12.05.2015

Kathedrale von Reims

Tiefe Wunden im Heiligtum

Manchmal ist Kunst auch eine politische, eine historische Geste: Deutschland schenkt Frankreich drei weitere Buntglasfenster des Malers und Installationskünstlers Imi Knoebel für die Kathedrale von Reims. Sie wurden mit einem Festakt in Anwesenheit des französischen und des deutschen Außenministers, Laurent Fabius und Frank-Walter Steinmeier, in Reims enthüllt.  

Die Kathedrale von Reims ist berühmt für ihre vielen Figuren und die Fenster. Foto: kna-bild

Die Kathedrale war im Ersten Weltkrieg von deutschen Soldaten in Brand geschossen worden. Die Aktion war militärisch sinnlos, aber von hoher symbolischer Bedeutung am Krönungsort der französischen Könige, der sakralen Heimstätte der Nation. "In Ihrem Kriegswahn glaubten die Deutschen gar, Gott sei ihr Verbündeter", sagte Steinmeier bei dem Festakt. "Doch wer wie Sie, die Bürger von Reims, die Wunden dieser Kathedrale gesehen hat, der weiß für alle Zeiten: Der Krieg ist niemals heilig. Allein der Frieden ist es." 

Der 74-jährige Knoebel, "Minimal Artist", Beuys-Meisterschüler und 1940 in Dessau geboren, hatte die Initiative für das Projekt ergriffen, die letzten Notverglasungen des Krieges zu ersetzen, und verzichtete dafür auf ein Honorar. Die drei abstrakten Glasfenster für die Jeanne-d'Arc-Kapelle der Kathedrale mit einer Gesamtfläche von 64 Quadratmetern wurden mit knapp einer Million Euro vom Außenministerium in Berlin und von der Kunststiftung NRW gefördert. Knoebels Neuschöpfungen, Schichtungen gefärbter Gläser, setzen 27 Farben zu immer neuen Formen zusammen. Die fliegenden, leuchtenden Partikel vermitteln eine Idee von Einheit in Vielfalt. 

Schon zum 800-jährigen Jubiläum der Kathedrale Notre-Dame in Reims 2011 hatte Knoebel im Auftrag des französischen Kultusministeriums sechs Fenster angefertigt. Die Werke in den leuchtenden Grundfarben Blau, Gelb und Rot und mit einer Fläche von 128 Quadratmetern bekamen einen ehrenvollen Platz - zu beiden Seiten neben den Meisterwerken von Marc Chagall aus dem Jahr 1974 im Chor.  

 

Deutsche bombten die Kathedrale in Flammen

Die Kathedrale von Reims Foto: kna-bild

Die Deutschen waren es, die die gotische Krönungskathedrale der Franzosen 1914 in Flammen bombten. Ein Deutscher konnte sie nun, 100 Jahre später, wieder in ein neues Licht bringen. Steinmeier: "Mit dieser Großzügigkeit - der des Schenkenden, der des Empfängers - eröffnen Sie die Chance für Neues. Im Licht dieser Fenster strahlt eine neue Qualität der deutsch-französischen Freundschaft." 

An einem Weihnachtstag - 498, 499 oder 496 - ließ sich der heidnische Frankenkönig Chlodwig in Reims, dem Hauptort der römischen Provinz Belgica secunda, taufen. Es ist dieser Genius loci, der die Stellung des kleinen Städtchens in der Champagne über die Jahrhunderte begründete. Notre-Dame in Reims zählt zu den Schlüsselbauten der französischen Kathedralgotik um 1200. Eine Besonderheit sind ihre rund 2.300 Steinskulpturen. Sogar das Wüten der Französischen Revolution überstand der Figurenschatz fast schadlos.  

Mehr Schaden hinterließen die täglichen Säureangriffe der Umweltverschmutzung und die Bombardierung vom September 1914. Der Dachstuhl brannte aus, die Glocken schmolzen und ebenso das Blei der Glasfenster. Nach dem Krieg wurde ein feuerfester Dachstuhl eingesetzt und 1937 die Kathedrale neu geweiht - nur drei Jahre, bevor die Deutschen erneut angriffen. 
 

Knoebel: Eigentlich wollte er absagen

Als nun vor einigen Jahren eine französische Delegation bei Imi Knoebel in Düsseldorf auftauchte und ihm den erstaunlichen Auftrag antrug, wollte er zunächst absagen - eigentlich hatte er mit Religion nicht viel im Sinn. Doch seine Ehefrau Carmen besann sich auf eine Serie von "Messerschnitten" in den Farben Blau, Gelb und Rot, die Knoebel in den 70er Jahren geschaffen hatte. Sie bildeten die Grundlage für die erste Serie von Fenstern. 

Und offenbar fand Knoebel Gefallen an der Arbeit für Reims. Er legte nun - auch symbolisch - nach; für die Kapelle der Nationalheiligen Jeanne d'Arc, die im Hundertjährigen Krieg die französische Monarchie rettete. Die Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich, den Erbfeinden des 19. und 20. Jahrhunderts, soll auch die nächste Generation erfassen: Am Festakt in Reims nahmen außer Vertretern von Politik, Kultur und Kirche auch rund 500 Schüler aus französisch-deutschen Schulen teil.

kna