01.11.2011

Warum spricht niemand mehr von „Todsünde“?

Ich bin 67 Jahre alt. In meiner Kindheit und Jugendzeit war die „Todsünde“ fester Bestandteil unserer Religionslehre. Ich habe in den letzten 30 Jahren diese Wortwahl nicht mehr gehört. Warum?
H. W., Kreuzau/Stockheim

In wenigen Bereichen der christlichen Verkündigung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so viel verändert wie im Bereich „Sünde“. Nicht wenige Gläubige Ihrer Generation haben darunter gelitten, dass weit vor der Zusage der unbedingten Liebe Gottes die angstmachende Predigt der eigenen Unvollkommenheit stand. „Sünde“ wurde zum Begriff für alles, was man falsch machen kann und „Todsünde“ zur Androhung massiver Konsequenzen.

Heute hat sich das gedreht – vielleicht sogar zu sehr. Denn im Versuch, Angst zu nehmen, gerät „Sünde“ mitunter völlig außer Blick. Dabei wissen wir doch, dass es Sünde immer noch gibt. Nur: Was ist Sünde genau? Was ist „Todsünde“ oder (wie man heute meist sagt) schwere Sünde.

Zur schweren Sünde gehören Bedingungen, wie der Katechismus der Katholischen Kirche von 1993 ausführt: „Eine Todsünde ist jene Sünde, die eine schwerwiegende Materie zum Gegenstand hat und die dazu mit vollem Bewusstsein und bedachter Zustimmung getan wird“ (Nr. 1857). Ich muss also etwas bewusst tun, von dem ich sicher weiß, dass Gott nicht möchte, dass ich das mache. Ich richte mich mit vollem Bewusstsein und Zustimmung gegen Gott und gegen meinen Nächsten. Das ist einschneidend, denn es „zerstört die Liebe im Herzen des Menschen“ (Erwachsenenkatechismus Nr. 1855) und führt insofern „zum Tod“, als sich der Mensch „von Gott, seinem letzten Ziel und seiner Seligkeit abwendet“.

Eine schwere Sünde, eine Todsünde, ist im Leben eines gläubigen Menschen die Ausnahme – und nicht gläubige Menschen können sie gar nicht tun! Deshalb ist es richtig, dass nicht mehr ständig von „Todsünde“ die Rede ist. Zudem erkennt man die „Todsünde“ nicht an einer äußeren Tat, sondern an einer inneren Haltung, so dass man keinen Katalog von Vergehen aufstellen könnte, die dann an sich „Todsünde“ sind. Falsch ist es hingegen so zu tun, als sei die Todsünde abgeschafft. Das ist sie nicht, denn es gibt diese bewussten und willentlichen Abwendungen von Gott und den Menschen.
Susanne Haverkamp