09.10.2015

Leben auf dem Mars

Unendliche Schöpfung?

Auf dem Mars hat die Raumsonde „Mars Reconnaissance Orbiter“ gerade Anzeichen für flüssiges Wasser, die „Quelle des Lebens“, gefunden. Und im Juli hieß es, dass auf dem fernen Planeten „Kepler-452b“„erdähnliche Verhältnisse“ herrschen. Gibt es also doch Leben da draußen?

„Dass es irgendwo Leben gibt, sogar intelligentes Leben, ist sehr viel wahrscheinlicher, als dass es das nicht gibt“, sagt Stefan Bauberger. Der Jesuit, gelernter Theologe und Astrophysiker, lehrt Naturphilosophie an der Jesuiten-Hochschule in München. „Es gibt unabsehbar viele Sonnen mit unabsehbar vielen Planeten – da ist das absolut wahrscheinlich.“ Mathematisch wahrscheinlich, aber auch theologisch. „Es passt durchaus mit der Idee des unendlichen Gottes und seiner unendlichen Liebe zusammen, dass es unendlich viele Lebensformen gibt.“ Auch Guy Consolmagno, amerikanischer Jesuit und frisch ernannter Leiter der vatikanischen Sternwarte in Castelgandolfo, ist sich sicher, dass die Liebe Gottes über unseren Planeten hinausreicht. Und natürlich könnten auch Außerirdische eine Seele haben und Gottes Ebenbild sein, schreibt er in einem seiner Bücher.

Warum wird Gott Mensch und nicht „Alien“?

Aber ist das wirklich so „natürlich“? Immerhin betrachten sich die Menschen seit biblischer Zeit als „Krone der Schöpfung“. Und die Christen gehen noch weiter. In einem Menschen hat Gott sich offenbart, ja, er ist selbst Mensch geworden. Warum sollte er das tun, wenn wir doch nur ein kleiner Teil in einer großen Vielfalt von intelligenten Lebewesen sind?

Auch den evangelischen Religionsphilosophen Paul Tillich (1857–1937) hat diese Frage bewegt. Er hielt es für möglich, dass es mehrere Orte und Zeiten gibt, in denen Gott Mensch – oder Alien – wird. Für Guy Consolmagno ist das denkbar. In der Eucharistie sei es doch so ähnlich, sagt er. „Christus ist wirklich und leiblich da an Millionen von Orten.“ Der Theologe Pierre Teilhard de Chardin war dagegen 1953 überzeugt, dass ein Jesus von Nazaret genügt: „Das Universum ist so vollkommen eins, dass ein einziges Eintauchen des Sohnes Gottes in seinen Schoß es ganz überflutet.“

Die Bedeutung des Menschen „relativieren“

Stefan Bauberger sieht das alles viel irdischer. „In diesen Fragen spiegelt sich das, was uns auf der Erde angeht“, sagt er. „Jeder einzelne Mensch ist Ebenbild Gottes und von ihm geliebt, auch wenn es Milliarden von ihnen gibt. Warum sollte das nicht auch in kosmischer Dimension gelten?“
Was die Menschwerdung Gottes betrifft, so Bauberger, gehe es im Kern doch um das Verhältnis von Gott zu seiner Schöpfung, vom „Absoluten“ zum „Konkreten“. „Die Inkarnation bringt Heil für die gesamte Schöpfung, nicht nur für den Menschen“, betont er. Deshalb sollten die Menschen auch die „gesamte Pflanzen- und Tierwelt mehr wertschätzen“ und die Bedeutung der menschlichen Lebensform „relativieren“.

Und was ist mit dem Wahrheitsanspruch des Christentums? Können nicht andere Wesen ganz andere Formen der Religion entwickelt haben? „Wahrheitsanspruch“, sagt Bauberger, „ist nicht gleich Absolutheitsanspruch.“ Auch wenn das Christentum im „Konzert der Religionen“ einzigartig sei, gelte es nicht ausschließlich, denn Gott ist größer als der Mensch. Der oberste Vatikan-Astronom Guy Consolmagno brachte das in einem Interview  mit der Zeitung „Die Welt“ so auf den Punkt: „Würden Sie einen Außerirdischen taufen?‘ – ‚Nur wenn er darum bittet‘, sagt Bruder Guy. Und lacht.“

Von Susanne Haverkamp