06.06.2016

Anfrage

Wer war die Apostelin Junia?

Was hat es mit der Apostelin Junia oder dem Apostel Junias auf sich, die/der im Römerbrief (16,7) erwähnt wird. Stimmt es, dass sich die Theologen immer noch nicht einig sind, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt? M. G., Hannover

Die deutliche Mehrheit heute sagt: Junía war eine Frau. So auch in den ersten Jahrhunderten des Christentums etwa Johannes Chrysostomos († 407): „Wie groß muss die Weisheit dieser Frau gewesen sein, dass sie für den Titel Apostel würdig befunden wurde.“ Später dann war man sich im Westen weitgehend einig, dass die Person Juniãs hieß und ein Mann gewesen sein musste. Die orthodoxe Kirche verehrt Junía als eine der 72 Jünger und Jüngerinnen, die in Lukas 10,1–19 erwähnt werden.

Worum geht es? Am Ende seines Briefes (Kapitel 16) an die Gemeinde in Rom grüßt Paulus etliche Männer und Frauen in Rom. In Vers 7 schreibt er: „Grüßt Andronikus und Junia(s) … sie sind angesehene Apostel und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt.“ 

So die Einheits- wie die Lutherübersetzung; Zürcher und Neue Genfer Übersetzung schreiben Junia. Im griechischen Originaltext steht der Akkusativ des Namens: Junían ist weiblich, Juniãn könnte männlich sein. Den Unterschied macht nur ein Akzent.

Ein Grund für die spätere Vermännlichung des Namens liegt darin, dass die Kirche später als „Apos-tel“ nur noch Mitglieder des Zwölferkreises um Jesus bezeichnete. Zu denen gehörte aber keine Frau.

Dass Paulus auch andere wichtige Zeugen „Apostel“ nannte, war in Vergessenheit geraten. Ebenso die Tatsache, dass Junía (von der römischen Göttin Juno) ein verbreiteter antiker Frauenname war, von dem keine männliche Variante überliefert ist. Also waren Andrónikus und Junía wohl ein Ehepaar, vielleicht Geschwister.

Was genau es bedeutete, dass Paulus sie Apostel nennt, ist etwas weniger klar. Vermutlich waren sie umherreisende Missionare für das Evangelium, die öffentlich auftraten und dafür sogar verhaftet wurden. Ein Amt, das später „epískopos“ hieß und aus dem sich das Bischofsamt entwickelte, war es eher nicht.

Von Roland Juchem