05.08.2022

Gespräch mit fiph-Direktor Jürgen Manemann

Die Welt im Krisenmodus

Klimakatastrophe, Corona, Ukraine-Krieg – überall herrscht Krisenmodus. Wie lässt sich das alles verkraften und welche Rolle sollte die Kirche in dieser Lage spielen? Ein Gespräch mit dem Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover (fiph), Jürgen Manemann.

Herr Professor Manemann, steht die Gesellschaft vor einem Kollaps? 

Wir müssen erkennen, dass die Krisensituation, in der wir uns befinden, kein vorübergehender Zustand sein wird. Wir werden lernen müssen, dauerhaft mit Krisen zu leben. Um den Kollaps zu vermeiden, benötigen wir Haltung und Widerstandsfestigkeit. Wer Haltung besitzt, findet in unsicheren Zeiten Halt. Haltung prägen wir aus, indem wir Werte leben und sie dadurch verinnerlichen. Widerstandsfestigkeit ermöglicht es uns, selbst in Situationen der Katastrophe ein humanes Leben zu führen. Haltung können wir uns erarbeiten. Widerstandsfestigkeit lässt sich nicht herstellen, sie kann sich nur einstellen. Unerlässlich dafür sind die Fähigkeit, verwundbar zu sein durch das Leid anderer, und Selbstwirksamkeit, die Erfahrung, Veränderungen bewirken zu können. 

Was macht Ihnen momentan am meisten Sorge?

Dass das Leid der Menschen in der Ukraine sich auf unabsehbare Zeit nicht nur fortsetzt, sondern noch verschärft. Dass es nicht gelingt, den Kriegsverbrecher Putin zu stoppen. Erschrocken bin ich aber auch darüber, dass die Erde im wahrsten Sinne des Wortes brennt. 

Was kann die Kirche angesichts der Klimakrise tun?

Wir Christinnen und Christen müssten eigentlich aufschreien. Aber die Kirche verhält sich bislang eigentümlich mitleidlos gegenüber den zukünftigen Generationen und auch gegenüber den nicht-menschlichen Lebewesen. Ja, es gibt viele Papiere, Verlautbarungen, Predigten, in denen die Enzyklika Laudato si‘ von Papst Franziskus zitiert wird. Unzählig sind die Forderungen zur „Bewahrung der Schöpfung“. Auch gibt es viele einzelne Umweltaktionen. Aber all die Worte und Aktionen haben bislang keine Taten hervorgebracht, die der Höhe der Herausforderung angemessen wären. Gerade ein Blick in den sogenannten „Umweltbericht“ der katholischen Kirche offenbart, dass diese bislang wenig bis gar nichts gemacht hat. Aber es könnte sich etwas ändern: So will etwa die Caritas bis 2030 klimaneutral sein und zurzeit sind auch einige Bistümer dabei, endlich einen echten Nachhaltigkeitsplan zu entwickeln. Wir werden sehen, ob diese Pläne von der Hoffnung zeugen, die uns Christen auszeichnen sollte, oder ob wir mit ihnen letztlich wieder die eigenen Ansprüche unterlaufen.

Was sind die Ursachen dafür, dass die Kirche so passiv ist?

Das hat mehrere Ursachen. Wir haben uns von der Schöpfung entfremdet. Hinzukommt, dass die Kirche als Institution zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Sie ist weniger geprägt durch Sensibilität als durch Sentimentalität. Sie tut sich leid. Sie erweckt den Eindruck, dass sie mehr Mitleid mit sich hat als mit der Welt. Anstatt sich ernsthaft um die ökologische und klimatische Katastrophe zu sorgen, versinkt sie in Selbstmitleid über den eigenen Relevanzverlust.

Wie meinen Sie das?

Ich sehe die Kirche mit zwei Krisen konfrontiert, einer Kirchenkrise und einer Identitätskrise. Die im engeren Sinne als Kirchenkrise bezeichnete innerkirchliche Erschütterung ist das Resultat vermachteter klerikaler Strukturen; während die Identitätskrise durch eine Verbürgerlichung des Christentums ausgelöst wurde. Diese äußert sich vor allem darin, dass wir Christinnen und Christen den praktischen Kern der Botschaft nur allzu gern verdrängen. Natürlich engagiert Kirche sich auch sozial. Wie viele Privatpersonen und andere zivilgesellschaftliche Akteure kümmert auch sie sich um Geflüchtete aus der Ukraine. Aber insgesamt muss leider festgehalten werden, dass das soziale Engagement sich selten in einer Nachfolge ausdrückt, die darum weiß, dass sowohl unser Handeln als auch das zu bekämpfende Leid von Kontextbedingungen abhängig ist. Will Nachfolge mehr sein als die Verwaltung von Not, so hätte sie auf diese Bedingungen verändernd zu wirken. Christliche Nachfolge ist Mitarbeit am Reich Gottes. Sie zielt auf eine neue Welt in dieser Welt. Ohne diese Nachfolge wird Kirche zu einem Schneckenhaus, in das Christen sich immer mehr zurückziehen. Schließen wir uns nicht immer mehr ab? 

Was muss Ihrer Meinung nach passieren? 

Beide Krisen offenbaren, dass die Kirche an einer Selbstbezüglichkeit leidet, die erst aufgebrochen wird, wenn es ihr gelingt, sich von der Fixierung auf das institutionelle Überleben zu verabschieden. Es kommt darauf an, Kirche- und Christsein als Lebensform wiederzuentdecken, Auferstehung nicht zu predigen, sondern Auferstehung als Lebensform zu leben. Und das bedeutet, jegliche Komplizenschaft mit dem Tod zu verweigern, im alltäglichen Leben gegen die vielen kleinen Tode anzukämpfen, also den Tod durch Verlassenheit, den Tod durch Unsichtbarkeit, den Tod durch Apathie, den Tod durch Bequemlichkeit, den Tod durch Zufriedenheit, den Tod durch Vergessenheit. Aber das heißt auch, das Leben vor dem Tod zu feiern. Hoffnung auf Auferstehung heißt Aufstehen für eine neue Welt. 

Hat die Kirche Ihrer Einschätzung nach die Kraft dazu? 

Die Kirche ist mutlos. Sie könnte aber neuen Mut schöpfen, wenn sie sich daran erinnerte, dass sie nicht das Projekt der Bischöfe, Priester und Laien ist, sondern das Projekt der Liebe Gottes zu den Menschen. Wenn wir als Kirche mutlos, resignativ, ja deprimiert sind, dann müssen wir uns ernsthaft fragen, ob wir noch an Gott glauben, ob wir nicht mittlerweile Gott, wie Dorothee Sölle es einmal ausgedrückt hat, zu einer Null herabgestuft haben. Den „Luxus der Hoffnungslosigkeit“ dürfen wir uns einfach nicht leisten. 

Wie sieht Ihr Bild von der Kirche der Zukunft aus? 

Mit meinem Lehrer Johann Baptist Metz plädiere ich für eine nachbürgerliche Initiativkirche. Diese ist keine Angebots- und Servicekirche. Sie ist eine Projektkirche. Eine solche Kirche würde neue Projekte zusammen mit anderen Akteuren initiieren, aus denen neue Lebensformen hervorgehen, welche unsere Zivilisation aufbrechen für Neues. Eine solche Kirche wäre auch nachkapitalistisch. Sie widerstünde der Wahnvorstellung unendlicher Steigerung und rettete das, was durch unser Wirtschaften zerstört zu werden droht. 

Und wie muss sich die Gesellschaft verändern?

Wir müssen uns vom Kapitalismus verabschieden, weil die kapitalistische Ökonomie einem Wachstumszwang unterliegt, der die Krisen, in denen wir uns befinden, verschärft. Und es geht darum, das, was die Philosophin Eva von Redecker kapitalistische Sachherrschaft nennt, zu überwinden. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass wir etwas, das wir in unseren Besitz überführen, als ein Eigentum begreifen, mit dem wir tun und lassen dürfen, was wir wollen. Das gilt es aufzubrechen. Wir benötigen eine neue Haltung zum Eigentum. Es kommt darauf an, Eigentum nicht mehr zu verbrauchen, nicht mehr zu beherrschen, sondern  zu pflegen. Wir brauchen ein neues Verständnis von Wirtschaften, in dem die Wirtschaft nicht alles dominiert, sondern eingehegt wird, eine Wirtschaft, in der nicht Konkurrenz im Vordergrund steht, sondern Kooperation, in der es nicht nur um Effizienz geht, sondern auch um Genügsamkeit und um die Schonung der Ressourcen, in der Grenzen des Wachstums anerkannt werden. Ein solches Wirtschaften enthält durchaus noch Marktmechanismen, aber geht nicht darin auf. Papst Franziskus hat recht: Er hat nicht gesagt „Wirtschaft tötet“, sondern „diese Wirtschaft tötet“. Ich weiß, das mögen einige nicht hören. Aber wir müssen darüber reden.

Sie fordern radikale Änderungen. In der Kirche den Abschied von der Bürgerlichkeit, in der Gesellschaft den Abschied vom Kapitalismus. Ist das mehrheitsfähig? 

Ist der Glaube an die Auferstehung mehrheitsfähig? Ist Feindesliebe mehrheitsfähig? Und wie sieht es mit der Seligpreisung der Gewaltlosen aus? Ob es uns passt oder nicht: Die christliche Botschaft ist radikal. Wer anderes behauptet, weiß nicht, wovon er oder sie redet. Aber: Die radikalen Forderungen, die das Christentum erhebt, sollten nicht zuerst an andere adressiert werden, sondern zuerst an uns selbst. 

Veränderungen stoßen gewöhnlich auf Widerstand. Glauben Sie, dass die Menschen da wirklich mitgehen werden?

Studien zeigen, dass sich immer mehr Menschen eine Gesellschaft jenseits des Kapitalismus vorstellen können. Die Ungerechtigkeiten nehmen zu, die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Bislang ist es immer noch gelungen, den Kapitalismus in gewisser Weise einzuhegen. Aber er hat eine entgrenzende Dynamik. Und deshalb glaube ich, dass immer mehr Menschen sehen, dass diese Form des Wirtschaftens keine Zukunft haben wird.

Kann die Philosophie etwas dazu beitragen, die Menschen mitzunehmen?

An unserem Forschungsinstitut befassen wir uns mit Denk- und Handlungsblockaden, die uns hindern zu handeln, mit kognitiver Dissonanz, mit Emotionen, die uns zum Handeln motivieren und solchen, die uns lähmen, mit neurotischen und realistischen Ängsten, Hoffnungslosigkeit und Umweltmelancholie. Darüber gilt es zu forschen und zu sprechen. Wir sollten einander die Möglichkeit eröffnen, gemeinsam Veränderungserfahrungen zu machen. Das ist gerade in unserer Zeit von existenzieller Bedeutung. Die Situation, in der wir uns befinden, ist so extrem, dass wir sie nur aushalten können, wenn wir ihr nicht ohnmächtig ausgeliefert sind, das heißt, wenn wir etwas dagegen tun. Wir müssen Menschen ermutigen, den ersten Schritt zu wagen. Ohne diese Veränderungserfahrung werden sie nicht den Mut aufbringen, sich der Situation auszusetzen.

Der Ukraine-Krieg führt einerseits dazu, dass Klimaschutzbemühungen hintangestellt werden, andererseits, dass Menschen zwangsläufig ihren Lebensstil überdenken müssen. Liegt in Letzterem auch eine Chance? 

Ich kann im Krieg keine Chance sehen. Ich teile nicht die Ansicht, dass es so etwas wie eine Katastrophendidaktik gibt. Es droht eine neue Aufrüstungsspirale, und die Versuchung ist groß, fossile Energieträger länger zu nutzen als nötig. Angesichts der Dimensionen des geplanten Ausbaus von Flüssiggasterminals bin ich sehr skeptisch, ob es sich hier tatsächlich lediglich um eine kurzfristige Lösung handelt. Deshalb ist unsere politische Wachsamkeit gefordert. Sollten wir aufgrund der Situation zu einem neuen Lebensstil gezwungen werden, so hätte das nur dann produktive Auswirkungen, wenn es uns Bürgern gelänge, diesen Zwang in eigene Aktivität zu verwandeln. 

Welche Konsequenzen ziehen Sie persönlich?

Ich engagiere mich als Christ in der Klimagerechtigkeitsbewegung. Unter anderem kämpfe ich zurzeit gegen den Ausbau des Südschnellwegs in Hannover – ein verkehrs- politischer Irrsinn, dem unter anderem 13 Hektar Wald zum Opfer fallen sollen. Es ist schon sehr bedrückend, mitanzusehen, wie das „Menschenrecht auf Natur“ und der Eigenwert der Natur mit Füßen getreten werden. Ich wünsche mir, dass wir Christinnen und Christen unseren Schöpfungsauftrag ernst nehmen und zusammen mit Klimaaktivisten für die Zukunft dieser Welt auf die Straße gehen, politischen Druck aufbauen. Damit sich etwas ändert, müssen die Parteien, alle Parteien, diesen Druck endlich spüren!

Interview: Matthias Bode

Hinweis: Der Interviewte legt Wert auf geschlechtergerechte Sprache. Um die Einheitlichkeit der Texte in dieser Zeitung zu wahren, wird hier darauf verzichtet. 

 

Professor Jürgen Manemann
Jürgen Manemann

Der fiph-Direktor

Der Jürgen Manemann (58) ist Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover (fiph), einer kirchlichen Stiftung des öffentlichen Rechts. Er hat in Münster Katholische Theologie studiert und wurde 1993 bei Johann Baptist Metz promoviert. Lehr- und Forschungsaufenthalte führten ihn an verschiedene Orte in den USA und nach Jerusalem. Heute lehrt er an den Universitäten Hannover und Hildesheim. Unter anderem ist er Mitglied der Initiative Niedersächsischer Ethikrat und Herausgeber mehrerer Buchreihen.