16.01.2013

Deutschland hat zu wenig Geburten – warum nur?

Wohlstandsrisiko Kinder?

Am 20. Januar ist Familiensonntag. Seit 1976 begeht die Kirche diesen Tag. In diesem Jahr steht er unter dem Motto „Alles kommt ins Lot?“. Bislang sieht es nicht so aus: Trotz Millionen für die Familienförderung werden immer noch zu wenig Kinder geboren.

Die Zahlen sind erschreckend. Seit 1971 sterben in Deutschland mehr Menschen, als geboren werden. Während in etlichen europäischen Nachbarländern die Geburtenquote nach dem sogenannten Pillenknick zuletzt wieder deutlich angestiegen ist, liegt sie in Deutschland bei rund 1,4  Kindern und ist damit eine der niedrigsten weltweit. Dass die Gesamtbevölkerung nicht schrumpft, liegt vor allem an der Zuwanderung. Großfamilien gibt es in Deutschland, wenn dann meist unter Migranten oder vereinzelt noch im Osten der Republik. In den alten Bundesländern dagegen bleibt „eine Familiengründung immer häufiger völlig aus“, konstatierte erst im Dezember das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). 

Das Institut, das dem Bundesinnenministerium unterstellt ist, hatte zuvor erstmals die kulturellen Gründe für Deutschlands dauerhaften Babyfrust untersucht. Demnach gelten vor allem bei „Hochqualifizierten“ (etwa Akademiker) Kinder immer häufiger als Wohlstandsrisiko, als Hemmnis beim beruflichen Fortkommen, als „Spaßbremse“. 

Im Beruf weniger Chancen gegen kinderlose Mitbewerber

Vielen Menschen seien neben der Karriere ihr Hobby und der Freundeskreis wichtiger. Kinder stellen immer seltener „einen zentralen Lebensbereich dar“. Frauen befürchteten zudem – oft zu Recht –, dass sie nach einer Kinderpause im Beruf deutlich weniger Chancen gegen kinderlose oder männliche Mitbewerber haben. 

„Familie schaffen wir nur gemeinsam“ lautet das Motto der Jahreskampagne des Deutschen Caritasverbandes (DCV) für 2013. Ähnlich wie viele andere Verbände wünscht sich auch DCV-Präsident Peter Neher von der Politik Verbesserungen – etwa beim Ausbau der Betreuungsplätze oder eine Verlängerung der Laufzeit des Elterngeldes auf drei Jahre. 

Junge Paare sollen „Mut zur Lücke“ haben

Im Gespräch mit dieser Zeitung monierte Neher aber vor allem die „oft grundsätzlich negativen Einstellungen gegenüber Kindern“. Auch würden arbeitende Mütter von ihrer Umwelt viel zu schnell zu „Rabenmüttern abgestempelt“. Von jungen Paaren wünscht sich der Prälat mehr „Mut zur Lücke“. Während in den 1960er Jahren noch jedes deutsche Paar durchschnittlich 2,3 Kinder bekam, würden heute viele zu lange mit dem Kinderkriegen zögern. „Sie denken, erst muss alles perfekt gestaltet sein.“ Vermietern warf Neher vor, Singles oder kinderlose Paare zu bevorzugen. „Wir müssen weg von der Mentalität, Kinder immer nur als Belastung wahrzunehmen.“ 

Dass es auch anders geht, haben uns zuletzt neben der Türkei auch Island, Irland, Frankreich, Großbritannien sowie alle skandinavischen Länder vorgemacht. Hier liegt die Geburtenquote inzwischen wieder bei rund zwei Kindern pro Paar. Zwar gebe es dort zum Teil bessere Betreuungsplätze als in Deutschland. Vor allem aber genießen dort arbeitende Mütter ein besseres Image, urteilt das BiB. Bis sich jedoch in Deutschland „die Bilder in den Köpfen wieder ändern, das dauert“, fürchtet Peter Neher.

Von Andreas Kaiser