20.11.2020

St. Norbert in Friedland

Die „Heimkehrerkirche“

Seit Bestehen des Grenzdurchgangslagers Friedland wurde hier Gottesdienst gefeiert. Von Anfang an suchten und fanden viele Menschen, für die ein neues Leben begann, im Gebet und im Gottesdienst Trost und Ermutigung. Im zweiten Teil unserer Serie zu 75 Jahre Friedland steht die St.-Norbert-Kirche im Mittelpunkt.

Die Lagerkirche St. Norbert wurde 1955,
also vor 65 Jahren, geweiht.

Nachdem von 1945 bis 1949 in einfachen Baracken evangelischer und katholischer Gottesdienst gefeiert worden war, konnte die evangelische Kirche im Jahr 1949 eine hölzerne – noch heute in Benutzung befindliche – Lagerkapelle einrichten, wie auch seitens des Bistums Hildesheim durch Bischof Joseph Godehard Machens der Bau einer neuen katholischen Kirche überlegt wurde. Ein ortsansässiger Architekt fertigte einen Entwurf für eine Kirche mit rund 300 Plätzen, für dessen Realisierung die Bischöfe von Hildesheim, Osnabrück, Aachen und Münster sowie die Erzbischöfe von Köln und Paderborn ihre Diözesanen in einem gemeinsamen Spendenaufruf umgehend um Unterstützung baten. Doch auch wenn dieser Aufruf ein durchaus positives Echo fand: für Lagerpfarrer Josef Krahe kam der kirchlichen und caritativen Begleitung der gerade jetzt deutlich zunehmenden Heimkehrer- und Aussiedlertransporte größere Bedeutung zu, weswegen zunächst „nur“ eine neue – und weiterhin provisorische – Holzbaracke als katholischer Gottesdienstraum genutzt wurde.

Kirche als Zeichen für eine neue Heimat
 

Über dem Altar hängen Dornenkrone und Krone. Hier verbinden sich Leid und Erlösung.

Erst Anfang 1953 nahm Lagerpfarrer Krahe dieses Thema wieder auf, indem er unter anderem an den Bundesminis­ter für gesamtdeutsche Fragen schrieb: „Immer notwendiger erweist sich … der Bau einer Kirche. Diese Kirche soll gerade für die Flüchtlinge da sein, die damit erst recht eine neue Heimat bei uns finden. Dieses Problem wurde in diesen Monaten noch dringender, da viele Eichsfelder aus dem sogenannten Sperrzonenbezirk nach hier gekommen sind, die sowohl in Friedland selbst wie in unmittelbarer Nähe angesiedelt werden. Die Heimatkirche dieser Leute etwa in Hohengandern und in Kirchgandern ist geschlossen. Die Heimat ist verloren. Hier soll ihnen eine neue Heimat werden gerade auch durch die Kirche.“

In enger Abstimmung mit dem Lagerpfarrer zeichnete der – evangelische – Göttinger Architekt Friedrich Wagener eine Planserie für eine Kirchenanlage mit Kirche, Turm, Pfarrhaus, Gemeindehaus, Kindergarten und Küsterhaus, doch das Hildesheimer Generalvikariat lehnte diesen Entwurf ab: die Anlage würde „erheblich über den Rahmen des Notwendigen hinausgehen“ – weswegen der Architekt die Pläne durch den Verzicht auf ein Atrium und einige Nebengebäude noch einmal ein wenig modifizierte.

Was Krahe beim Bau der neuen Kirche miterreichen wollte, zeigt ein Brief aus dem März 1953, in dem er schrieb: „Die Kirche soll … das sichtbare Denkmal werden für die über 2 Millionen Heimkehrer und Vertriebene, die durch Friedland gegangen sind. Darüber hinaus eine Gedächtnisstätte für die Gefallenen des Krieges, gleichzeitig aber auch ein Mahnmal für den Frieden der Völker. Wir wollen diese Kirche aber auch sehen als den Ruf des Volkes nach all den vielen tausenden Männern und Frauen, die noch immer in den Lägern und Gefängnissen der östlichen Welt sich befinden. Diese Kirche würde damit die Mitte des Friedland-Gedächtniswerkes bilden. Sie sollte aber auch hier unmittelbar an der Zonengrenze von unserem Wollen künden, von dem Ringen um unsere Freiheit und von dem Wiederaufbau unserer Heimat.“
 

Bis 1950 war die erste Lagerkapelle Anlaufpunkt für viele Vertriebene, Flüchtlinge, Aussiedler und Heimkehrer aus Kriegsgefangenschaft.

Am 2. September 1954 erfolgte die Grundsteinweihe – und am 18. Dezember 1955, also vor 65 Jahren, wurde die St.-Norbert-Kirche in Friedland durch den Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings konsekriert; übrigens mitten in einer auch für das Grenzdurchgangslager Friedland besonders ereignisreichen Zeit, kehrten jetzt doch die letzten 11 000 deutschen Kriegsgefangenen aus Russland nach Deutschland zurück – begrüßt auf dem großen Platz vor der St.-Norbert-Kirche durch Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer und den niedersächsischen Ministerpräsidenten Heinrich Hellwege.

Die Architektur der St.-Norbert-Kirche

Die direkt an der Heimkehrerstraße gelegene St.-Norbert-Kirche ist als Saalkirche mit einem kleinen Seitenschiff und einer Taufkapelle konzipiert, ihre Fundamente und Stützen bestehen aus Stahlbeton und ihre Umfassungswände aus Ziegelsteinen mit einer Klinker-Verblendung. Als separater Baukörper befindet sich zwischen Kirche und Pfarrhaus der weithin sichtbare Kirchturm – in gewisser Hinsicht wie die Friedland-Glocke eine Art Wahrzeichen des Grenzdurchgangslagers. Der über dem Haupteingang zur Kirche auf Initiative von Lagerpfarrer Krahe vermauerte Stein aus dem Xantener Dom trägt die Inschrift „REDE-/UNITI-BUS-/PATRIAM/PEREGRI-/NATIBIS/+PACEM/+1955“, übersetzt „Den Heimkehrenden das Vaterland, den Umherziehenden Frieden“. Daher rührt auch der Name „Heimkehrerkirche“ unter dem St. Norbert deutschlandweit bekannt geworden ist.

Bilder und Kunstwerke erzählen Geschichten

Die Ausstattung der St.-Norbert-Kirche spiegelt auf vielfältige Weise die Funktion des Grenzdurchgangslagers Friedland wider, indem sie von Flucht, Vertreibung und Heimkehr erzählt. Unter anderem durch Grete Badenheuers Wandbehang „Der verlorene Sohn“, eine keinem Künstler zuzuordnende Ölkreidezeichnung „Maria hinter dem Stacheldraht“, Fritz Theilmanns Relief mit Szenen aus dem Krieg und der Gefangenschaft, Elena Mazzaris Bild „Friedland unter dem Kreuz“ oder Christa Adrians Kreuzweg – die allesamt auf den großen, von Friedrich Wagener – dem Architekten der Kirche – entworfenen Altar „zielen“.

Bis heute ist die St.-Norbert-Kirche ein Ort, den Tag für Tag Menschen – Christen wie Nichtchristen – aufsuchen und hier „zur Ruhe kommen“, sprich: ihr Leben reflektieren und verorten, angesprochen durch die „Geschichten“, die ihre Ausstattung erzählt.

Thomas Scharf-Wrede