29.03.2017

Wenn das Smartphone schneller ist

Zur Zeit findet in Hannover der Bundeskongress der Notfallseelsorger statt. Auch im Bistum Hildesheim sind Frauen und Männer im Einsatz.


Bereit für den nächsten Einsatz: Die Jacke mit dem Schriftzug „Notfallseelsorge“ hängt bei Reinhold Chrzanowski immer griffbereit im Auto. | Fotos: Edmund Deppe

3. Juni 1998: Kurz vor 11 Uhr entgleist der ICE 151 Conrad-Wilhelm-Röntgen in Eschede, prallt gegen eine Brücke, die Wagen schieben sich ineinander. 101 Menschen sterben, viele werden zum Teil schwer verletzt, einige leiden noch heute unter den Folgen. Zahlreiche Seelsorger waren damals an der Unglücksstelle im Einsatz, haben Opfer und Angehörige begleitet. Das ICE-Unglück von Eschede war im Bistum Hildesheim die Geburtsstunde der organisierten Notfallseelsorge.

Kurz vorher fuhr Pastoralreferent Torsten Thiel in einem früheren ICE an der Unfallstelle vorbei. Thiel, der seit 1997 Polizeiseelsorger in Göttingen ist, erfuhr von der Katastrophe, als er in Hannover aus dem Zug stieg. „Ich hatte Glück und dies Gefühl war für mich Ansporn, Andreas Kieslich beim Aufbau der Notfallseelsorge im Landkreis Göttingen zu unterstützen“, sagt Thiel.

 

Der Notfallseelsorge-Einsatzrucksack mit Kuscheltier, Kreuz, Schutzengel, Kerzen, Zigaretten, Schokolade, Bibel und Taschentüchern.

Notfallseelsorge ist wie Karfreitag im Alltag

„Wir Notfallseelsorger werden von der Feuerwehrleitstelle alarmiert, wenn Polizei, Rettungskräfte oder  Notarzt uns anfordern“, erklärt er. Das geschieht bei schweren Verkehrsunfällen, Unfällen, plötzlichem Tod, beim Überbringen von Todesnachrichten, Vorfällen im Ausland – als zum Beispiel ein Göttinger Wissenschaftler in Nepal verschollen war – oder Suizid. „Es geht darum, dass jemand mit seinem ersten Schmerz und seiner Hilflosigkeit nicht allein ist.“

Für den Pastoralreferenten sind Einsätze als Notfallseelsorger „wie Karfreitage im Alltag“. Sie verändern auch das eigene Glaubensleben. „Es wird intensiver.“ Immer wieder gebe es Punkte, wo man den Sinn des Leids hinterfragt. „Gerade wenn in einer Famlie zwei, drei Schicksalsschläge hintereinander kommen. Doch für das Warum gibt es keine Antwort“, sagt Reinhold Chrzanows­ki. „Man selbst lebt nach einem Einsatz erst einmal eine zeitlang intensiver, ist dankbar für jeden gesunden Tag.“

Der ehemalige Polizist gehört mit zum Team der Notfallseelsorge im Raum Göttingen. „Ich habe für den Ruhestand nach einer sinnvollen Betätigung gesucht. Nach ein paar Gesprächen stand für mich fest, ich werde Notfallseelsorger“, sagt der 65-Jährige und nahm Kontakt zu Torsten Thiel auf, den er bereits von der Polizeiakademie Niedersachsen in Hannoversch-Münden kannte.
 

Polizeiseelsorger Torsten Thiel (49) ist Dekanatsbeauftragter für Notfallseelsorge in den Dekanaten Göttingen und Untereichsfeld.

„Solche Leute brauchen wir!“ , betont Thiel, denn Chrzanowski bringt Erfahrung aus 46 Jahren Polizeidienst mit, wo er auch als Konfliktmanager eingesetzt war. „Und er ist Kircheninsider: ehemaliger Pfadfinder, Gottesdiensthelfer und so weiter“, meint Thiel schmunzelnd. „Generell ist uns bei der Auswahl von ehrenamtlichen Notfallseelsorgern wichtig, dass sie eine kirchliche Anbindung haben. Gut ist auch, wenn sie eine Vorbildung aus einem sozialen oder medizinischen Bereich mitbringen.“

Trotzdem gibt es spezielle Fortbildungen, die alle mitmachen müssen, die Notfallseelsorger werden wollen. Reinhold Chrzanowski hat sie absolviert und ist inzwischen sogar Leitender Notfallseelsorger im Notfallseelsorgesystem Göttingen und Umgebung. Vier solche Systeme, wie die Zuständigkeitsbereiche heißen, gibt es im Landkreis Göttingen. Insgesamt arbeiten hier rund 40 Notfallseelsorger aus der lutherischen, reformierten und katholischen Kirche eng zusammen. „Notfallseelsorger müssen flexibel sein, improvisieren können und sich schnell auf Situationen einstellen“, sagt Thiel. „Immer öfter kommt es vor, dass Angehörige von Unfallopfern plötzlich am Unfallort erscheinen, über soziale Netzwerke bereits vom Unfall wissen. Eventuell haben sie sogar schon Bilder oder Videos davon gesehen, wenn Polizeibeamte in Begleitung eines Notfallseelsorgers eine Todenachricht überbringen. „Dann war das Smartphone wieder einmal schneller, dann sind die ersten Informationen über den Unfall schon brühwarm und ohne Vorbereitung bei den Angehörigen gelandet “, sagt Chrzanowski und schüttelt den Kopf.

Als Notfallseelsorger muss man Fingerspitzengefühl haben. „Wir treffen auf Menschen in einer absoluten Ausnahmesituation, die noch keine Zeit hatten, sich auf den Schmerz und eventuell den Verlust eines lieben Menschen einzustellen“, erklärt Thiel. „Wir sind einfach erst einmal da und reagieren darauf, was die Menschen brauchen: zuhören, die Hand halten – oder einfach schweigen und den Schmerz mit aushalten“, weiß Chrzanowski. „Manchmal, wenn man merkt, dass jemand einen kirchlichen Bezug hat, kann man eine Kerze anstecken und zusammen beten. Es hängt von der jeweiligen Situation ab.“

Notfallseelsorge ist ein Angebot – an alle, egal welcher Konfession oder Religionsgemeinschaft jemand angehört. „Aber wenn uns jemand nicht möchte oder intakte soziale Netze existieren wie häufig noch im dörflichen Bereich, dann ziehen wir uns zurück.“

 

Reinhold Chrzanowski (65) war Dozent an der Polizeiakademie und engagiert sich nun ehrenamtlich als Notfallseelsorger.

Einsätze mit Kindern sind besonders schwer

Schwierig, da sind sich beide Notfallseelsorger einig, sind Einsätze, wo Kinder betroffen sind – direkt oder indirekt. „Das kann man nicht so ohne weiteres wegstecken.“ Oder, wenn das eigene Leben betroffen ist, wie 2010 bei einer Bombenräumung auf dem Göttinger Schützenplatz. Beim Versuch der Entschärfung explodierte die alte Fliegerbombe und es gab Tote. „Hier parken wir oft, bringen unsere Kinder hier entlang zur Schule. Da wird einem ganz anders“, sagt Thiel zurückblickend.

Gleich mehrere Notfallseelsorger waren damals im Einsatz, auch in den Sporthallen, in denen evakuierte Anwohner untergebracht waren. „Darunter auch Bürgerkriegsflüchtlinge und ältere Menschen, die noch den Zweiten Weltkrieg erlebt hatten. Da kamen schlimme Erinnerungen hoch“, sagt Thiel. Er hat heute Bereitschaftsdienst. Doch, Gott sei Dank, noch ist alles ruhig. „Aber das kann sich schnell ändern“, weiß der erfahrene Notfallseelsorger.

Edmund Deppe