29.09.2016

Im Mittelpunkt des Bolivientages in Göttingen: Umweltprobleme und der eigenen Lebensstil

Zwei Balken – eine Botschaft

Zwei Balken, mit Metall verbunden. Holz, das sowohl drei Jahrzehnte Partnerschaft symbolisiert wie die Kreuzigung der Natur: Das Schöpfungskreuz aus Bolivien bildet in diesem Jahr den Mittelpunkt des Bolivientages in St. Michael in Göttingen.

Im Mittelpunkt des Gottesdienstes zum Bolivientag steht das Schöpfungskreuz, das aus zwei aus dem Partnerland stammenden Balken gefertigt ist. Neben Fotos, die die Umweltzerstörung in Bolivien zeigen, finden die Fürbitten Platz. Fotos: Wala

Zwei Balken – das Zeichen, in dem sich Christen vereinen. Hier stammt der Längsbalken aus dem tropischen Tiefland Boliviens, wo immer mehr Regenwald abgeholzt wird – um in Monokulturen Zuckerrohr für Biosprit oder Soja für die Rindermast anzubauen. Aus einer Silbermine im Hochland kommt der Querbalken. Er steht für das, was der Umwelt, aber auch den Bergarbeitern angetan wird: Gift in der Natur, karge Löhne und lebensgefährliche Arbeitsbedingungen.

Dafür steht das Kreuz – und für die bald 30-jährige Partnerschaft zwischen der Kirche von Bolivien und dem Bistum Hildesheim. „Wir haben uns in dieser Zeit auch immer wieder gemeinsam den politischen Herausforderungen gestellt“, sagt Dietmar Müßig. Der Geschäftsführer der Bolivienstiftung Justitia et Participatio verweist auf die Entschuldungskampagne vor fast 20 Jahren, die Rechte der indigenen Bevölkerung und aktuell den Klimawandel.

Die Sorge um das gemeinsame Haus

Im Gottesdienst werden unter anderem Fürbitten an das Kreuz geklebt. „Teilen“, „bewusster Leben“ steht gleich auf mehreren. Sie drücken das aus, was Papst Franziskus mit seiner Enzyklika „Laudato Sí“ als Sorge für das gemeinsame Haus beschrieben hat. 
 

Kein Bolivientag ohne Musik – mit Charango, Gitarre und Panflöte.

„Gott hat uns einen blühenden Garten geschenkt, wir aber sind dabei, ihn in eine von Schutt, Wüsten und Schmutz verseuchte Ebene zu verwandeln“, zitiert Müßig Papst Franziskus. Und dieser Missbrauch, gerade durch die reichen Länder des Nordens, führe in Bolivien zu dramatischen Auswirkungen des Klimawandels: zu langen Dürren, die von Überschwemmungen abgelöst werden, betont Müßig bei der einer Gesprächsrunde zu Laudato sí, die dem Gottesdienst folgt. Und weiter:  „Der Papst hält uns deutlich vor Augen, dass alles miteinander verbunden ist.“

Mit Müßig auf dem Podium: der Umweltbeauftragte der lutherischen Nordkirche, Pastor Jan Christensen. Er verweist auf ein zweites Motiv, dass sich durch die Enzyklika zieht – neben der zerstörten Harmonie von Schöpfer, Menschen und Schöpfung:  „Ändert eurer Verhalten, ändert euren Lebensstil, das ist der Anfang.“
Für den Papst ist das eine Haltung, die direkt aus der christlichen Spiritualität kommt. Aber Christensen weiß, dass nichts schwieriger erscheint, als Gewohnheiten abzulegen: „Deshalb spricht der Papst von nichts weniger als einer kulturellen Revolution, um den Graben zwischen Wissen und Handeln zu schließen. “

Drei Handys, aber keinen Zugang zu Wasser

„Die Begeisterung für Laudato sí ist in Bolivien groß“, ergänzt Irene Tokarski vor den gut 120 Teilnehmern des Bolivientages.  20 Jahre lang hat sie in verschiedenen Funktionen für die Partnerschaft gearbeitet. Seit einigen Monaten ist Tokarski Geschäftsführerin des Deutschen Komitees des Weltgebetstags der Frauen.
In Bolivien werde zurzeit viel für den Umweltschutz getan: „Aus ganz kleinen Anfängen heraus, sogar von Freiwilligen aus Deutschland angestoßen“, berichtet Tokarski.

Aber wirtschaftspolitisch habe die Entwicklung des Landes große Lücken: „Es geht häufig um das, was Gewinn bringt, aber keinen Nutzen für die Menschen.“ So gibt es in Bolivien viele Dörfer, in denen Menschen zwar drei Handys haben – aber keinen Zugang zu fließendem Wasser.

Rüdiger Wala