02.03.2016

Zweite Station des Kreuzwegs der Schöpfung in Langwedel

Zwischen Kreuz und Förderturm

Was haben Heizung und Lichtschalter mit weltweiter Ungleichheit zu tun? Viel, sagt Professor Thomas Sternberg, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken bei der zweiten Station des Kreuzwegs der Schöpfung im Bistum Hildesheim.

Idyllische Landschaft, aus der Tiefe bedroht. 130 Teilnehmer ziehen mit dem bolivianischen Schöpfungskreuz quer durch das Gasfördergebiet in Langwedel bei Verden.  Fotos: Wala

Es ist idyllisch hier. Ein Bach plätschert, die Anhöhen sind sanft, die Luft klar, die Sonne scheint. Psalm 104 erklingt: „An den Ufern wohnen die Vögel des Himmels, / aus den Zweigen erklingt ihr Gesang“ (12). Wie auf Stichwort zwitschert es aus den Bäumen, hämmert ein Specht. Eine Idylle, in Langwedel, beim Auftakt zur zweiten Station des ökumenischen Kreuzwegs der Schöpfung.

Doch die Idylle ist bedroht: „Es gibt Angst hier in der Region“, sagt Pastor Wilhelm Timme aus Wittlohe. Diese Angst kommt aus der Tiefe, als Folge der Förderung von Erdgas. Fracking nennt sich das Verfahren, bei dem  Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden gepresst werden, um in Gestein gebundene Gasvorkommen zu fördern. Drei Kilometer tief und sechs zusätzliche Kilometer in die Weite gehen die Bohrungen.

Eine Folge: Es bebt in den Tiefen unter der Region. Meistens kaum spür-, aber durchaus sichtbar – durch Risse an Häusern.  Erst im Dezember 2015 hat es mitten im Erdgasfördergebiet ein leichtes Beben gegeben. Stärke 1,9, wie das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie  ermittelt hat. Das sechste in den vergangenen acht Jahren.

Aber noch eine Angst gibt es in der Region: Bei der Gasförderung entsteht giftiges Lagerstättenwasser. „Ist wirklich gesichert, dass es nicht mit lebenswichtigem Grundwasser in Kontakt kommt?“, fragt Timme.
Gerade die Kirchen müssen solche Ängste aufgreifen, ist Claus-Dieter Paschek vom Diözesanrat überzeugt: „Wir sind berufen, eine Zukunft für eine Welt nach uns zu gestalten.“ Ein Kreuzweg sei immer ein Anfrage an das eigene Gewissen, an den eigenen Lebensstil.

Vorne das Kreuz, hinter der Förderturm: In seiner Ansprache erinnert ZdK-Präsident Thomas Sternberg daran, dass Wohlstand in Deutschland auch Ungleichheit in der Welt zur Folge hat.

„Es geht um uns bei diesem Kreuzweg, nicht um die Schuld des anderen“, bekräftigt Thomas  Sternberg. Bei seiner Ansprache vor der Kapelle in Schülingen steht er neben dem Schöpfungskreuz. Sternbergs Hand zeigt auf die nahen Türme der Erdgasförderung: „Wir leben hier im Wohlstand,  den unsere Großeltern nicht gekannt haben.“ Das wolle er nicht in Abrede stellen, die Türme seien ein Zeichen dafür. „Aber wir müssen uns da­rüber klar sein, dass mit unserem Wohlstand auch weltweite Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten verbunden sind.“ Beispiel Kleidung: „Das, was wir tragen, wird unter Bedingungen produziert, die wir in Deutschland niemals dulden würden.“

Für Sternberg gibt es „eine Verantwortung für die riesigen sozialen Spannungen in der Welt, der wir uns stellen müssen.“ Allerdings werden minimale Änderungen im Lebensstil, kleine Einschränkungen im Verhalten die Probleme nicht allein lösen können.

Hinzu kommt: „Gerechtigkeit in der sozialen Ordnung der Welt  ist gleichzeitig Rücksicht auf die Schöpfung.“ Denn nicht nur Terror und Krieg treiben Menschen zur Flucht, auch der Klimawandel.

Der Kreuzweg schließt mit einer Hoffnung und einem Zeichen. „Unsere Hoffnung ist, dass wir nach diesem Weg im Gespräch bleiben“, sagt Dieter Sogorski, Pastor am Dom zu Verden, bei der Abschlussandacht.  Denn Ängste können nur miteinander überwunden werden, im Dialog von gasfördernden Unternehmen, von Bürgerinitiativen, von Politik und von Kirche.

Als Zeichen wird ein Baum gepflanzt, zunächst in einem Topf – gefüllt mit Erde, die die Teilnehmer während des Kreuzweges gesammelt hatten. In einigen Wochen wird die Rotbuche einen Platz an der Strecke des Kreuzwegs finden. Noch ist der Setzling klein. Über 30 Meter kann eine Buche hoch werden. Dann wird sie jährlich 3,6 Tonnen Kohlendioxid aus der Luft filtern und so viel Sauerstoff produzieren, wie drei Menschen zum Leben brauchen. Mit Platz für Vögel, wie im Psalm 104.

Rüdiger Wala