25.03.2014

Projekt soll vor gewaltbereitem Salafismus schützen

Stopp für die Radikalisierungsfalle

Laut dem Verfassungsschutzbericht 2012 ist die Zahl der Salafisten in Deutschland von 3800 auf 4500 angestiegen. Immer mehr Jugendliche fühlen sich von den einfachen Parolen angesprochen. Ein Projekt in Nordrhein-Westfalen soll sie schützen und Hilfe zum Ausstieg bieten.

Bundesweit wurden 300 Ausreisen von gewaltbereiten Salafisten nach Syrien registriert. Sie kämpfen dort im Bürgerkrieg. Foto: fotolia/Oleg_Zabielin

In Düsseldorf, Bonn und Bochum sind Anlaufstellen für vom Salafismus gefährdete Jugendliche eröffnet worden. Ziel dieses bundesweit bisher einzigartigen Präventionsprojektes sei es, "den Einstieg junger Menschen in diese extremistische Szene zu verhindern", sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) am Montag bei der Eröffnung der Düsseldorfer Beratungsstelle "Wegweiser". Sie residiert dort in den Räumen der deutsch-islamischen Moschee-Stiftung.

Mit der Unterstützung von Imamen, Sozialarbeitern und Berufsberatern sollten junge Menschen davor bewahrt werden, "in die Radikalisierungsfalle zu laufen", sagte Jäger. Für Sympathisanten des Salafismus und deren Angehörige würden in den Beratungsstellen individuelle Auswege aus unterschiedlichsten Problemlagen entwickelt. Dazu gehörten Hilfen bei schulischen Krisen ebenso wie psychologische und berufliche Hilfestellungen. Die Anlaufstellen respektierten "religiöse Überzeugungen, aber keine Gewalt zur Durchsetzung extremistischer Ziele".

Regelmäßig gehen Salafisten in den Bürgerkrieg nach Syrien

Nach Angaben Jägers leben laut NRW-Verfassungsschutz an Rhein und Ruhr etwa 1.800 radikale Salafisten. Mit einem weiteren Anstieg sei zu rechnen. Innerhalb weniger Jahre sei diese Szene im bevölkerungsreichsten Bundesland um annähernd 1.300 Anhänger gewachsen. Von den Salafisten gelten nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden 10 bis 15 Prozent als gewaltbereit. Etwa 120 dieser Islamisten seien aus NRW zwischenzeitlich nach Syrien ausgereist, um im dortigen Bürgerkrieg als Dschihadisten zu kämpfen, berichtete Jäger. Bundesweit seien über 300 Ausreisen registriert worden. Im Falle einer Rückkehr gehe von diesen Jugendlichen eine potenzielle Anschlagsgefahr aus. Zumeist würden sie in den ausländischen Terror-Camps im Umgang mit Sprengstoff und an Waffen ausgebildet.
 

NRW-Innenminister Ralf Jäger.
Foto: SPD-Landtagsfraktion NRW

Der Vorsitzende der Düsseldorfer Anlaufstelle "Wegweiser", Dirk Sauerborn, erklärte, bei der Beratung gehe es nicht darum, "die Jugendlichen von der Religion wegzubringen, sondern vielmehr von einer spezifischen Ausrichtung des Islam, die im gewaltbereiten Salafismus endet". In intensiven Beratungsgesprächen solle der Glaube "reflektiert und in eine neue Richtung justiert" werden. Der Islam werde von den Salafisten missbraucht. "Extremismus und Gewalt sind Gift für jede Religion", sagte der Schatzmeister des Düsseldorfer Wegweiser-Projektes, Albert Al Khatib, der gleichzeitig die deutsch-islamische Moschee-Stiftung leitet. Zu dem Beratungsnetzwerk der Düsseldorfer Anlaufstelle zählen 16 Institutionen wie Jugend- und Sozialämter, Wohlfahrtsverbände, Familienberatung, Jobcenter, Moscheegemeinden und Polizei. In Einzelfällen kann laut Sauerborn auch auf die Kompetenz des Verfassungsschutzes zurückgegriffen werden. Bei der Beratung werde strikte Vertraulichkeit zugesichert.

Muslimische Verbände stehen dem Projekt skeptisch gegenüber

Der Chef des NRW-Verfassungsschutzes Burkhard Freier sagte bei der Eröffnung der Anlaufstelle, "ohne fremde Hilfe" könnten sich Salafisten kaum aus ihrer Szene lösen. Deshalb seien solche Anlaufstellen notwendig. Bei einem Ausstieg müssten ehemalige Anhänger mitunter den Wohnort wechseln, um gefahrlos ein neues Leben beginnen zu können. Dabei würden sie von Polizei und Verfassungsschutz unterstützt.

Viele muslimische Verbände stehen dem Präventionsprojekt "Wegweiser" mit großer Skepsis gegenüber. Dort wird offenkundig befürchtet, dass die Beratung im Hintergrund von den Sicherheitsbehörden gesteuert werde. Gleichzeitig besteht ein Misstrauen, dass sich die Präventionsarbeit gegen die islamische Religion richten könne. Dagegen erklärte Innenminister Jäger, der Dialog mit den muslimischen Verbänden gestalte sich derzeit generell "schwierig". Ihre Vorbehalte seien nicht konkret in dem Projekt "Wegweiser" begründet. Im Umgang mit den offiziellen Vertretern der Muslime in Deutschland wünsche er sich zukünftig "mehr Ehrlichkeit, Klarheit und Offenheit" und weniger institutionelle Formalitäten, sagte der NRW-Innenminister.

Von Johannes Nitschmann / kna