27.03.2013

Bistumsgeschichte

Was liegt unter dem Stiftsplatz?

Es hat etwas von einem Puzzle: Ein Hinweis dort, eine Andeutung da, eine Scherbe hier: Zusammengesetzt könnten die Reste eine der ältesten Kirchen Norddeutschlands ergeben – mitten in Nörten-Hardenberg.

Der Stiftsplatz in Nörten-Hardenberg: Dr. Stefan Amt, Denkmalpfleger im Bischöflichen Generalvikariat, vermutet unter dem Platz die Überreste der vielleicht ältesten Kirche Norddeutschlands. Im Hintergrund: die St.-Martin-Kirche. Foto: Vetter
Der Stiftsplatz in Nörten-Hardenberg: Dr. Stefan Amt,
Denkmalpfleger im Bischöflichen Generalvikariat, vermutet
unter dem Platz die Überreste der vielleicht ältesten Kirche
Norddeutschlands. Im Hintergrund: die St.-Martin-Kirche.
Foto: Vetter

Zusammengetragen hat die Puzzlestücke Dr. Stefan Amt, Konservator im Bischöflichen Generalvikariat Hildesheim: „Zahlreiche Indizien deuten darauf hin, dass sich unter dem Stiftsplatz in Nörten-Hardenberg die Fundamente einer Kirche befinden.“ Amt schätzt, dass mit dem Bau dieses Gotteshaus wohl zwischen 741 und 768 begonnen wurde. Die Kirche wäre demnach älter als der Hildesheimer Dom. Das Bistum wurde 815 gestiftet, mit dem Bau der ersten Kathedrale als Bischofssitz wurde im Jahr 872 begonnen.

Amt stützt seine Vermutungen überwiegend auf Dokumente, Zeichnungen und Chroniken, die er zum Beispiel im Niedersächsischen Landesarchiv gefunden hat – unter anderem einen Plan aus dem Grundsteuerkataster von 1871: „Die Angaben dort sind sehr genau.“

Laut Amt hat es in Nörten-Hartenberg eine Abfolge von wohl drei katholischen Kirchen gegeben. Das jetzige Gotteshaus der St.-Martin-Gemeinde sei 1895 geweiht worden. Der Vorgängerbau habe unmittelbar im Süden an die heutige Kirche angegrenzt. Das gehe zum Beispiel aus dem 1871-Katasterplan hervor.

Chorherrenstift Nörten wurde 1055 gegründet

Doch Amt grub weiter in den Quellen. Seiner Einschätzung nach ist diese ebenfalls dem heiligen Martin geweihte Kirche vor 1055 gebaut: „In diesem Jahr wurde das Chorherrenstift Nörten-Hardenberg durch Erzbischof Lupold von Mainz gegründet.“ Laut der Stiftungsurkunde wurde eine bereits bestehende Pfarrkirche den zwölf Chorherren, die als Weltgeistliche ein klosterähnliches Leben führten, übereignet. „Der Bau ist also älter als 1055.“

Zwar gebe es Quellen die vom geplanten Bau einer Kirche im 17. Jahrhundert sprechen – zumal Herzog Christian von Braunschweig die Stadt 1626 während des Dreißigjährigen Krieges plündern und niederbrennen ließ. Doch schreibt ein Zeitgenosse – der Stifts-Senior Ernst Kanne – ausdrücklich davon, dass „wir im Jahre 1636 angefangen haben, den Chor und die Kirche zu reparieren.“ Angesichts der schweren Schäden habe es Überlegungen gegeben, die Kirche neu zu bauen. Doch nichts belegt, dass diese Absicht auch in die Tat umgesetzt wurde. Hinzu kommt, dass beim Abbruch der Kirche im Jahr 1894 ein Kindersarkophag aus dem 12. Jahrhundert gefunden wurde.

Aber Amt schätzt, dass der Stiftskirche noch eine weitere Kirche vorausging: „Nörten ist eine der ältesten Siedlungen im Leinetal und wurde früh christianisiert.“ So dürfte es vor der steinernen Kirche noch einen weiteren Vorgängerbau gegeben haben. „Möglicherweise aus Holz.“

Nörten wurde bereits im 8. Jahrhundert besiedelt

Die Lage der Kirche könnte noch ein weiteres Stück südlich gewesen sein – und damit direkt unter dem heutigen Stiftsplatz. Belegt ist, dass dieser Flecken von Nörten bereits im 8. Jahrhundert besiedelt wurde. „Das wissen wir aus Scherbenfunden.“ Zudem berichten Anlieger immer wieder, dass sie beim Graben auf ihren Grundstücken auf Steine und Fundamente stoßen. Auch im Bistumsarchiv werde jetzt in den Unterlagen über die Stiftskirche Nörten geforscht, ob sich noch weitere schriftliche Hinweise finden.

Indizien im Boden wurden bereits entdeckt. Mitte Januar wurde auf dem Stiftplatz eine geora­diologische Untersuchung durchgeführt. Diese Röntgenaufnahme des Grundes weist typische Verfärbungen auf: „Das sagt uns, da ist etwas zu finden.“

Amt hat nun Kontakt zu Professor Dr. Hans-Georg Stephan aufgenommen. Der Wissenschaftler hat den Lehrstuhl für Prähistorische Archäologie und Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg inne: „Wir werden jetzt überlegen, wie Probegrabungen organisiert werden können.“

Ironie am Rande: Auslöser des möglichen Fundes der Reste der vielleicht ältesten Kirche Norddeutschlands waren Planungen der Stadt, den Stiftsplatz umzugestalten. Diese Sanierung ruht nun, bis die Grabungen abgeschlossen sind. Und wer weiß: Vielleicht fördern sie eine neue Sehenswürdigkeit für Nörten-Hardenberg zutage.

Rüdiger Wala