11.06.2022

Künstlerin INK

Die Frau, die alles zeichnen kann

INK hat schon als kleines Mädchen gezeichnet. Jeder konnte ihre Begabung sehen. Aber erst, als sie 40 Jahre alt wurde, begann ihr Künstlerinnenleben so richtig. Über eine Frau aus dem Spessart, die ohne ihre Bleistifte nicht leben kann, und die heute für ihre Kunst gefeiert wird.

Manchmal muss es einfach der sein. Der Mann in der Cafébar zum Beispiel. Ingrid Sonntag-Ramirez Ponce, Künstlername INK, überwindet sich. Sie zückt ihre Visitenkarte, geht auf den Wildfremden zu und fragt: „Würden Sie sich zeichnen lassen?“ Der Kaffeemann wurde in ihrer Kunst zu „Jesus Christ Superstar“. Was genau ihr sagt: Der ist es! kann INK nicht sagen. Sie weiß es einfach.

Sie sieht jedes Detail. Und sie kann es zeichnen. Aber ihre Kunst geht tiefer. Ingrid Sonntag-Ramirez Ponce ist bekannt unter ihrem Künstlernamen INK. Foto: Ruth Lehnen
Sie sieht jedes Detail. Und sie kann es zeichnen. Aber ihre Kunst geht tiefer. Ingrid Sonntag-Ramirez Ponce ist bekannt unter ihrem Künstlernamen INK.

Besuch im Atelier der Künstlerin. Sie heißt INK, weil sie schon als Kind immer gezeichnet hat, damals mit Tinte (ink). Ihre Geschwister nannten sie so, eine Anspielung auch auf ihren Vornamen. Heute arbeitet INK vor allem mit Bleistift. Ein angefangenes Werk steht auf der Staffelei. Kein Foto kann einfangen, was man da zu sehen kriegt. Eine Bleistiftzeichnung, mehr als lebensgroß, ein Männerarm mit Maurerkelle. INK reicht eine Lupe: Da kann man mal schauen, ob es ihr gelungen ist, das Flanellhemd des Mannes wiederzugeben. Beim Betrachten stellt sich ein leichter Schauder ein: Die Zeichnung vermittelt die perfekte Illusion – der Flausch des Hemdes ist zu spüren, obwohl ihn nur das Auge sieht. Ein Teil des Geheimnisses sind die vielen winzig kleinen Striche. Ein anderer Teil liegt in der Geduld der Künstlerin, die sich für wenige Zentimeter einer Zeichnung stundenlang Zeit nimmt. 

Doch da ist noch mehr – sie hat zugleich Michelangelo zitiert, der Gottes und Adams ausgestreckte Hände gemalt hat. Bei INK ist die „Erschaffung“ ein Schöpferakt mit Maurerkelle. Sie hat eine Hand mit Muskeln und Sehnen aufs Papier gebracht, die Hand eines Mannes, der zupacken kann. 

Vor der Staffelei die Bleistifte, in verschiedenen Härten, auf verschiedene Weise gespitzt und geschliffen. Neben den Bleistiften steht ein Fläschchen mit Weihwasser. Bevor sie mit dem Zeichnen beginnt, bekreuzigt sich INK damit. Ungewöhnlich für eine Protestantin, aber INK hat sich ganz der Ökumene verschrieben. Das kleine Ritual mit dem Weihwasser hilft ihr: „Ich bitte um Kraft, und ich kriege Kraft.“ 

INK hat ihr Atelier in Oberndorf im Jossgrund: nach Bad Orb und dann zwölf Kilometer durch den Wald, das passt zu ihr. Gleichzeitig ist sie weltläufig, ist oft in der Heimat ihres Mannes im spanischen Andalusien und oft unterwegs zu Ausstellungen. Im Sommer wird sie eines ihrer Werke zur weltgrößten Biennale für Kunst auf Papier nach Lucca in Italien begleiten. Es wurden 18 Künstler aus aller Welt mit ihren Werken ausgewählt, darunter INK aus Jossgrund.

Die Kunst von INK hat immer etwas Dialogisches. Mal nimmt sie sich die Bibel vor, um ihren Kommentar dazu abzugeben, mal tritt sie in Dialog mit den alten Meistern. Sie ist in ständiger Auseinandersetzung.

Manches von dem, was sie tut, geht über ihre Kräfte. Die Künstlerin hat eine schwere Krebserkrankung überstanden. Sie hat Corona überstanden. Sie sagt: „Wenn ich mich entschlossen habe, gebe ich alles. Ich will nicht diese Grenzen. Ich will über sie hinauswachsen.“ Über die eigenen Grenzen hinauszugehen, hält sie ganz allgemein für eine Eigenschaft von Frauen.

Sie selbst ist oft über Grenzen gegangen. Eine wichtige hat sie an ihrem 40. Geburtstag überschritten. Das verdankt sie ihrem Mann. Der wusste, was sie kann als Zeichnerin, obwohl sie als Bankkauffrau arbeitete. Er wusste auch, dass sie damals ihrem Talent nicht wirklich über den Weg traute. Er schleppte sie und ihre Arbeiten zu einer Galeristin nach Frankfurt. Der Termin war seine Geburtstagsüberraschung. INK hat die Geschichte schon oft erzählt, aber sie ist immer noch frisch, immer noch berührend: Der Mann, der seine Liebste besser kennt als sie sich selbst. Die Galeristin, die wenig Zeit hat und sich dann doch Zeit nimmt, weil ihr solche Arbeiten noch nicht untergekommen ist. Es ist die Geburt einer Künstlerin an ihrem 40. Geburtstag. Von dem Tag an wusste INK, was sie zu tun hat. Zeichnen.

Ganz selten bedauert sie, dass sie viel Zeit verloren hat. Heute weiß sie: „Zeichnen ist meine Sprache.“ Meist arbeitet sie in Schwarz und Weiß. Das sind ja keine Farben, erklärt sie: Es geht um Licht oder kein Licht. Schwarz und Weiß sind für sie „eine Form, die Welt zu beleuchten“. Sie möchte etwas zurückgeben von dem, was sie ihre Gottesgabe nennt: von ihrem Talent. Seit Jahren engagiert sich die Mutter einer Tochter und eines Sohns für missbrauchte Kinder auf den Philippinen und ist für Frauenprojekte aktiv. 

Die 56-Jährige kann alles zeichnen, auch Pflanzen, Gegenstände. Aber Menschen sind ihr Hauptthema. Es fällt auf, dass sie immer wieder auf die Bibel und den Glauben zurückkommt. Nicht nur bei der „Grablege Christi“, auch in ihrem Projekt „Another Day in Paradise“ („ein anderer/weiterer Tag im Paradies“). Sie zeichnet vor allem Evas, verträumte und wütende. Evas, die die Machtverhältnisse umdrehen wollen. Aber INK wirkt nicht wütend, sondern freundlich. Künstlergehabe ist nicht ihr Ding.

Korrekturen sind bei ihrer Art zu arbeiten nicht möglich. Radieren geht nicht. Ingrid Sonntag-Ramirez Ponce weiß also immer: Jetzt gilt’s. Mit Stift und Papier sucht INK nichts weniger als die Wahrheit.

Ruth Lehnen