24.11.2022

Lese-Weg durch das Evangelium

Einmal komplett „Matthäus lesen“

Über 150 Menschen waren zum Projekt angemeldet. Aber auf  dem „Lese-Weg“ durch das Evangelium dürften noch mehr Menschen unterwegs gewesen sein. Denn hinter einer Kontaktadresse standen oft Partner, Nachbarn oder Bibelgruppen.

Das Projekt „Matthäus lesen“ ist bei den Teilnehmenden
sehr gut angekommen. Es endet am kommenden Dienstag.

Gut, dass sie nicht die genaue Zahl der Teilnehmenden wissen, findet das Projektteam – Christian Schramm (Hildesheim), Angelika Domdey (Dekanat Bremerhaven), Markus Leim (Regionaldekanat Hannover) und Christiane Becker (Dekanat Verden). „Denn wir merken aus den Rückmeldungen, da bewegt sich einfach etwas und inspiriert Menschen zum Austausch über die Bibel . Das ist doch das Entscheidende“, sagt Pastoralreferentin Christiane Becker.

An den Start gegangen ist das Projekt „Matthäus lesen“, um durch den Herbst bis zum Advent das komplette Matthäus-Evangelium zu lesen, aus dem im neuen Kirchenjahr jeweils das Sonntagsevangelium genommen ist. „Als Hilfe für den Weg gab es einen Leseplan, der die 28 Kapitel in Häppchen für die elf Wochen des Lese-Projektes eingeteilt hat. So hatten auch die örtlichen Lesegruppen ein Raster für die inhaltliche Gestaltung und den Austausch bei den Treffen“, erklärt Becker.

Teilnehmer aus dem ganzen Bistum

Aus allen Ecken des Bistums kamen die Teilnehmer, „einige auch darüber hinaus“. Etliche Gruppen haben sich zu Hause oder im Pfarrheim getroffen, andere haben sich online vernetzt und gemeinsam gelesen. „Da haben die digitalen Erfahrungen der letzten Jahre auch Grenzen aufgehoben und neue Möglichkeiten der Teilnahme und Teilhabe geschaffen“, so Becker.

Es gab viele unterschiedliche Wege der Teilnahme. „Manche haben den Text für sich alleine gelesen und sich durch die drei großen digitalen Treffen und das schriftliche Begleitmaterial auf dem Weg begleiten lassen, andere haben sich zu zweit im Wohnzimmer, beim Spaziergang oder am Telefon über das Gelesene ausgetauscht. Und dann gab es die kleinen und großen Bibelgruppen vor Ort, auch die waren ganz unterschiedlich unterwegs: mit Leitung und ohne, mit inhaltlichen Impulsen und persönlichem Austausch. Es gab bestehende Bibelgruppen, die das Thema für diese Zeit übernommen haben und neugegründete Gruppen, die für die Projektwochen drei bis vier Treffen vereinbart haben.

Walter Will (89) aus Weil im Schönbuch bei Stuttgart hat über Christiane Becker, die er aus seiner Zeit in Achim kennt, von „Matthäus lesen“ erfahren. „Ich habe keinen Partner gefunden und das Evangelium allein gelesen. Das Alleinlesen ist für mich kein Problem, da ich nach dem Tod meiner Frau viel allein bin. Ich habe immer schon viel in der Bibel gelesen, sie liegt bei mir auf dem Nachtschränkchen.“
Wertvolle Hilfe bei der Bibelarbeit war für den evangelischen Christen das empfohlene Büchlein „Bibellesen leicht gemacht“. „Ich bin erstaunt, wie viele Infos mit dem Handwerkszeug, was ich für die Aktion bekommen habe, ausgegraben wurde. Manchmal war es schon fast zuviel. Aber ich fühle mich in der Lage, mir mit diesem Handwerkszeug auch andere Bücher der Bibel zu erschließen. Mir hat das Projekt gefallen, es war eine tolle Aktion“, betont Walter Will.

Auch Birgit Stippl (54) aus Verden ist beim „Matthäus lesen“ dabei und das nicht allein. „Wir haben hier in Verden einen ganz aktiven Bibelkreis, der heißt: Bibel leben. Und ein Teil unserer Gruppe, darunter auch mein Mann, macht bei dieser Aktion mit. Aber es sind auch andere aus der Gemeinde dabei. Ein paar haben schon signalisiert, dass sie anschließend im Bibelkreis weiter mitmachen wollen“, freut sie sich.

Neuer Zugang zum Evangelium

Birgit Stippl ist an diese Aktion mit dem Anspruch herangegangen, Stück für Stück des Matthäus-Evangeliums zu lesen und da­rüber zu meditieren. „Diese Erwartung habe ich schnell über Bord geworfen. Mir ist bewusst geworden, wie wichtig mir die Gemeinschaft ist und der Austausch über die Textstellen. Im Miteinander hört man anders, wie jemand die Sätze betont, wie durch die Stimme bestimmte Sätze hervorgehoben werden. Man hört genauer hin. Ich habe die Texte oft anders verstanden, als wenn ich sie allein gelesen hätte und habe so einen anderen, einen neuen Zugang zum Matthäus-Evangelium bekommen.“ Besonders gut gefallen hat Birgit Stippl, dass sie zum ersten Mal das Evangelium komplett, hintereinander weg gelesen hat. „Am Sonntag bekommen wir immer nur kleine Happen davon zu hören, die oft aus dem Zusammenhang gerissen sind. Bei ‚Matthäus lesen‘ sind die Texte der Sonntagsevangelien in den Gesamtkontext eingebunden. Man bekommt einen besseren Blick für das Ganze“, findet sie. Für Birgit Stippl ist „Matthäus lesen“ eine gelungene Sache.

Künstlerseelsorger Ulrich Schmal­stieg (64) aus Goslar hat angefangen, das Matthäus-Evangelium allein für sich zu lesen. „Aber ich habe gemerkt, dass das für mich nicht so richtig gepasst hat. Mir hat die Gruppe gefehlt. Dazu kam der Alltag mit all seinen Terminen und da bin ich irgendwann ausgestiegen. Dennoch ist etwas Positives geblieben. Ich habe den Mut und die Lust bekommen, mit Gruppen wieder vermehrt Bibelarbeit zu machen. Bei einer Werkwoche für Senioren von Kolping in Duderstadt hat das vor kurzem ganz toll geklappt“, sagt Schmalstieg.

Egal ob jemand allein oder in einer Gruppe gelesen hat, allen gemein war die Neugier auf dieses Experiment. „Da es schlicht um diese Entdeckerfreude und das Abenteuer ging, sich auf das Lesen eines ganzen Evangeliums einzulassen, werden wir jetzt am Ende des Projektes nicht fragen, wer es geschafft hat, sondern welche Entdeckungen gemacht wurden. Wie so oft ist der Weg das Ziel – aber ich bin mir sicher, dass viele Menschen Lust haben es zu schaffen, um schließlich irgendwann in den nächsten Tagen bei ‚Matthäi am letzten‘ zu landen und da erwartet sie dann dieser tröstliche Satz Jesu: „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20) – was für ein tolles Reiseziel, oder?“, findet Christiane Becker.

Und da „Matthäus lesen“ so gut bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern angekommen ist, könnte es im nächsten Herbst vielleicht heißen „Markus lesen“.

Edmund Deppe