28.06.2013

Mit Kapellenwagen auf Missionstour

Stiller Helfer für den Speckpater

Auch im Landkreis Celle hat Pater Werenfried van Straaten den katholischen Vertriebenen geholfen. Otto Wagner (81) hat einen Kapellenwagen seiner „Ostpriesterhilfe“ gefahren. Der Rentner ist einer der letzten noch lebenden Helfer aus der Frühzeit des „Speckpaters“.

Pater Werenfried van Straaten lässt die Not in Deutschland nach dem Krieg keine Ruhe. Er sammelt Spenden und organisiert mobile Kapellen, mit denen auch er selbst durch die Lande zieht und Gottesdienste hält. Foto: Kirche in Not
Pater Werenfried van Straaten lässt die Not in Deutschland nach dem Krieg keine Ruhe. Er sammelt Spenden und organisiert mobile Kapellen, mit denen auch er selbst durch die Lande zieht und Gottesdienste hält. Foto: Kirche in Not

Die Nachkriegszeit ist hart für die in der Diaspora der Lüneburger Heide verstreuten Vertriebenen. Einer von ihnen ist Otto Wagner. Als 13-Jähriger ist er im März 1945 nach Eschede im Landkreis Celle gekommen. Er stammt aus Wolfsdorf (Kreis Heilsberg) in Ostpreußen. Otto Wagner sagt: „Unser Dorf war drei Tage von den Russen besetzt. Sie haben alle Männer erschossen. Alle Frauen wurden vergewaltigt – außer meinen beiden Schwestern. Die konnten Polnisch, redeten auf die Russen auf Polnisch ein und wurden in Ruhe gelassen.“ Nach drei Tagen kämpft ein deutscher Gegenstoß den Ausweg frei. „Das war am 29. Januar 1945. Meine Mutter hat sich mit uns sechs Kindern sofort aufgemacht. Unter Tieffliegerbeschuss sind wir übers gefrorene Haff zum Hafen Pillau geflohen. Viele Pferdefuhrwerke mit alten Leuten drauf sind im Eis eingebrochen. Die konnte keiner mehr retten“, erinnert sich Otto Wagner, der heute zur Pfarrgemeinde St. Johannes der Täufer in Celle gehört.

 
Otto Wagner hat gerne bei den Messen minis­triert, die bei der Kapellenwagenmission im Raum Celle gehalten wurden. Foto: Nestmann

So wie Wagner sind im Bistum Hildesheim 450 000 Katholiken mit 200 Ost-Priestern angekommen. Sie hungern, hausen in Behelfsunterkünften oder sind bei einer Familie einquartiert. Geistliche erhalten nur Lebensmittelkarten für Geistesarbeiter. Dabei sind sie Tag für Tag 30 bis 40 Kilometer mit dem Fahrrad unterwegs, um ihre verstreuten Schäflein aufzusuchen. Oft ist ihnen vor Hunger so flau, dass sie vom Rad fallen.

Van Straaten kann nicht über die Not  hinweg sehen

Da leuchtet im Januar 1948 Hoffnung auf. Der niederländische Prämonstratenserpater Werenfried van Straaten aus der flämischen Abtei Tongerlo berichtet in seiner Heimat von seinen Erfahrungen in Deutschland. Wie schlimm auch die Nazis gewesen seien, man könne sich nicht Christ nennen, wenn man über diese Not kaltherzig hinwegsehe, so van Straaten.

Werenfried van Straaten tritt eine Lawine der Hilfsbereitschaft los. Es beginnt mit eineinhalb Tonnen Speck, welche ihm Bäuerinnen eines flämischen Landfrauenvereins nach seiner Predigt bringen. Van Straaten predigt und bettelt von Ort zu Ort. Immer mehr wollen helfen: mit Speck, Wurst, Keksen, Kleider- und Sachspenden.

Werenfried van Straaten, inzwischen „Speckpater“ genannt, gewinnt Mitarbeiter. Ein Feriendienst entsteht, der Tausenden katholischer Kinder Erholung bei belgischen und niederländischen Bauernfamilien verschafft. Er gründet einen „Bauorden“, der in Deutschland zwölf Klöster baut, dazu viele Kirchen und Sozialwohnungen. Die vom „Speckpater“ gegründete „Ostpriesterhilfe“ errichtet in Königstein (Taunus) ein Priesterseminar und gründet eine Kapellenwagenmission.

Die Kapellenwagen sind umgebaute Sattelzüge oder Busse. Am 13. April 1953 bekommt auch der Landkreis Celle einen. Otto Wagner, der ihn ein Jahr lang fährt, erinnert sich: „Der frühere Bahn-Bus hatte den Namen „Karel de Goude“ (Karl der Gute). Er stand Woche für Woche an einem anderen Standort.“ Passionistenpatres aus Bayern und Belgien betreiben die Kapellenwagenmission in Celle.

Menschen strömen in Massen zu den Messen

„Karel de Goude“ enthält einen Beichtraum, einen Altar und Kniebänke. Nachmittags ist Religionsunterricht. Die heilige Messe wird im Freien gefeiert. „Da sind die Menschen in Massen hingeströmt“, sagt Otto Wagner. Oft ministriert er dabei. Er sagt: „Ich wäre gern Priester geworden, hatte aber die Schulbildung nicht. Ich habe hart arbeiten müssen als Knecht, als Arbeiter in einem Salzbergwerk und später in einer Weberei. Aber einer von meinen Kumpels hat es geschafft.“ Der Kumpel heißt Dr. Martin Bialas und lebt heute als Pater Martin im Passionistenkloster Schwarzenfels in Bayern.  

Kapellenbus „Karel de Goude“ aber fährt nur für ein Jahr. Dann wird er in Lachendorf aufgebockt und dient dort stationär für rund 20 Jahre als Kapelle.

Thilo Nestmann

 

Ein Gedenktag für den Speckpater

Hildesheim (kiz). Zum 100. Geburtsjahr des „Speckpaters“ Werenfried van Straaten lädt das von ihm gegründete Hilfswerk „Kirche in Not“ am Samstag, 6. Juli, zu einem Gedenktag ins Kloster Marienrode in Hildesheim ein. Weltkirchliches Thema ist dabei die schwierige Menschenrechtssituation im Herzen Afrikas. Ehrengast ist aus dem Südsudan der Bischof der Diözese Tambura-Yambio, Edward Hiiboro Kussala.

Bischof Kussala wird den Gedenktag um 10 Uhr mit einer Gedenkmesse für den „Speckpater“ in der Klosterkirche Marienrode eröffnen. Nach einem Mittagsimbiss sind anschließend ab 13 Uhr im Exerzitienhaus des Klosters zwei Podiumsgespräche angesetzt. Zuerst wird die Vorstandsvorsitzende von „Kirche in Not“ Deutschland, Antonia Willemsen, über das Leben des „Speckpaters“ und die Bedeutung seines Werks für die Weltkirche sprechen.

Nach einer Kaffeepause berichtet ab 14.45 Uhr Bischof Kussala über die schwierige Situation der Menschen in seiner Diözese. Der Südsudan ist erst seit Juli 2011 ein eigener Staat und sieht sich enormen sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Problemen gegenüber. Jahrzehnte des Bürgerkriegs haben ihre Spuren im Land hinterlassen und die Wirtschaft ruiniert.

Mit dem Bischof auf dem Podium sitzt der aus dem Kongo stammende Pfarrer der Gemeinden Sankt Mauritius, Hildesheim, und Sankt Michael, Hildesheim-Neuhof, Dr. Willy Manzanza Mwanangombe. Er wird die Aussagen des Bischofs durch Berichte aus seiner Heimat anreichern – die Demokratische Republik Kongo ist ein Nachbarstaat des Südsudan und teilt viele Probleme des Landes.

Die Veranstaltung endet gegen 16.15 Uhr. Der Eintritt zum Gedenktag ist frei. Um eine formlose Anmeldung wird gebeten an Kirche in Not, Telefon: 089/64248880, E-Mail: info@kirche-in-not.de