03.11.2016

Unbekannte Heilige und ihre Geschichte

Vergessene Vorbilder

Im Auto reist der heilige Christophorus mit. Für jede Krankheit und für viele Anliegen gibt es einen Schutzheiligen, den man anrufen kann. Die Legenden dieser Vorbilder sind bekannt. Aber was ist mit dem heiligen Gangolf? Oder dem heiligen Junípero? Hunderte Heilige sind allenfalls in der Region ihres Wirkens bekannt. Dabei können diese Personen inspirieren.

 
Callistus I. 
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Callistus I. (geboren um 160, gestorben 222 oder 223 in Rom, Gedenktag am 14. Oktober): vom Sklaven zum Bischof der Bischöfe: Callistus sollte in den Bergwerken von Sardinien arbeiten. Dazu wurde er verurteilt, nachdem die jüdische Gemeinschaft ihn als Geschädigte seiner gescheiterten Bankgeschäfte angeklagt hatte. Der Kaiser begnadigte den Sklaven, der in Rom Diakon und schließlich zum Verwalter des Gemeindefriedhofs befördert wurde: den heute nach ihm benannten Katakomben an der Via Appia. Callistus wurde ab 217 Bischof von Rom. Hippolyt, der erste Gegenpapst der Geschichte, warf ihm Nachlässigkeit und Unzucht vor. Denn Callistus gewährte reumütigen Götzendienern die heilige Kommunion, akzeptierte die Eheschließung zwischen Sklaven und hochgestellten Damen und ließ mehrmals Verheiratete als Amtsträger zu. Auch die Eheschließung der Geweihten duldete er. Er führte den Brauch des Fastens an Aschermittwoch ein und ließ als Erster Kirchen ausmalen. Da er den Einfluss des Bischofs von Rom mehren wollte, wurde er als „höchster Brückenbauer“ (Pontifex maximus) und „Bischof der Bischöfe“ verspottet – beides wird heute als päpstlicher Titel geführt.

 

Junipero Serra
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Junípero Serra (geboren 1713 in Petra, Mallorca; gestorben 1784 am 28. August (Gedenktag) in San Carlos Borromeo de Carmelo, Kalifornien): Junípero Serra war Franziskanerbruder. Der Bauernsohn aus Mallorca hieß eigentlich Miquel Josep Serra. Mit 16 trat er den Franziskanern auf seiner Insel bei. Nach einem Studium und Lehrtätigkeit in Palma wurde er in das „Vizekönigreich Neuspanien“, das heutige Mexiko, geschickt. Dort übersetzte er den Katechismus in die Sprache der Ureinwohner und gründete zahlreiche Missionsstationen in Kalifornien. Aus ihnen gingen Städte wie San Diego, San Francisco, Los Angeles und Santa Barbara hervor, weswegen Junípero heute vor allem in den Vereinigten Staaten verehrt wird. Im Jahr 2015 wurde er von Papst Franziskus in Washington D.C. heiliggesprochen.

 

Roswitha von Gandersheim
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Hrotsvitha oder Roswitha von Gandersheim (geboren um 938, gestorben nach 973 in Gandersheim, Gedenktag am 5. September) war die erste weibliche Dichterin der christlichen Welt seit der Antike, schrieb Heiligenlegenden und Dramen über starke Frauenpersönlichkeiten. Roswitha stammte wohl aus niedersächsischem Adel und trat als Mädchen ins Kloster in Gandersheim südlich von Hildesheim ein. Ihre Schauspiele tragen mal stark komödiantische Züge, mal zeigen sie den Sieg der Reinheit über die Verführung. Im Drama „Sapentia“ wird das Leiden von Fides, Spes und Caritas dargestellt. Andere Dramen behandeln historische Stoffe. Den eigenwillig gestalteten Stücken verleiht die ausdrucksstarke Sprache und die überraschend differenzierte Psychologie bis heute Aktualität. Gedichte glorifizieren Kaiser Otto I., Onkel der Äbtissin des Klosters. Roswithas Werk war lange in Vergessenheit geraten. Erst 1501 wurde es – mit Illustrationen aus der Werkstatt Albrecht Dürers – neu verbreitet.

 

Leonhard von Noblat
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Leonhard „der Kettenheilige“ von Noblat, gestorben 599 am 6. November (Gedenktag), kann als Wegbereiter der modernen Gefängnisseelsorge gelten. Insbesondere in Bayern wird er bis heute zwar als Schutzpatron der Bauern und Viehzüchter verehrt, doch kann man der Legende des fränkischen Adelssohns große Verdienste bei der Resozialisierung von Inhaftierten entnehmen. Leonhard wurde 490 als Sohn eines hohen Beamten am Hofe des Frankenkönigs Chlodwig geboren. Er genoss eine theologische Ausbildung und sollte Bischof werden. Allerdings schlug er das Angebot aus, um ein Leben als Einsiedler in den Wäldern bei Limoges zu führen. Von seiner Zelle aus predigte er und heilte Kranke. Er besuchte Gefangene und erreichte für viele beim König die Freilassung. Der Legende nach zerbrachen auf sein Gebet hin die Fesseln zahlreicher Gefangener. In seinem Waldstück gründete er die Gemeinschaft von Noblat, in die er ehemalige Inhaftierte aufnahm und sie zu Handwerkern ausbildete. Er starb als Abt des von ihm gegründeten Klosters, St. Léonhard-de-Noblat bei Limoges im heutigen Frankreich.

 

Gangolf
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Gangolf (gestorben um 760 am 11. Mai (Gedenktag) in Burgund): Der Heerführer und Edelmann aus Burgund unterstand König Pippin. Während eines Jagdausflugs entdeckte er der Legende nach einen Garten und eine Quelle bei Bassigny, die von so großer Schönheit ist, dass er das Land kaufte. Geblendet von seiner Begeisterung zahlte er viel mehr, als das Land eigentlich wert ist, weswegen ihn seine Begleiter verspotteten. Er ließ sich davon nicht beeindrucken und lud sowohl die lästernden Freunde als auch Arme zu einem üppigen Festmahl ein. Als Gangolf erfuhr, dass seine frisch vermählte Ehefrau ihn mit einem Priester betrogen hat, verzieh er ihr und zahlte ihr die Hälfte seines Besitzes aus. Der Priester musste das Land verlassen, kehrte aber wenig später zurück, um Gangolf im Schlaf zu ermorden und mit dessen Frau zu fliehen. Da sich an Gangolfs Grab viele Wunder ereignet haben sollen, spottete seine ehebrechende Witwe: „Gangolf verbringt ebenso Wunder, wie mein Hintern Lieder singt.“ Seitdem war sie verflucht, an jedem Freitag schwere Blähungen zu erleiden. Gangolf gilt unter anderem als Schutzpatron bei Eheschwierigkeiten. Seine Reliquien werden in Bamberg aufbewahrt.

Von Philipp Adolphs