27.10.2016

In St. Josef in Herzberg ist ein Riesenrosenkranz entstanden /Aktion bewegt die ganze Gemeinde

Theologie auf halbem Meter

Der Rosenkranz. Alt, verstaubt, reif für die Mottenkiste. Alles Vorurteile, wie eine Aktion in Herzberg zeigt. Das hat auch etwas mit Größe zu tun – und mit Zutrauen.

59 Perlen und ein Kruxifiz mit Sonne: Ausgebreitet nimmt der Rosenkranz das halbe Kirchenschiff in St. Josef ein. Foto: Wala

Sonntag, kurz vor zehn vor der Kirche St. Josef in Herzberg: Zum ersten Mal zeigt sie, welche Dimensionen das Projekt Riesenrosenkranz in der Pfarrgemeinde angenommen hat. Spontaner  Kommentar: „Man muss wohl ein bisschen verrückt sein , um das zu machen.“

„Stimmt wohl“, sagt Wiebke Gottschalk. Sie hat das Projekt in der Gemeinde angestoßen und eine geraume Zeit in einer Küche mit Lagen von Zeitungspapier, Litern von Klebstoff und großen Partyluftballons gelebt. Der Rohstoff für die 59 Perlen aus Pappmaché, die jetzt erstmals mit einem Seil zusammengebunden sind.
Jede Perle kommt so auf fast einen halben Meter Durchmesser.  Ausgebreitet nimmt der Rosenkranz mit Sonnenkruzifix annähernd das halbe Kirchenschiff ein.

Aber die Größe ist für Wiebke Gottschalk nicht das Entscheidende: „Die Aktion hat doch viele unserer Gottesdienstbesucher mitgenommen – und darüber hinaus.“ Denn jede Perle wurde aufwendig oder mit einer großen Portion Hintersinn gestaltet.

Rohlinge für die Gemeinde und eine Berufsschule

St. Josef zählt zu den kleineren Gemeinden des Bistums. Gut 2200 Mitglieder zählen zu Herzberg und dem Kirchort St. Hildegard in Hattorf. Daher hatte Wiebke Gottschalk, „ganz ehrlich ein paar Bedenken, ob sich 59 Menschen zum Gestalten finden.“ Im Nachhinein waren diese Bedenken unbegründet. Knapp die Hälfte nahm Gemeindemitglied Michaela Melzer mit in eine Berufsbildende Schule, in der sie unter anderem Religion unterrichtet. Und für die anderen Rohlinge fanden sich doch weitaus mehr Interessenten: „Schon das war eine tolle Erfahrung“, sagt Wiebke Gottschalk.

Aber was zeigen nun die einzelnen Perlen? „Manche sind einfach richtig schön“, findet die Ärztin und Ethikberaterin – und zeigt auf eine Perle, die mit Sand und Muscheln überzogen ist. Andere thematisieren Glaubensfragen. So zeigt eine Perle auf der einen Seite die schlichte Zeichnung eines Fisches, des Erkennungssymbols der Urchristen. Auf Griechisch heißt Fisch „Ichtys“: Aus den Buchstaben lässt sich ein Glaubensbekenntnis ableiten: Jesus Christus, Gottes Sohn, Erlöser. Auf der anderen Seite der Perle  jedoch wird dieser Fisch um Beine, Augen und den Namen Darwin (Begründer der Evolutionslehre) erweitert: „Schöpfung oder Entwicklung der Arten – das ist doch eine zentrale Frage des Glaubens“, meint Wiebke Gottschalk. Theologie auf einem halben Meter.

Szenen aus dem Gemeindeleben, Gebete, der Rosenkranz selbst, Symbole der Weltreligionen, bunte Blumen oder Szenen aus Filmen –  all das findet sich auf den Perlen: „Und all das hat diejenigen, die es gestaltet haben, sichtlich bewegt.“ Das Kruxifix des Rosenkranzes haben Kinder aus der Kindertagesstätte gemacht: „Das Kreuz war größer als sie“, erinnert sich Wiebke Gottschalk.

Auch die Ministranten haben sich verewigt. Ihre Perle bezeichnet sie als die, „die Dampf machen“ in der Gemeinde. „Das stimmt auch“, sagt Wiebke Gottschalk. Denn der Impuls zur Aktion ging von den Ministranten aus. „Wir haben uns da mit der Frage Beten ohne Unterlass beschäftigt und sind so auf die Idee gekommen.“

Beten wird zum Thema in der Gemeinde

Ein weiterer Effekt: „So intensiv haben wir uns in der Gemeinde lange nicht mehr mit dem Rosenkranz auseinandergesetzt“, ergänzt Sabine Monjau. In Gottesdiensten, aber auch mit Diskussionsveranstaltungen wurden diese und andere Formen des Betens angesprochen, berichtet die Vorsitzende des Pfarrgemeinderates. Sie selbst hat auch eine Perle gestaltet: Maria und der zwölfjährige Jesus im Tempel. „Es sollte ein Motiv aus dem freudenreichen Rosenkranz sein“, sagt sie. Motivsuche, Gestaltung, das Malen: „Das hat viel in mir ausgelöst.“

Trotz seiner Größe kann mit dem Rosenkranz gebetet werden. Um den Altar gelegt kann Perle für Perle auf einen Hocker gehoben werden, das Kreuz kann zum besseren Handling abgenommen werden. „Er soll auch gebetet werden“, unterstreicht Wiebke Gottschalk. Interessierte Gemeinden können ihn gerne ausleihen. Und wenn er angesichts des Pappmachés gedellt zurückkommt? „Dann kommt er eben gedellt zurück. Beten hinterlässt Spuren.“

Kontakt: Pfarrbüro St. Josef, Telefon: 055 21 / 92 00 00 oder E-Mail: st.josef-herzberg@t-online.de

Rüdiger Wala