06.02.2021

Seit 1986 Misereor Hungertuch-Wallfahrt

Das Hungertuch kehrt zurück

Die Geschichte der Misereor Hungertuch-Wallfahrt begann 1986 in Hildesheim. Seitdem wird das riesige Transparent zu Beginn der Fastenzeit quer durch Deutschland getragen. Von Beginn an dabei: Mattias Hey (48) aus Hannover.

1986 begann in Hildesheim die Tradition der Hungertuchwallfahrt.

Es war eine eher spontane Aktion: Als die Misereor-Fastenaktion vor 35 Jahren im Bistum Hildesheim eröffnet wurde (übrigens war das auch der Beginn der Bolivienpartnerschaft), schnappten sich ein paar junge Leute das Hungertuch, damals gestaltet mit Motiven aus Peru, und trugen es in einem Nachtmarsch vom Dom zur Eröffnungsveranstaltung im Kuppelsaal Hannover. 40 Kilometer immerhin – aber im Vergleich zu dem, was danach kam, eher ein übersichtlicher Spaziergang; denn bereits ein Jahr später war eine ganz andere Strecke zu bewältigen, Mannheim war das Ziel.

Inzwischen gehört die Wallfahrt mit dem Hungertuch zum festen Programm des katholischen Hilfswerks. Start ist traditionell der Eröffnungsort des Vorjahres. Dann geht es rund um die Uhr oft quer durch Deutschland. Eine Woche sind die Teilnehmer unterwegs, dreimal am Tag lösen sich die Gruppen ab.

Große Hungertuchwallfahrt fällt Corona zum Opfer

Eigentlich stand dieses Jahr die Strecke von Erfurt nach Hildesheim auf dem Programm – im Vergleich beispielsweise zu 1997 (Paderborn – Eichstätt) eher ein Klacks. Doch Corona hat einen Strich durch die 35. Hungertuch-Wallfahrt gemacht, bedauert Matthias Hey aus der hannoverschen Gemeinde St. Heinrich. Als junger Schüler war er 1986 bei der ersten Nachtwanderung dabei, und seitdem hat ihn die Begeisterung für die Aktion nicht mehr losgelassen. „Für mich ist diese Woche unterwegs ein persönlicher Einstieg in die Fastenzeit“, nennt er einen der Gründe. Nicht weniger wichtig für ihn die anderen: „Eine Woche mal völlig raus aus dem Alltag, einen Weg der Hoffnung wirklich gehen, Gemeinschaftserfahrung, Wiedersehen mit Freunden der Wallfahrtsfamilie, persönliche Grenzen erfahren“, listet er auf. Aber auch: „Unterwegs machen wir auf das wichtige Anliegen von Misereor aufmerksam, kommen mit den Menschen über weltweite Gerechtigkeit ins Gespräch.“
 

Matthias Hey (links) ist von Anfang an bei der Hungertuchwallfahrt dabei.

Das allerdings wird nicht gerade leichter; gerade in den ersten Jahren machte die Pilgergruppe häufig Station in Pfarrgemeinden am Weg, konnte dort übernachten, wurde verpflegt und kam während einer Begegnung vor Ort mit den Menschen ins Gespräch. „Aber die Situation hat sich stark geändert“, beob­achtet Matthias Hey. Gemeindestrukturen sind weggebrochen, es fehlt an ehrenamtlichem Einsatz, viele Verbände sehen sich aus Altersgründen nicht mehr in der Lage, die Wallfahrer tatkräftig zu unterstützen.

Entmutigen lassen sich die Botschafter des jährlich neuen Misereor-Mottos (in diesem Jahr: „Es geht! Anders“) nicht. Denn Mut machten in den vergangenen 35 Jahren nicht nur die zahlreichen Besuche in Schulen, Kindergärten und – trotz allem – Gemeinden unterwegs, sondern auch die Begegnungen mit interessierten Menschen entlang der Strecke, die durch das riesige Hungertuch auf die Gruppe aufmerksam wurden. „Viele kurze, aber intensive Gespräche haben sich ergeben“, erinnert sich Matthias Hey. Manchmal reichte ein einziger Satz für einen Motivationsschub: „Pilgern ist wie Beten mit den Füßen“ habe ihnen ein Bischof mal mit auf den Weg gegeben. „So was hat mich dann bei Dunkelheit oder im Dauerregen schon beschäftigt“, sagt Hey. Und ein bisschen stolz war er auch, wenn die ganze Pilgergruppe nicht nur von Bürgermeistern, sondern auch von Ministerpräsidenten und im Bundeskanzleramt empfangen wurden.

Matthias Hey bringt das Hungertuch in den Gottesdienst

Wie gesagt – die große Wallfahrt von Erfurt nach Hildesheim ist abgesagt. Matthias Hey wird trotzdem mit zwei, drei anderen das Hungertuch (diesmal mit Motiven der in Chile geborenen Künstlerin Lilian Moreno Sánchez unter dem Gedanken „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“) zum Eröffnungsgottesdienst in den Dom tragen. Von Hannover. Wie vor 35 Jahren, nur in umgekehrte Richtung. Für ihn auch ein Symbol für das Motto der Fastenaktion: Geht doch! Anders.

Stefan Branahl