26.08.2021

Ausstellung im Roemer-Pelizaeus-Museum

Die spannenden Seiten der Seuchen

Eine Ausstellung, wie sie bisher noch nie zu sehen war. Nicht weniger verspricht das Hildesheimer Roemer-Pelizaeus-Museum: Ab Oktober wird die Schau „Seuchen. Fluch der Vergangenheit – Bedrohung für die Zukunft“ präsentiert. Konzipiert ist sie als begehbares Buch  in 40 Kapiteln. Einmalige Objekte werden präsentiert in Forschungslabors, der weltberühmten Bibliothek von Alexandria und dem historischen Anatomiesaal von Padua.

Um das von Emil Behring entdeckte Serum gegen Cholera in ausreichender Menge zu gewinnen, musste Pferden Blut abgenommen werden. Thea Szanto (links) und Madeleine Alsen stellen die Szene für die Seuchen-Ausstellung nach.

Die Situation war nicht despektierlich, sie diente lediglich Demonstrationszwecken. Der Herr Professor stand da in heruntergelassenen Hosen! In der Ausstellung „Seuchen“, die derzeit unter Hochdruck im Roemer-Pelizaeus-Museum vorbereitet wird, sehen wir den Nobelpreisträger Emil Behring dann im geordneten Beinkleid. Damit bleibt den Besuchern verborgen, dass sein Torso auf zwei simplen Dachlatten aus dem Baumarkt montiert ist.

Thea Szanto und Madeleine Alsen, die beiden Restauratorinnen des Museums, werden gleich noch genauer erklären, was es mit den improvisierten Standbeinen des berühmten Wissenschaftlers auf sich hat und warum er neben einem Pferd zu sehen sein wird. Zunächst aber ist Kurator Oliver Gauert an der Reihe, der die Ausstellung selbstbewusst mit Superlativen bewirbt: „Weltweit einmalig“ sei die multimediale Schau über die übelsten Krankheiten der Menschheitsgeschichte. Zwar habe sich im vergangenen Jahr eine große Ausstellung in Herne mit der Pest befasst. „Aber wir präsentieren erstmals die gesamte Geschichte der Seuchen aus medizinischer, technischer sowie kunst- und kulturgeschichtlicher Perspektive.“

Überrascht von der Aktualität des Themas

Der Bogen spannt sich von den alten Ägyptern, die sich nachweislich mit schlimmen Abszessen und der Tuberkulose herumplagen mussten, über das Mittelalter bis hin – na klar – zu Corona. „Als wir vor drei Jahren mit den Planungen begonnen haben, konnten wir nicht ahnen, wie sehr uns das Thema Seuchen aktuell beschäftigt“, sagt Gauert. Als Kurator für die großen Sonderausstellungen des Hildesheimer Museums ist er gewohnt, tief in die jeweilige Materie einzutauchen. Aber Typhus, Pest und Cholera und all den anderen gefürchteten Krankheiten auf den Grund zu gehen – das sei schon eine besondere Herausforderung gewesen. „Es kommt mir vor, als hätte ich ein weiteres komplettes Studium hinter mich gebracht.“ Jetzt ist er soweit auf dem Stand der Dinge, dass seine die Ausstellung begleitenden Texte in Fachkreisen große Anerkennung finden: „Kurz, präzise und informativ“, habe das Urteil nach der Durchsicht gelautet.

Konzipiert hat Gauert die Ausstellung „Seuchen. Fluch der Vergangenheit – Bedrohung der Zukunft“ als eine Art begehbares Buch. Aufgeschlagen werden 40 Kapitel, die sich jeweils einer Krankheit widmen. 1800 Quadratmeter Museumsfläche werden dafür komplett neu gestaltet. Die Besucher können unmittelbar in die jeweiligen Szenen eintauchen. Aufwendige Kulissen wie Laborräume oder Krankenstationen bilden den Rahmen für Gemälde, Präparate, antike Reliefs, medizinische Apparate, wertvolle Bücher und Dokumente.
Ideen entwickeln für eine Ausstellung der Superlative – das ist eine Seite der Medaille. Sie publikumswirksam umzusetzen eine ganz andere. Dafür sind Kreativität, Vorstellungsvermögen, Improvisationskunst nötig. Darum jetzt zurück zu Thea Szanto und Madeleine Alsen, die eine spezialisiert auf die Restauration von alten Möbeln und Holzobjekten, die andere auf archäologisches und ethnologisches Kulturgut. Alte Betten im Internet ersteigern, ein weißes Pferd in Lebensgröße organisieren oder einen Blutkuchen aus Epoxidharz gießen, das gehört also nicht unbedingt zu ihren alltäglichen Aufgaben. Warum wird das für eine Seuchenausstellung gebraucht?

Behrings Kampf gegen „die Geißel der Kinder“

Als Antwort zeigt Madeleine Alsen ein historisches Bild von Wissenschaftlern in knöchellangen weißen Kitteln, die im Labor einem Schimmel Kanülen anlegen. Emil Behring hatte 1890 gemeinsam mit einem japanischen Bakteriologen ein Mittel gegen die Cholera, eine Infektionskrankheit der übelsten Sorte, entdeckt, an der allein in Preußen damals jährlich durchschnittlich 25 000 Säuglinge und Kleinkinder starben. Damit das Impfserum in ausreichender Menge gewonnen werden konnte, musste Blut von möglichst gro­ßen Tieren abgenommen werden, Pferde erwiesen sich als bestens geeignet. „Genau diese Szene stellen wir nach“, sagt Madeleine Alsen. Dafür also das Pferd, dafür eine Puppe, die zum 1901 mit dem Nobelpreis geehrten Professor Behring umfunktioniert ist.
 

Für den Nachbau der Bibliothek von Alexandria entstanden Papyrusrollen in Heimarbeit.

Noch herrscht das Durcheinander in den Ausstellungsräumen. Bretter und Kis­ten, halbfertige Aufbauten, Werkzeug liegt herum. Die ersten großformatigen Fotos hängen an den Wänden. In einer Ecke steht eine viele Zentner schwere Eiserne Lunge, das erste klinische Gerät, das eine maschinelle Beatmung von Polio-Patienten möglich machte. Unser Weg führt vorbei am Arbeitszimmer von Paul Ehrlich, der als Begründer der Chemotherapie (gegen Syphillis) gilt; sein wuchtiger Labortisch aus Eichenholz ist nach Bildern rekonstruiert, bald werden darauf die von ihm benutzen Geräte arrangiert. In einem anderen Raum stehen zwei ramponierte Metallbetten, hier wird in den nächsten Tagen ein Krankenzimmer für Leprakranke nachgebaut.

Wir gehen ins Obergeschoss und stehen in der Bibliothek von Alexandria, in der antiken Schatzkammer des Wissens. Ein verkleinerter Nachbau, aber eingerichtet mit so viel Liebe zum Detail, dass mir die Spucke wegbleibt. 4000 Schriftrollen haben Thea Szanto und Madeleine Alsen und die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums für die von Säulen gestützen Regale nachgebildet, in Heimarbeit! Damit das Papier aussieht wie Papyrus (der größte Teil der 700 000 Originale verbrannte 48 nach Christus) wurde tief in die Trickkiste gegriffen: „Wir haben das Papier mit Zitronensäure, Tee und Kaffee gefärbt, im Backofen getrocknet, zerknüllt und anschließend gebügelt“, erzählen die beiden Restauratorinnen. Ab Oktober werden in der Bibliotheksnachbildung über 3000 Jahre alte medizinische Fachbücher aus Ägypten präsentiert.

Ist das zu toppen? Es ist; am Höhepunkt der Ausstellung arbeiten derzeit die Tischler: Als originalgetreuer Nachbau entsteht der historische Anatomiesaal der Universität Padua. Am Computer-Seziertisch können wir den menschlichen Körper erforschen. Und die Medizinische Hochschule Hannover, neben dem Paul-Ehrlich-Institut Kooperationspartner, lädt zu Vorlesungen ein.

Die Seuchen-Ausstellung wird – darauf deutet schon jetzt alles hin – ein Knaller. Für Hypochonder dürfte sie vermutlich ungeeignet sein.

Stefan Branahl