11.07.2012

Nachgefragt: Zum Stand der Ökumene

"Trennungserfahrungen brauchen wir nicht"

400 Teilnehmer am ökumenischen Studientag. Erstmals diskutierte ein evangelischer Landesbischof mit dem Diözesanrat der Katholiken. Wie steht es um die Ökumene? Das wollte die KiZ von Dr. Jürgen Schneider wissen, dem Synodenpräsident der Landeskirche Hannovers.

Dr. Jürgen Schneider ist Synodenpräsident der evagelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Foto: Wala
Dr. Jürgen Schneider ist Synodenpräsident der evagelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Foto: Wala

Herr Schneider, Ökumene ist für Sie eine Jugenderfahrung: Sie waren drei Jahre Schüler am Josephinum in Hildesheim. Was war das für eine Zeit?

Ich habe 1969 am Josephinum mein Abitur gemacht. Gesellschaftspolitisch war das eine herausfordernde und prägende Zeit des Erwachsenenwerdens. Aus der evangelischen Minderheitensituation mit einer deutlichst überwiegenden Zahl von katholischen Mitschülern war die Hildesheimer Erfahrung für meine Persönlichkeitsentwicklung die einer großen katholischen Weite und Freiheit, auch mit dem Rahmen des Schulgebets und der katholischen Feste – ein Gegenentwurf zur moralisch missionarisch evangelischen Gemeindeerfahrung meiner Kindheit. Das habe ich damals stark erlebt.

Ein gewisser Stillstand in der Ökumene wird nicht erst seit dem Zusammentreffen von Papst Benedikt mit der Spitze der EKD im letzten Jahr beklagt. Wie kommt die Ökumene wieder in Bewegung?

Die Ökumene ist in Bewegung, an der Basis gelegentlich deutlicher dynamisch wahrgenommen als an der Spitze. Doch auch dort gibt es Bewegendes. Ich hatte die Gelegenheit, als Mitglied der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch- Lutherischen Kirchenleitung (VELKD) im Januar vorigen Jahres von Papst Benedikt und von Kardinal Koch im Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen empfangen zu werden. Und war über die Intensität und Offenheit des Austausches erstaunt. Gegenseitiges Wertschätzen und wahrnehmen, miteinander im geduldigen Gespräch bleiben, keine Urteile über die anderen fällen – das fördert die angesichts der Kirchengeschichte erst fünfzig Jahre junge Bewegung zur Einheit der Christen.

Können wir es uns in einer immer entchristlichter werdenden Welt noch leisten, auf kleine, feine konfessionelle Unterschiede zu bestehen – oder müssten wir mehr gemeinsam als Christen unsere Stimme erhaben?

Da, wo es um christliche Essentials geht, sollen wir mehr das gemeinsam Verbindende als das Trennende zeigen und leben, beispielsweise im Sinne der Weltmissionskonferenz in Edinburgh 1910 (!), bei der drei Grundziele bestimmend waren: gemeinsames Handeln in der Mission, die Einheit in der Verkündigung von Jesus Christus und der gemeinsame Dienst an der Welt.

Und das tun wir ja auch. Schauen Sie nur auf die gemeinsame Initiativen der großen Kirchen (zum Beispiel beim Sonntagsschutz) oder das gute Wirken der Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen (ACK) vor Ort und die von ihr veröffentlichten „Dokumente der wachsenden Übereinstimmung“.

Was kann für konfessionsverschiedene Paare getan werden? Eine echte ökumenische Trauung kennen wir nicht. Wir betonen zwar den verbindenden Charakter der Taufe, aber ein ökumenisches Ritual gibt es nicht. Im Zweifelsfall müssen sich Eheleute und Eltern entscheiden.

Es gibt ökumenische Eheseminare und Gesprächskreise, in denen die Einheit in versöhnter Verschiedenheit/Vielfalt gemeinsamer Lebensraum auf Zeit ist und Thema. Ich wünsche mir, auch ausgelöst von schmerzhaften seelsorgerlichen Gesprächen mit konfessionsverschiedenen Ehepaaren, hilfreiche Schritte der katholischen Seite, zum Beispiel in der Eucharistiefrage, damit aus konfessionsverschiedenen konfessionsverbindende Ehen und Familien werden. Die Mutter meines Vaters war evangelisch, mein Großvater katholisch. Ich bin evangelisch, weil meine Großmutter die Stärkere war in der Beziehung und ihre Kinder evangelisch getauft wurden. Und habe als Kind die schmerzlichen und trennenden familiären Folgen gespürt und damals auch nicht verstehen können. Diese Trennungserfahrungen brauchen wir nicht. Wir sind eins in Christus.

Vor dem Diözesanrat haben Sie die demographische Entwicklung Deutschlands als Herausforderung für beide Kirchen beschrieben. Warum ist das so?

Ich habe von Unterjüngung gesprochen und Überalterung. Die Herausforderung liegt darin, dass  die Zahl der Kirchenmitglieder abnimmt, die Kirchensteuer weniger wird und die Organisation von Kirche schon jetzt an benennbare und absehbare Grenzen stößt. Und wir vor Ort dazu neigen, das zu verdrängen. Und dass der Druck und die Arbeitsverdichtung für Hauptamtliche und Ehrenamtliche wachsen, während wir Vertrautes verlieren und Liebgewordenes loslassen müssen. Das ist kein einfacher Weg, der vor uns liegt. Aber wir stellen uns der Herausforderung – etwa mit dem Kongress Kirchhochzwei im kommenden Jahr in Hannover. Wir hoffen auf viele Menschen mit Leidenschaf, die der Kirche neue Gesichter geben.

Mehr und mehr übernehmen in der katholischen Kirche Laien Aufgaben, die bisher Geweihten – evangelisch gesprochen: Ordinierten – vorbehalten waren: Laien gestalten Andachten, bereiten auf die Sakramente vor und beerdigen. Wäre das nicht auch ein gemeinsames ökumenisches Lernfeld?

Das ist ein gemeinsames ökumenisches Lernfeld  – und eines mit Tücken, weil sich das Amtsverständnis der beiden großen Kirchen unterscheidet und damit das, was wir unterschiedlich geweiht, beauftragt, berufen, ordiniert nennen. Wir sollten es dennoch weiter versuchen und ausbauen und voneinander lernen, auch indem wir Unterschiede und Möglichkeiten klar benennen. Die lutherische Seite hat dies 2006 mit dem Dokument „Ordnungsgemäß berufen - Eine Empfehlung der Bischofskonferenz der VELKD zur Berufung zu Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung nach evangelischem Verständnis“ getan. Und ist wegen der Klarstellung sowohl innerevangelisch als auch ökumenisch gelegentlich missverstanden worden. Nur Mut! Ich versuche das neben dem ehrenamtlichen Engagement in kirchenleitenden Gremien auch geduldig und immer noch seit 1975 als Prädikant, als „Laie mit dem Recht zur freien Wortverkündigung“.

Interview: Rüdiger Wala