26.06.2014

Bistum wird zur Heimat für Flüchtlinge und Vertriebene

Schlesier bringen Lieder und Traditionen mit

Die Zahl der Katholiken im Bistum Hildesheim lag 1939 bei rund 265 000. Bis 1950 stieg sie auf knapp 670 000 an. Der Grund: Flüchtlinge und Heimatvertriebene vor allem aus dem katholischen Schlesien und dem Ermland wurden auf die Dörfer im dünn besiedelten Bistum verteilt.

Flüchtlinge und Vertriebene wie das Ehepaar Ursula und Herbert Schöber haben dem Bistum Hildesheim ein neues Bild gegeben.

Ursula (84) und Herbert Schöber (87) können sich noch gut an diese Zeit erinnern. „Das war 1946 und ich war damals 15 Jahre alt. Innerhalb weniger Minuten mussten wir aus unserem Haus in Stephansdorf im Kreis Neiße raus und unseren Besitz zurücklassen“, sagt Ursula Schöber. Während ihr späterer Ehemann sich noch in russischer Gefangenschaft befand, kam sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester per Güterzug und Lastwagen nach Dedensen, nördlich von Hannover. Was die junge Frau damals noch nicht ahnen konnte, bei diesem Transport waren auch die Eltern und die beiden jüngeren Geschwister ihres späteren Ehemannes.

„Wir schauten sofort, wo sonntags Kirche war“

Die Flüchtlinge wurden auf die Familien in Dedensen aufgeteilt. „Wir kamen bei einem Bauern unter. Da wir selbst einen Hof in Schlesien hatten, konnten wir in der Landwirtschaft helfen und uns so etwas zum Lebensunterhalt in Form von Kartoffeln oder auch mal ein paar Eiern dazu verdienen“, erzählt Ursula Schöber.

Rund 100 Vertriebene waren in Dedensen untergekommen. Gleich am ersten Sonntag schauten sie, wo sie einen katholischen Gottesdienst mitfeiern konnten. „Die erste Zeit sind wir immer jeden Sonntag von Dedensen am Kanal entlang nach Seelze zur Kirche gegangen. Das gehört für uns Schlesier zum Sonntag einfach mit dazu.“

Eines Tages änderte sich dies. Die junge Frau arbeitete inzwischen als Haushaltshilfe im evangelischen Pfarrhaus. „Da kam Kaplan Heinze aus Seelze zum evangelischen Pastor und fragte ihn, ob er mit den vielen Katholiken im Ort nicht jede zweite Woche die heilige Messe hier in der evangelischen Kirche feiern könne“, weiß Ursula Schöber und: „Der Pastor sagte sofort ja zu der Bitte. So mussten wir nur noch jeden zweiten Sonntag nach Seelze gehen. Aber auch das fiel bald weg, da Kaplan Heinze schließlich im Nachbarort Gümmer ebenfalls Gastrecht in der evangelischen Kirche bekam.“

Neben der Kirche Corpus Christi (Foto) wurden in den 60er-Jahren in Garbsen noch St. Raphael und St. Johannes errichtet. Fotos: Edmund Deppe

So wechselten die Messorte nun wöchentlich zwischen Gümmer und Dedensen. Evangelische Kirchen, Scheunen, Lagerhallen, Schulen oder Gasthäuser – in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg feierten die „Neuen“ ihren Sonntagsgottesdienst, wo es eben ging.

Wichtig war ihnen, dass sie ihren Glauben leben konnten. „Und nach einer gewissen Zeit schaute man sich unter den Kirchgängern um, ob wohl diese oder jene Familie zu einem passen würde“, sagt Herbert Schöber, der, aus russischer Gefangenschaft geflohen, inzwischen auch im Raum Hannover angekommen war und seine Familie in Dedensen gefunden hatte. Dort lernte er nebenbei seine zukünftige Frau kennen. Kontakte zu schließen sei wichtig gewesen, sagt Schöber: „Eine Möglichkeit waren die Gespräche nach dem Gottesdienst und dass man bei den örtlichen Vereinen mitmachte. So bin ich in den Gesangverein in Dedensen eingetreten.“

Doch in den Köpfen saß der Gedanke fest: Bald geht es wieder zurück in die Heimat. „Man kaufte keine Wohnungen und baute keine Häuser, man wollte ja wieder zurück“, erklärt Herbert Schöber. Doch ab 1950 siegte langsam die Erkenntnis, dass es kein Zurück mehr geben würde. „Jetzt ging es darum, etwas aus sich zu machen, jeder versuchte, eine feste Arbeit zu bekommen.“

Vom Dorf ging es in die Stadt nach Hannover: Ursula zur älteren Schwester in die St.-Elisabeth-Gemeinde und Herbert mit seinen Eltern nach St. Heinrich. „Hauptsache war eine katholische Kirche in der Nähe“, betont er.

Über 250 neue Kirchen wurden errichtet

Ob in der Heide oder in der Region Hannover – man trug der beengten Wohnsituation von Flüchtlingen Rechnung. Überall entstanden Neubaugebiete, Dörfer und Städte wuchsen. Die vorhandenen Kirchen waren zu klein oder es gab keine. Bestehende Gemeinden wurden geteilt und neue gegründet. Auf Initiative des Hildesheimer Bischofs Heinrich Maria Janssen wurden über 250 Kirchen in den städtischen Ballungsräumen und den weiten Diasporaregionen des Bistums errichtet.

Die Schöbers – inzwischen verheiratet – zieht es mit ihren vier Kindern wieder hinaus nach Marienwerder. In dem Stadtteil von Hannover beziehen sie ihr eigenes Haus. Viele Schlesier wohnen hier, sie gehören zur  Pfarrgemeinde Corpus Christi in Garbsen-Havelse. „Da mussten wir gleich in den Kirchbauverein eintreten und ich bin seit damals Mitglied in der Männergemeinschaft“, sagt Herbert Schöber.

Viele der neuen Kirchen wurden durch solche Kirchbauvereine mitfinanziert. Dazu kam die ehrenamtliche und tatkräftige Hilfe beim Bau. Viele packten mit an. Insgesamt stellten die Vertriebenen eine neue und gestaltende Größe im Bistum dar. „Wir brachten unsere Lieder, unsere Traditionen und unsere Frömmigkeit in die neue Heimat mit und pflegen sie bis heute“, sagen Ursula und Herbert Schöber zurückblickend.

Edmund Deppe