues Leben beginnen, ihr Trauma verarbeiten können, auch wenn die Narben der Dornen aus dem dunklen Wald der Zwangsprostitution, der keine Lichtung kannte, nie ganz verheilen.

Der Sieg von Menschlichkeit über Macht

Aber: Es gibt sie, die Erfolge von neuem Leben und auch von Gerechtigkeit, wenn Täter verurteilt werden, wenn Menschlichkeit über Macht siegt.

Das ist die Weihnachtsgeschichte: der Sieg von Menschlichkeit über Macht.

Maria steht für alle Frauen, die dafür kämpfen. Und sie steht für alle Mütter, die sich dafür einsetzen, dass ihr Kind geschützt ist vor Gewalt, Menschenfeindlichkeit und Entwürdigung.

Zuflucht im Stall von Betlehem

Maria steht für alle Frauen, die auf der Flucht sind.

Aber auch für die, die eine Zu-flucht finden: den Stall von Bethlehem!

Der Stall von Bethlehem holt die alte Volksweise von Marias Gang durch den Dornenwald in die Realität, das Hier und das Heute.

Und die Mitarbeiterinnen von Solwodi helfen beim Einzug in diesen Stall, der von Gottesnähe mitten in der Dunkelheit einer harten Wirklichkeit erstrahlt, erhellt von absoluter Gottesnähe.
Bethlehem ist überall.

Gesegnete Weihnachten!

Birgit Rengel

 

Die Autorin

Birgit Rengel

Birgit Rengel ist Pfarrerin der evangelisch-lutherischen Gemeinde St. Christophorus in Helmstedt. Dort trifft sich auch der Solwodi-Arbeitskreis der Stadt. Zusammen mit diesem Arbeitskreis und darüber hinaus setzt sich Birgit Rengel seit Jahren für die Arbeit von Solwodi ein.