06.01.2022

Redakteure der KirchenZeitung beschreiben ihre beeindruckenden Momente

Das hat uns 2021 bewegt

Das Jahr 2021 liegt hinter uns. Wieder haben die Redakteure Ihrer KirchenZeitung für Sie aus dem Bistum und darüber hinaus berichtet. Sie haben eine Menge gehört und gesehen – und dann darüber in der KiZ geschrieben. Was sie ganz besonders beeindruckt hat, haben sie hier notiert – in einem persönlichen Rückblick auf das vergangene Jahr.

Eine Kirche, die anders sein wird

Von Matthias Bode
Im Oktober hat Papst Franziskus eine „Weltsynode“ ausgerufen, an deren Ende „eine Kirche, die anders ist“ stehen soll. Im Mittelpunkt: die Synodalität. Dabei geht es um eine Umgangskultur innerhalb der Kirche, die Teilhabe an der Verantwortung, aber auch den Einsatz für die Welt. Die Themen sind nicht neu. Ich fühlte mich an die Hildesheimer Diözesansynode 1989/90 erinnert, die sich – neben vielen anderen Fragestellungen – damit beschäftigt hat, wie es gelingen kann „auf neue Art Kirche zu sein“, wie Priester und Laien, Haupt- und Ehrenamtliche miteinander umgehen. Und wie die Kirche in die Welt hineinwirken kann. Einige Beschlüsse wurden damals in die Tat umgesetzt, anderes blieb auf der Strecke.  Jetzt geht die Forderung nach einem Umdenken nicht von einem Bistum oder einer kleinen Reformgruppe aus, sondern kommt von ganz oben. Das lässt hoffen, dass am Ende spürbare Veränderungen stehen werden. Bei der Vorstellung des Projektes für das Bistum Hildesheim forderte Bischof Heiner Wilmer eine „Umkehr der kirchlichen Selbstverständlichkeiten“. Dazu gehören freilich viel Mut und die Bereitschaft, sich von manch Liebgewonnenem zu trennen. Kein leichtes Unterfangen.

Matthias Bode ist Chefredakteur der KirchenZeitung

 

Wer wütend die Tür zuknallt …

Von Stefan Branahl
Echte Höhepunkte aus dem vergangenen Jahr können wir ja mit der Lupe suchen. Für mich zählt ohne Frage die Seuchen-Ausstellung im Hildeimer Roemer- und Pelizaeus-Museum dazu. Dreimal habe ich sie mir inzwischen angeschaut, und ich muss sagen, dass es ein absoluter Glücksgriff ist, wie hier ein schwieriges wissenschaftliches Thema fundiert, abwechsulngsreich und spannend zugleich präsentiert wird.

Bei jedem Rundgang gab es bisher etwas Neues zu entdecken, und beim letzten Mal stieß ich auf den Briefwechsel zwischen Forschern, die sich gegenseitig über ihre Ergebnisse informierten. Sie waren sich in bestimmten Fragen nicht nur uneinig, sie zweifelten sogar die Erkenntnisse des anderen vehement an. Trotzdem wäre keiner von ihnen auf die Idee gekommen, den anderen zu diffamieren, vielmehr suchten beide nach überzeugenden Argumenten und stichhaltigen Beweisen für ihre Thesen – immer bereit, den anderen zu hören, sollte er möglicherweise doch auf der richtigen Spur sein.

Diese Kontroverse liegt rund hundert Jahre zurück. Mir fehlt der Durchblick, wer sich am Ende durchsetzen konnte und vor allem, wie sich die beiden Wissenschaftler durch ihre konstruktive Art letzlich gegenseitig angespornt haben, den richtigen Weg zu finden. Ich habe das ungute Gefühl, dass wir inzwischen diese Form von Auseinandersetzung völlig aus dem Blick verloren haben. Wer eine andere Meinung vertritt oder nur Bedenken äußert, wer nachfragt oder zweifelt, wer sich nicht jede offizielle Erklärung zu eigen macht oder Autoritäten anzweifelt, muss damit rechnen, auf üble Art diffamiert oder mundtot gemacht zu werden.  

Mich bedrückt es, dass sich diese Entwicklung mittlerweile durch alle Bereiche unseres Miteinanders zieht – egal ob wir über das Klima reden oder über Corona, über Gleichstellung jeder Art oder internationale Konflikte, über soziale Gerechtigkeit oder die Zukunft unserer Kirche.

Es ist nun mal so: Wer wutschnaubend eine Tür zuknallt, dem fällt es schwer, sie wieder zu öffnen.

 

Eine praktisch frohe Botschaft vor Weihnachten

Von Rüdiger Wala
Es hätte so schön sein können: „Oh, du fröhliche ...“ aus Tausenden Kehlen. Alle Altersgruppen, alle Geschlechter, vereint in im wahrsten Sinne des Wortes großer Runde. Na ja, oval wäre das Runde gewesen. Weihnachtslieder singen im Stadion von Hannover 96. Doch dann war es so, wie wir es schon kennen. Wieder eine Variante des Virus, dessen Name an dieser Stelle mal nicht genannt wird. Aber eines ist anders: Es gibt Impfstoffe, die helfen. Einmal, zweimal und ein drittes Mal zum Boostern. Daher unsere Idee: Impfen statt Singen. In eben jenem Stadion. Ganz ehrlich: Wir hatten keine Vorstellung, auf was wir uns da einlassen würden. Eine Idee, die 1000 und mehr Fragen aufwarf. Angefangen damit, wie viele überhaupt kommen würden ...

Was aber richtig beeindruckend war – innerhalb weniger Tage stand das Gerüst. Durch eine wirklich engagierte Zusammenarbeit: Das Gesundheitsamt der Region Hannover sorgt für den Impfstoff, 96 räumt die Stadionlounge und die VIP-Bereiche leer (und für die Kinder noch Teile des Fanshops als kleine Geschenke), der Arbeiter-Samariter-Bund und die Johanniter organisieren die Impfstraßen für Erwachsene, das Kinderkrankenhaus auf der Bult den Piks für die Fünf- bis Elfjährigen, die Malteser sorgen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt sieben Stunden lang für Kakao und alkohol­freien Punsch. Und die beiden Kirchen? Wir werben mit unseren dann doch überraschend großen Möglichkeiten für die Aktion (das geht, weil’s eine gute Idee ist), singen stellvertretend Weihnachtslieder für die letzten Endes über 2500 Menschen in langen, aber Abstand haltenden Schlangen und versuchen alles zusammenzuhalten. Unterm Strich: War eine echt runde Sache – und eine praktisch frohe Botschaft zwei Tage vor dem Heiligabend.

Zwei Dinge haben mich dann doch überrascht: Zum einen, wie wichtig ein freundliches Willkommen ist. Natürlich gab es Verzögerungen, natürlich hat alles seine Zeit benötigt, bis die Abläufe routiniert eingetütet waren. Zeitweilig waren wir ganz schön hinter den Terminen zurück. Klar wurde gemeckert. Aber nichts, was nicht mit Kakao, Punsch, notwendigen Infos und freundlichen Worten aufgefangen werden konnte. Ein Gedanke, den wir als Kirche gut in dieses neue Jahr übernehmen können. Zum anderen: Malteser-Jacken halten richtig muckelig warm. Ist übrigens ein duftes Team, dass sich da zwischen Milch und Menschenmenge ehrenamtlich engagiert hat. Hat Spaß gemacht. Und es zeigt wieder einmal, dass es ohne Ehrenamtliche schlicht nicht geht. Auch etwas, was wir als Kirche immer wieder ins neue Jahr mitnehmen sollten. Wir vergessen das so leicht.

 

Gänsehaut im Deutschen Theater

Von Johannes Broerman
Was für ein Auftritt! Grund: Innovationspreis 2021 des Landkreises Göttingen, Ort: Deutsches Theater Göttingen. Zeit: ein Montagabend im September. Der Inklusive Campus Duderstadt sorgt für echtes Gänsehautgefühl im Theaterrund. Auf der übergro­ßen Leinwand präsentiert ein Video das Projekt der Caritas Südniedersachsen.

„Wir legen einen besonderen Fokus auf das Thema Inklusion und wollen das hier in der Gesellschaft und in der Region vorantreiben“, erklärt im Film Moritz Heller aus dem Campus-Leitungsteam. Ein Versprechen, das ankommt. Langer Applaus und den Sonderpreis „Integration und Soziales“ gibt’s obendrauf. So kommt Caritas als „starkes Stück Kirche“ an, selbst in Politik und Wirtschaft.

Für den Campus und die Caritas bleibt viel zu tun. Integration, Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe stellen sich nicht von allein ein. Als Beitrag zum Godehardjahr soll Inklusion für alle Interessierten erlebbar werden. Gemeinsam mit der Vinzenz von Paul Schule, der Lebenshilfe, der Stadt Duderstadt und vielen weiteren Akteuren werden Mitmach-Aktionen geplant. Auch Bischof Heiner hat schon zugesagt. Wann? Am 9. Juli 2022 in Duderstadt.

Ich freue mich auf den nächsten Gänsehautmoment.

 

Von Auf-, Um- und Abbrüchen

Von Edmund Deppe
Vieles ist im vergangenen Jahr passiert, Kleines und Großes, Lautes, aber auch Leises. Viele sind aufgebrochen, haben den Pilgerstab in die Hand genommen und sind auf Wallfahrt gegangen. Dabei ging der Weg nicht immer nur in die Ferne, oft wurden Pilgerwege direkt vor der Haustür wie zum Beispiel die heimischen Jakobswege genutzt. „Schöpfungspilger“ waren bei uns im Bistum unterwegs und nicht zuletzt die Klimapilger, die auf ihrem Weg von Zielona Góra in Polen zur Klimakonferenz im schottischen Glasgow auch bei uns Station gemacht haben. Im wahrsten Sinne des Wortes sind sie eingetreten für ihre Überzeugungen für Umwelt- und Klimaschutz.

In der Bildungslandschaft des Bistums hat sich einiges verändert. Für die Bildungsstätte St. Martin in Germershausen bedeutete bereits der letzte Jahreswechsel das Aus. Die Akademie der Diözese Hildesheim ist dann Mitte des Jahres von Goslar nach Hannover umgezogen – und das St. Jakobus­haus in Goslar wurde nach über 60 Jahren geschlossen. Eine Ära ging zu Ende, und ein Stück katholischer Kirche im Harz.

Auch die Begegnungsstätte Kloster St. Ludgerus in Helmstedt – im ehemaligen Zonenrandgebiet – wurde als Einrichtung des Bistums geschlossen. Doch eine kleine Gruppe Engagierter versucht einen Neuanfang, will den Geist von St. Ludgerus weiterhin spürbar wehen lassen.

In den Schulen hat sich gerade auch durch Corona, aber auch durch den Digitalpakt des Bundes einiges verändert. Auch die katholischen Schulen wurden digital weiter ausgestattet, immer mehr Schülerinnen und Schüler werden in iPad-Klassen auf das vorbereitet, das sie demnächst im Beruf – und schon heute in ihrem ganz normalen Alltag – erwartet, auf die digitale Welt. Beeindruckend war für mich die Einweihung des Robotik-Labors an der St. Augustinus Schule in Hildesheim. Als eine von 50 Schulen in Niedersachsen hatte sie den Zuschlag bekommen. Nun können Jugendliche hier praktisch am Modell digitale Arbeitsabläufe selbst programmieren und umsetzen.

Eine andere Änderung in der Schullandschaft macht mich nachdenklich: Der Plan, den konfessionellen katholischen und evangelischen Religionsuntericht an allen Schulen durch einen gemeinsam verantworteten christlichen Religionsuntericht zu ersetzen. Eltern haben sich bei der Taufe ihrer Kinder für eine Konfession entschieden, genauso Religionsehrerinnen und -lehrer aus Überzeugung im Studium. Vielleicht steckt hier eine richtungsweisende Chance für die Ökumene und hoffentlich nicht der Beginn des Abgesangs auf den Religionsuntericht in Richtung „Normen und Werte“.

 

Podcasts, die bereichern

Von Sabine Moser
Als im ersten Lockdown die Gottesdienste fehlten, kamen vier Messdiener der Dominikanerpfarrei St. Albertus Magnus in Braunschweig auf die Idee, einen Podcast zu produzieren. Das sind Videos, die man im Internet anschauen kann. Etwas Klosterfeeling in die Häuser zu bringen, ist seit März 2020 das Anliegen der jungen Leute. Und das ist ihnen sehr gut gelungen, wie sie aus vielen Reaktionen erfahren haben. Auch in Zeiten niedriger Inzidenzen produzierte das Team unter dem Titel „Bis das Kloster klingt“ Podcasts auf dem Youtube-Kanal der Gemeinde. Immer rechtzeitig zur Vorabendmesse samstags um 18 Uhr wird er hochgeladen und kann zudem auf der Homepage der Gemeinde abgerufen werden.
In regelmäßigen Abständen nimmt das Podcast-Team Predigten und Andachten der Patres auf und wird dabei von Musikern der Pfarrei unterstützt. Diese wöchentlichen Beiträge mit Themen wie „Auf das Leben“, „Schmetterlinge und Taucherglocke“, „Dornwald“ oder „Schwerkraft und Gnade“ können jederzeit abgerufen werden. Kurz vor Weihnachten hat das Team außerdem ein Konzert als hybride Veranstaltung live und als Stream organisiert.
Mich fasziniert, wieviel Zeit, Einsatz und Herzblut die jungen Leute seit fast zwei Jahren regelmäßig investieren. Besonders beeindruckt bin ich, dass sie in einer gerade für junge Menschen schwierigen Zeit den Kopf nicht in den Sand stecken, sondern sich so aktiv für ihr Projekt und ihre Pfarrgemeinde engagieren. Das macht Hoffnung.