12.06.2012

Nachgefragt

Solwodi befürchtet Anstieg der Prostitution zur Euro 2012

Frauenrechtsbewegungen warnen anlässlich der Fußballeuropameisterschaft vor einem Anstieg des Sex-Tourismus und einem Anstieg der Prostitution in die Ukraine. Schwester Paula Fiebag leitet das Braunschweiger Büro von „Solwodi – Solidarität mit Frauen in Not“, einer Organisation, die sich um Frauen kümmert, die Opfer von Zwangsprostitution geworden sind.
 

Sr. Paula, teilen sie die Befürchtungen über einen Anstieg der Prostitution in der Ukraine während der Fußballeuropameisterschaft?

Ja, die Befürchtung hinsichtlich eines Anstiegs der Angebote und damit der Frauen in der Prostitution während der Europameisterschaft in der Ukraine und auch in Polen teilen wir von Solwodi ganz klar.

Als die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland stattfand, haben wir einen Notruf eingerichtet und bekamen in 3 Monaten etwa 3 500 Anrufe, direkt von betroffenen Frauen oder aus deren Umfeld. In Polen und vor allem in der Ukraine wird dem Problem der Ausbeutung und der Gewalt in der Prostitution noch bedeutend weniger Beachtung geschenkt als in unserem Land. Im Vordergrund steht auf der einen Seite der Profit, der aus der Prostitution gezogen wird, und auf der anderen Seite die Armut und Perspektivlosigkeit für Frauen, die dadurch schnell zum Opfer falscher Versprechungen werden.

Prostitution ist in der Ukraine offiziell verboten, doch fehlt deutlich erkennbar der gesellschaftliche und politische Wille dieses Verbot zu realisieren, Kontrollen durchzuführen, Zuhälter und Bordellbesitzer zu verfolgen und zu bestrafen – auch die nicht, die Angebote bereithalten, die klar dahin zielen, Frauen und Kindern Gewalt anzutun. 

Wir teilen unsere Befürchtungen mit vielen anderen. Und es gibt auch einzelne öffentliche Warnungen, Protestaktionen und Hilfsangebote. So warnten Europa-Parlamentarier aller Fraktionen vor einer Zunahme der Prostitution in den Wochen der Fußball-Europameisterschaft. Sie wiesen darauf hin, dass es grundsätzlich bei jeder größeren Sportveranstaltung „Grund zur Sorge“ geben würde und nahmen neben den Austragungsländern der Euro auch die Olympischen Sommerspiele in London in den Blick. So wies der Europaabgeordnete Mikael Gustafsson daraufhin, dass eine Sportveranstaltung immer „jede Menge Männer anzieht“ und dies "für die Sex-Industrie ein gefundenes Fressen ist, um ein gutes Geschäft zu machen.” Auch auf das große Problem der AIDS-Infizierung wiesen die EU-Parlamentarier hin. Wir von Solwodi sind froh über jede Stellungnahme und Positionierung, die auf die Not von Frauen in der Prostitution aufmerksam macht.

Vertreterinnen von Solwodi konnten im April dieses Jahres Professorin Ursula Männle, (MdL und Staatsministerin a.D.) gemeinsam mit Polizeiexperten und anderen Vertreterinnen sozialer Einrichtungen zu einer internationale Konferenz zum Thema: „Bekämpfung des Frauenhandels im Umfeld der Fußball-Europameisterschaft 2012“ begleiten. Diese Konferenz wurde von der Hanns-Seidel-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Juristischen Institut des Ukrainischen Innenministeriums in Donezk, einer Austragungsstadt der Fußballspiele, organisiert. Die Konferenz zeigte Ansätze auch politischer und behördlicher Stellen, sich der Probleme der Prostitution zu stellen. Solwodi nutzte die Gespräche und Foren, Kontakte zu anderen Organisationen zu knüpfen, die in der Ukraine Frauen helfen, die von Zwangsprostitution und Ausbeutung betroffen sind. Gleichzeitig unterhalten wir Kontakte zu mehreren Ordensgemeinschaften in der Ukraine und auch in Polen, die uns damals beim eingerichteten Notruf während der Fußballweltmeisterschaft unterstützen und muttersprachliche Beraterinnen nach Deutschland sandten. So wissen wir auch darum, dass einzelne Organisationen in der Ukraine ein ähnliches Projekt gestartet haben wie es in Deutschland zur Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft durchgeführt wurde: Unter dem Motto: “Sei sportlich, sei fair, sag nein zu Prostitution” soll käuflichem Sex die „Rote Karte“ gezeigt werden.

 

Können Sie jetzt bei der Euro 2012 Frauen in der Ukraine und auch Polen helfen?

Unsere konkrete Hilfe und Unterstützung für betroffene Frauen in der Ukraine kann natürlich nur punktuell sein und zielt eher auf Zusammenarbeit mit anderen Organisationen hin. Hier sind wir vernetzt auch im Bereich der Unterstützung von Rückkehrerinnen in die Ukraine. Zu größeren Aktionen oder sogar dem Aufbau von Beratungshilfen dort im Land fehlen uns auch die finanziellen Möglichkeiten. 

 

Besteht die Gefahr, dass anschließend, nach der Euro, vermehrt Ukrainerinnen auch über die A2 nach Deutschland geschleust werden, um als Prostituierte oder sogar als Zwangsprostituierte zu arbeiten?

Wir befürchten tatsächlich einen Anstieg der Weiterschleusung von Frauen nach Westeuropa, auch nach Deutschland. Wenn die Europameisterschaft 2012 beendet sein wird, werden viele Frauen, die eigens für diese Zeit „angeworben“ wurden nicht mehr in ihrem Heimatland in der Prostitution „benötigt“. Und Menschenhändler wissen sehr genau um Möglichkeiten der „Weiterverwendung“.     

Aus der Beratungsarbeit bei Solwodi wissen wir ganz konkret von Frauen aus der Ukraine, die ungeschützt in der Prostitution arbeiten mussten. Einmal angeworben, hatten sie vielfach unter Zwang und Gewaltanwendung, zum Teil über viele Jahre, keine Chance, den mafiös organisieren Zuhälter- und Menschenhändlerkreisen zu entkommen. Diese Frauen sind, nachdem sie bereits in der Ukraine zur Prostitution gezwungen wurden, dann nach Deutschland weiterverkauft worden. Mir stehen dabei vor allem drei Klientinnen vor Augen, die Unglaubliches erlebt haben, die auf der Straße - eine sogar bei einer Vernehmung im Polizeigebäude - eingefangen wurden, einfach aus ihrer Lebenssituation herausgerissen, in versteckte Bordelle gebracht und dort mit Methoden, die an Folter erinnern, prostituiert und dann nach Jahren in westeuropäische Länder weiterverkauft wurden. Frauen, die schwerst traumatisiert zu uns gekommen sind, nicht fähig, jemals gegen ihre Peiniger auszusagen.

Im Jahr 2010 zum Beispiel haben sich 25 Frauen aus der Ukraine an unsere Solwodi Beratungsstellen gewandt – von insgesamt 1415 Frauen und Kinder aus 103 Ländern. Was mich jedes Mal neu entsetzt, ist die Unverfrorenheit, mit der Zuhälter und Bordellwirte die Armut und das Elend solcher Frauen ausnutzen, um viel Geld mit ihnen zu verdienen. Auch die Skrupellosigkeit der Freier und ihre brutale Arroganz, mit der sie für ein billiges Vergnügen die Not und das Elend von Frauen und Kindern ausnutzen, ist für mich immer neu unfassbar.

 

Was für Möglichkeiten haben Sie, hat Solwodi, diesen jungen Frauen zu helfen, die teilweise unfreiwillig in Bordellen arbeiten müssen?

Wenn Frauen unfreiwillig in Bordellen ausgebeutet werden, dann helfen wir Ihnen, diese Orte zu verlassen – so sie sich selbst bei uns melden können. An einigen Orten arbeiten Kolleginnen von Solwodi auch in der Streetwork direkt im Rotlichtgebiet. Viele Frauen die zwangsweise prostituiert sind, können nur durch Polizeieinsätze und Razzien befreit werden und werden dann zu uns gebracht. Wir bringen sie sicher unter. Wir geben Ihnen Rechtsbeistand, damit Sie das Unrecht, wenn es in Deutschland geschieht, anzeigen können. Wir überlegen mit Ihnen nach Auswegen aus der Situation und auch Zukunftsperspektiven, organisieren medizinische und therapeutische Hilfe, Sprachschulung und Ausbildung, begleiten die Klientinnen zu Behörden und anderen Terminen.

In Schulen regen wir junge Menschen an, über Ihr Verhalten nachzudenken und engagieren uns in der Öffentlichkeitsarbeit. Wir sind froh, mittlerweile ein gutes Netzwerk zu haben. Trotzdem ist die konkrete Hilfestellung nicht immer einfach. Ich denke da zum Beispiel ganz konkret an die Situation einer jungen Frau, zu der wir bereits mehrere Jahre Kontakt haben, die wirklich Schweres mitgemacht hat und mit enormem Fleiß Schulabschlüsse nachgeholt und Ausbildungen gemacht hat. Aber wegen der großen psychischen Belastung, der sie auch nach Jahren noch ausgesetzt ist, konnte sie den erlernten Beruf nicht weiter ausüben. Nun zerbrach auch noch eine vierjährige Lebenspartnerschaft und die Frau steht ohne Wohnung da. Wie schwer ist es, eine Wohnung zu finden, jetzt, da sie als Migrantin erneut ALG II Empfängerin und in einer Umschulung ist!    

Immer wieder erleben wir, dass Klientinnen nach Jahren mit einem neuen Problem wieder zu uns in die Beratung kommen. Zu uns, weil wir um ihre Lebensgeschichte wissen, und sie nur schwer neue Vertrauensverhältnisse aufbauen können, sich scheuen, neu über ihre Ausgangsproblematik zu sprechen.

 

Welchen Rat können Sie Fußballfans mit auf den Weg in die Ukraine geben? Was sollten sie bedenken, wenn sich ihnen Frauen eindeutig nähern oder ihnen Frauen angeboten werden?

In der Ukraine gibt es eine kleine Gruppe ganz junger Frauen, die mit zugegebenermaßen sehr eigenwilligen und provokanten Methoden auf Unrecht gegen Frauen aufmerksam macht. Diese Frauen nennen sich Femen (Frauen) und wagten sich sogar bis nach Paris vor, um während der Affäre um Herrn Strauss-Kahn „gegen den mächtigen und korrupten Sexismus in aller Welt“ zu protestieren. Diese jungen Frauen nahmen für das Öffentlichmachen ihrer Anliegen in ihrem Heimatland Verhaftung, brutale Verhöre und Repressalien in Kauf. Sie gehen in diesen Tagen gemeinsam mit anderen Menschen mit dem Slogan: „Die Ukraine ist kein Bordell“ an die Öffentlichkeit.

Diese Worte zu hören, wenn männliche Fußballfans jetzt unterwegs sind in der Ukraine oder in Polen, dass wäre mein Wunsch, mein Rat. Die Ukraine, Polen, ja unsere Welt ist kein Bordell!

Und Männer sollten bedenken, dass es für viele Frauen kein „schnelles Vergnügen“ bedeutet, ihnen zur Verfügung zu stehen, wenn sie vielleicht Frust verarbeiten oder eben einmal besonders billige Angebote wahrnehmen wollen. Und sie sollten vor allem ihre Augen und ihren Verstand benutzen, um zu erkennen, wo ihnen Unterdrückung und Leid begegnet: es ist tausendfach vorhanden in Räumen, in denen es Sex zu kaufen gibt!   

 

Was muss aus Ihrer Sicht generell passieren, um den Frauen – nicht nur – in der Ukraine zu helfen und vor dem Schicksal der Prostitution zu bewahren?

Die Angebote für Bildung und Berufsausbildung für junge Frauen müssen weltweit vergrößert und alle Ansätze dazu unterstützt werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass Ausbildung und die Chance zur Berufstätigkeit für junge Frauen der Schlüssel ist, sie vor allen Formen der Ausbeutung, auch vor der Prostitution, zu bewahren.

Und: Es muss in der Gesellschaft die Haltung entstehen, dass es keine lebensfördernde Perspektive für eine junge Frau ist, in der Prostitution das Geld für sich und Ihre Familie zu verdienen. Hier bedarf es noch großer Anstrengungen, um ein entsprechendes Bewusstsein zu fördern. Eine Geschlechtergerechtigkeit ist auch in unserer Gesellschaft noch lange nicht erreicht. Fehlender Respekt vor Frauen und sexistisches Reden und Verhalten begegnet uns in vielfachen gesellschaftlichen Bezügen und Kreisen.

Ich hoffe sehr, dass wir, die wir uns Christen nennen und in besonderer Weise dazu aufgerufen sind, uns Unrecht und Unterdrückung entgegenzustellen, Stellung beziehen für die Wahrung der menschlichen Würde, für die Behütung menschlichen Lebens! Immer wieder begegne ich Menschen, die uns in unserem Tun unterstützen, sich in Arbeitskreisen engagieren, finanzielle und konkrete tätige Hilfe leisten, gerade auch aus unseren christlichen Kirchen heraus. Diese Erfahrungen machen Mut und fordern dazu auf, weiter „zu kämpfen". Und ich hoffe, dass die Zahl derer größer wird, die nicht taten- und meinungslos zuschauen wollen, dass auch in unserer Gesellschaft elementare Menschenrechte mit Füßen getreten werden - und dies ist, wenn ich an Klientinnen von uns denke, manches Mal wörtlich zu nehmen. Es gibt neue Ansätze im Bereich des Ringens um eine prostitutionsfreie Gesellschaft in Europa. Noch fast ein Traum, aber wie heißt es in einem bekannten Lied: „… wenn viele gemeinsam träumen, dann ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit“! 

 

Edmund Deppe

Kommentare

Die Arbeit von Solwodi kann gar nicht hoch genug für die betroffenen Frauen eingeschätzt werden. Eine Gesellschaft, die sich seit 1949 mit der Einführung des Grundgesetzes unmittelbar zu den Menschenrechten bekennt, muss sich fragen lassen, warum lediglich einzelne kirchliche und private Organisationen die Frage der Zwangsprostitution offensiv angehen und den an Leib, Leben und Seele bedrohten Frauen schnell und unbürokratisch helfen. Hier ist der Staat unmittelbar gefragt, hier ist der Staat unmittelbar verantwortlich und darf sich nicht länger im Einzelfall hinter - untergeordneten - Gesetzen verschanzen (z. B. wenn es um Aufenthaltsgenehmigungen geht). Das Bistum Hildesheim kann stolz und dankbar sein, dass sich Ordensschwestern diesem Problem angenommen haben. Hochverehrter Herr Bischof Trelle, schlagen Sie doch für das nächste Bundesverdienstkreuz uneigennützige Helfer wie Schwester Paula Fiebag vor. Dies drückt Dankbarkeit aus und macht Mut zum Weitermachen; gleichzeitig wäre dies ein weiteres Signal zum Mitmachen für viele andere.