03.01.2019

Jesuit Friedrich Muckermann

Ein Gegner der Nazis

Der Jesuit Friedrich Muckermann wurde von den Nationalsozialisten als Staatsfeind Nr. 1 verfolgt, 1938 entzogen sie ihm die Staatsbürgerschaft. Der gebürtige Bückeburger tauchte unter und betreute in Paris die von ihm ins Leben gerufene und in Holland erscheinende Wochenschrift „Der Deutsche Weg“.

Friedrich Muckermann als Jesuit.

Friedrich Muckermann wurde 1883 in Bückeburg geboren. Sein Elternhaus steht in zentraler Lage in der Langen Straße 79. Hier gibt es Hinweise auf die früheren Bewohner, die Familie Muckermann. Über der Haustür sieht man die 1983 angebrachte Inschrift mit den Lebensdaten der beiden Jesuiten Hermann und Friedrich Muckermann. Im Bürgersteig eingelassen ist ein „Stolperstein“. Dieser bezieht sich auf Friedrich, den jüngeren der Jesuiten-Brüder. Auf dem Stein ist in der letzten Zeile zu lesen: „Ausgebürgert 1938“. Links neben dem Haus erhielt ein Durchgang 2007 den Namen Muckermann-Passage. Eine Info-Tafel weist auf die Familie Muckermann hin.
 

In diesem Haus in der Bückeburger
Innenstadt hatte die Familie Mucker-
mann ein Schuhgeschäft. Hier wuchs
der spätere Jesuit auf.

Friedrich Muckermann, der im unbesetzten Teil Frankreichs untergetaucht war, erinnert sich in seinen 1941/42 im Exil geschriebenen Memoiren an das Leben im Bückeburger Elternhaus, wo seine Eltern ein Schuhgeschäft unterhielten. Die Mutter war nicht nur die Seele des Schuhgeschäfts, sie übernahm auch Küsterdienste in der nahen katholischen Kirche. Sie war auch die treibende Kraft der liebevollen, aber strengen katholischen Erziehung der Kinder. Ausführlich beschreibt Friedrich auch das Zusammenleben der Religionen in der Stadt. Die Katholiken waren eine kleine Minderheit; eine heute selbstverständliche ökumenische Zusammenarbeit gab es nicht. Religiöse Toleranz erfuhren die Muckermann-Kinder im Elternhaus. Friedrich berichtet von einer Zurechtweisung, als er aufgeschnappte Schimpfworte verwendete. Seine Mutter verwies auf die ehrlichen Geschäfte und die Hilfsbereitschaft des jüdischen Nachbarn Heinemann, mit dem sie freundschaftlich verbunden waren. Später in den Jahren seines Exils hat er sich für das Nebeneinander beider christlicher Konfessionen ausgesprochen. Er sagt dazu: „Der Charakter beider Konfessionen verlangt die Anerkennung des Gesetzes der Liebe, das der Inbegriff aller Gebote des Christentums ist. Liebe aber vereint, und so kann man in der Liebe eins sein, noch bevor man es im Glauben ist.“

Weil er half, wurde er verhaftet

Friedrich trat 1899 in den Jesuitenorden ein. Im Jahre 1914 empfing er die Priesterweihe und kam kurz darauf als Feldgeistlicher an die West-, später an die Ostfront. Als er am Ende des Krieges die Not der Bevölkerung in Wilna sah, organisierte er geistliche und soziale Hilfe. Diese Maßnahmen waren so erfolgreich, dass er von den Bolschewiken 1919 verhaftet wurde. Ende des Jahres 1919  kam er wieder frei, legte in Holland sein theologisches Schlussexamen ab und wurde vom Orden mit der katholischen Pressearbeit betraut. In Münster gab er mit seinen jungen Mitarbeitern die „Katholische Korrespondenz“ heraus.
 

Die alte Postkarte zeigt die Pfarrkirche St. Marien,
links das Pfarrhaus. Diesen Blick hatten die
Muckermanns von ihrer Wohnung.| Fotos: privat

In der Weimarer Republik war Friedrich Muckermann als Bolschewismus-Experte ein gefragter Redner, er schrieb eine Vielzahl von Artikeln und Büchern. Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus veränderte sich seine Arbeit. Zunächst hatte er wohlwollend gesehen, wie in der Politik das Nationale und das Soziale betont wurden. Aber bald zählte er zu ihren entschiedenen Gegnern. Bereits 1932 sah er es als „christliche, menschliche und deutsche Pflicht“, der Hetzjagd auf jüdische Mitbürger entgegen zu treten. Den Nationalsozialismus  nannte er ein „komplettes System der Lüge“.  

Um seiner Verhaftung zu entgehen flüchtete er 1934 ins Exil nach Holland und gab bis 1940 die Wochenzeitung DER DEUTSCHE WEG (DDW)  heraus, informierte über die aktuelle Politik der Nazis und vertrieb die Zeitung heimlich auf kirchlichen Wegen.  

In einem Brief an den Vatikan (Kardinal Pacelli, späterer Papst Pius XII.) wies er auf die Verfolgung der Juden in Deutschland hin. Dieser Brief wurde im Dezember 1934 im DDW veröffentlicht. Der zugehörige Artikel „Vatikan und Nationalsozialismus“ endet mit der Voraussage einer Katastrophe, eines Krieges.  

Die Nazis unternahmen immer wieder Versuche, das Erscheinen des DDW zu verhindern. So intervenierten sie beim Jesuitenorden und beim Vatikan. Der Orden beorderte Pater Muckermann deshalb nach Rom. Er schrieb aber weiterhin für den DDW, unter anderem über die nationalsozialistische Entwicklung in Österreich. Er traf sich mehrfach mit dem Bundeskanzler Kurt Schuschnigg. Beide wollten Hitlers Eingreifen in Österreich verhindern.  Doch am Tage vor der angesetzten Volksbefragung, am 12. März 1938, marschierte die Wehrmacht in Österreich ein und tags darauf verkündete Hitler den Anschluss an das Reich.

Friedrich Muckermann entging seiner Verhaftung, weil er am Tage des Einmarsches der Wehrmacht nicht in Österreich war. Dieses „Entkommen“ beim Anschluss Österreichs führte dazu, dass er ganz oben auf die Fahndungsliste kam und fortan als „Staatsfeind Nummer eins“ steckbrieflich gesucht wurde. Um seine Bewegungsfreiheit weiter einzuengen, wurde ihm im April 1938 die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen.

Johannes Kersting