22.08.2018

Interview mit dem neuen Bischof Heiner Wilmer

Es geht um Erlösung, nicht um Moral

In wenigen Tagen wird Pater Dr. Heiner Wilmer zum Bischof von Hildesheim geweiht. Mit Ankündigungen für seine bevorstehende Amtszeit hält er sich zurück. Dennoch hat er klare Vorstellungen.

Die Zeit nutzen: Das Interview wird im fahrenden Auto geführt. | Foto: Meschede

Pater Wilmer, seit Ihrer Ernennung zum Bischof von Hildesheim sind gut vier Monate vergangen. Wie sind Ihre ersten Eindrücke vom Bistum?

Ich bin begeistert. Alle Menschen, die ich bislang getroffen habe, sind mir mit großer Herzlichkeit und gro­ßem Wohlwollen begegnet, manche auch mit einer gewissen Spannung, wer da jetzt wohl kommen mag. Ich freue mich auf die Menschen, die neue Aufgabe und die neue Etappe in meinem Leben.

Vier Monate sind eine lange Zeit. Gab es zwischendurch Momente, in denen Sie sich gefragt haben, ob Ihre Entscheidung, die Wahl zum Bischof von Hildesheim anzunehmen, die richtige war?

Nein, nicht wirklich. Mein Abschied von den Dehonianern in Rom war zugegebenermaßen etwas wehmütig. Wir waren ein sehr gutes Team, ich habe mich mit allen sehr gut verstanden. Das spricht für die Zeit in Rom. Aber was Hildesheim betrifft, habe ich kein einziges Mal gezuckt oder gezögert oder mir gesagt: Mein Gott, worauf hast du dich eingelassen. Im Gegenteil, ich entwickele schon erste heimatliche Gefühle. Hildesheim ist auch ein Stück Zurückkommen in etwas Vertrautes, ein Zurückkommen in meine eigene Geschichte, in die Welt meiner Gene.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie auf den Tag ihrer Bischofsweihe zu?

Ich freue mich auf den Tag. Ich habe mich eine Woche ins Kloster Marienrode zurückgezogen und bin innerlich vorbereitet. Natürlich ist eine gewisse Spannung da, aber sie lähmt mich nicht. Außerdem erlebe ich, wie viele Menschen den Tag bis ins Kleinste vorbereiten. Ich kann da also ganz entspannt sein.

Gibt es etwas, was Sie als Bischof zuerst anpacken möchten?

Ich möchte zunächst zuhören und im ersten Jahr möglichst vielen Menschen begegnen. Ich will mich nicht im Büro verbarrikadieren, sondern ich will raus ins Bistum und mit Menschen über Kirche und Glauben, aber auch über ihre eigenen Themen ins Gespräch kommen.

Gibt es Dinge, die Ihnen bereits besonders aufgefallen sind?

Mich beeindruckt die Geschichte des Bistums Hildesheims. Im Gedächtnis der Katholiken ist eine unglaubliche Geschichte der Kraft verankert. Die Hildesheimer können sich enor­men Herausforderungen stellen und haben das auch schon getan. Ich denke dabei an die Verdreifachung der Katholikenzahl nach 1945. Das hat das Bistum nicht gelähmt oder plattgemacht, sondern man hat damals nachgedacht, die Ärmel hochgekrempelt und man war überaus solidarisch. Ich spüre im Bistum eine große Solidarität mit Menschen, die neu und fremd sind. Das ist eine starke Geschichte.

Das Bistum hat 2017 mehr als 9400 Gläubige verloren, davon gut 5500 durch Kirchenaustritt. Seit dem Jahr 2000 ist die Katholikenzahl um 80 000 zurückgegangen. Ist das eine unabänderliche Entwicklung, der wir nur tatenlos zusehen können?

Für mich ist jeder Kirchenaustritt schmerzlich und stimmt mich traurig und nachdenklich. Gleichzeitig leben wir in einer freien Gesellschaft und einer freien Kirche, das Gewissen ist heilig. Ich finde es wichtig, dass es möglich ist, sich gegen die Kirche entscheiden zu können, ohne dafür verfolgt zu werden. Wir haben keinen totalitären Anspruch. Das ist das eine, das andere ist: Wir haben schon die Möglichkeit, Kirche attraktiver zu gestalten, zum Beispiel dadurch, dass wir die Erfahrungen und Lebenswelten der Menschen ernst nehmen. Leid, zerbrochene Beziehungen, die Fragilität des Lebens, aber auch Hoffnungen und Erwartungen – all diese wichtigen Themen lassen uns nicht kalt, sie betreffen uns. Ich bin fest davon überzeugt, je stärker wir auf diesen Feldern sind, desto treffender kommt unsere Botschaft an. Daher ist für mich die Begleitung von Menschen ein Schlüssel der Verkündigung und ein Schlüssel, um die Attraktivität von Kirche zu verbessern. Dabei bleibe ich Realist: Es wird immer wieder so sein, dass Menschen der Kirche den Rücken kehren, es wird aber auch immer so sein, dass Menschen sich neu ganz bewusst für die Kirche entscheiden.

Bis zum Jahr 2050 wird die Zahl der Katholiken – so haben es Statistiker vorherberechnet – um rund 250 000 zurückgehen. Fehlt uns Gottvertrauen, wenn wir eine Trend­umkehr gar nicht mehr im Blick haben?

Wir sollten solche Berechnungen ernst nehmen, sie sind aber kein Dogma. Die Geschichte zeigt, dass sie voller Überraschungen ist. Ich glaube an den Heiligen Geist und an den Gott der Überraschungen. Ich bin kein Fatalist und ich werde die Arbeit optimistisch angehen und keineswegs mit dem Gedanken, dass vor uns ein Schicksal liegt, das unabwendbar auf uns zukommt.

 

Gefragter Gesprächspartner: Ein Team des NDR besuchte Wilmer auf dem elterlichen Hof im emsländischen Schapen. Neben ihm sein Bruder Theo, der heute den Hof führt. | Foto: Bode

Wo wir schon bei Zahlen sind: Der Leiter der Hauptabteilung Personal/Seelsorge, Domkapitular Wilk, rechnet damit, dass es mittelfristig 30, vielleicht 40 Priester geben wird, die in der Lage sein werden, eine große Gemeinde oder ein Team im überpfarrlichen Personaleinsatz zu leiten – und das auf einem Gebiet zwischen Cuxhaven und Hann. Münden. Was können Priester künftig überhaupt leisten?

Das ist für mich nicht die Kernfrage. Die zentrale Frage für mich ist, wie wir alle, Frauen und Männer gemeinsam, durchs Leben gehen können, glaubend, treu Gott gegenüber und treu in unserer Verantwortung für die Menschen. Die Zahl der Priester muss dabei bedacht werden, aber sie ist nicht die Kernfrage. Die große Frage, die ansteht, lautet: Wer übernimmt Verantwortung, wer Leitung – und wer ist wie dazu geschult?

Dennoch: Werden die verbleibenden Priester nicht überfordert?

Die Gefahr sehe ich. Ich bin dagegen, den wenigen Priestern noch mehr Arbeit zuzuschustern. Es kann nicht sein, dass Priester im besten Alter kränker und kränker werden, dass wir fusionieren und fusionieren auf Kosten der Gesundheit aller hauptamtlichen Mitarbeiter. So können wir an dieser Stelle nicht weitermachen.

Dann kommt also mehr Arbeit auf die Laien zu?

Nicht mehr auf die Laien, aber vielleicht auf mehr Laien.

Brauchen wir andere Formen von Gemeindeleitung?

Die Geschichte zeigt uns, dass wir schon ganz andere Modelle hatten. Ich bin zuversichtlich, dass uns der Heilige Geist Wege zeigen wird, an die wir bisher noch nicht gedacht haben.

In den vergangen 15 Jahren wurden die Bistumsfinanzen in Ordnung gebracht. Es wurden erhebliche Rücklagen gebildet und Risiken abgesichert – das ging einher mit einem Stellenabbau, der Zusammenlegung von Gemeinden, der Schließung von Kirchen, Schulen und Einrichtungen. Kommt nun eine Abkehr vom Sparkurs, stehen Investitionen im Vordergrund?

Ich bin froh, dass das Bistum heute gesund und nicht marode ist. Allen, die im letzten Jahrzehnt daran gearbeitet haben, die Finanzen in Ordnung zu bringen, zolle ich Res­pekt. Wie viel und wo wir künftig investieren können, kann ich heute noch nicht sagen. Klar ist: Es geht nicht darum, Geld zu horten. Die Kirche ist in gewisser Weise treuhänderisch unterwegs, das Geld gehört den Menschen und nicht einer Verwaltung. Klar ist aber auch: Wir brauchen Rücklagen, um verantwortungsbewusst in die Zukunft zu gehen und die Verpflichtungen gegenüber denjenigen zu erfüllen, die für die Kirche arbeiten oder für sie gearbeitet haben.

Sie sind ein Mann der Schulen, waren selbst Lehrer und Schulleiter. Welche Bedeutung messen Sie den katholischen Schulen im Bistum bei?

Der Erziehung und Bildung junger Menschen messe ich ein Schwergewicht bei. Das ist eine Schlüsselaufgabe der Kirche, das Christentum ist eine Bildungsreligion. Unsere Kirche ist ohne Erziehung und Bildung nicht denkbar. Von daher sind alle Einrichtungen, die mit Heranbildung und Erziehung zu tun haben, für mich ungemein wichtig, angefangen bei der Kita bis hin zur Universität und der Weiterbildung für Erwachsene.

Sind die katholischen Schulen im Bistum denn langfristig zu halten oder wird es weitere Schließungen geben?

Es kann sein, dass wir die ein oder andere Einrichtung schließen müssen, aber dafür an anderer Stelle auch wieder etwas Neues entsteht. Man muss prüfen, was wo sinnvoll ist. Ich werde dafür kämpfen, dass wir das, was uns möglich ist, auch leisten.

Welche inhaltlichen Schwerpunkte sind Ihnen beim Thema Schule besonders wichtig?

Ein Schlüssel für die Erziehung ist die Vermittlung des christlichen Welt- und Menschenbildes. Für mich kommt es darauf an, dass der junge Mensch zu einer Persönlichkeit heranreift, die eines Tages selbstständig, frei und selbstbewusst Verantwortung in Kirche und Gesellschaft übernimmt. Ein Schüler, der eine katholische Schule verlässt, sollte einerseits mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und andererseits in seiner Fantasie mit seiner Stirn die Sterne streifen können.

Werden Sie – sozusagen als Fachmann – selbst in die Steuerung mit einsteigen?

Nein, das habe ich nicht vor. Ich habe großes Vertrauen in die Menschen vor Ort und ich setze auf das Prinzip der Subsidiarität. Alles, was innerhalb einer Einrichtung geregelt und entschieden werden kann, soll auch dort bleiben. Ich werde nicht von oben nach unten durchregieren. Das ist gegen meine Überzeugung, gegen meine Natur und auch gegen meine Erfahrung. Außerdem haben wir für den Bereich eine bischöfliche Verwaltung.

Sie haben Kommunikation als ein Wesensmerkmal des Christentums bezeichnet. Warum fällt es der Kirche oft so schwer, die Sprache der Menschen zu sprechen?

Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir zu viel dozieren und zu wenig sagen, was uns Christentum, Glaube und Gebet bedeuten, wie es mir persönlich damit ergeht. Je mehr ich abgehoben von meiner eigenen Geschichte verkündige, desto weniger werde ich verstanden.

In Ihrem Buch „Hunger nach Freiheit“ beschreiben Sie Mose als einen Freiheitssucher, jemanden, der sich nach Freiheit sehnt und dadurch den Mut zum Aufbrechen hat. Was bedeutet Freiheit für Sie?

Freiheit heißt für mich, Wege zu betreten, von denen ich gestern nicht einmal dachte, dass es sie gibt.

Nun bringen viele Menschen Kirche eher mit Regeln, Vorschriften und manchmal sogar Angst in Verbindung als mit Freiheit …

Für mich ist das Christentum keine Religion der Moral, sondern eine Religion der Erlösung. Die christliche Botschaft ist keine Botschaft, bei der es darum geht auf andere zu zeigen. Christentum bedeutet, Zeit und Raum zu ermöglichen, sodass jeder Mensch zur größtmöglichen Reife und zu einer tiefen Erfülltheit finden kann.

Ein Kapitel in dem Buch ist mit „Mach was Verrücktes!“ überschrieben. Planen Sie auch etwas Verrücktes für das Bistum Hildesheim?

Wenn ich etwas Verrücktes planen würde, wäre es nicht verrückt. Das Verrückte rückt im Augenblick an und überrascht andere, sodass sie sich dann verrückt machen lassen.

In Ihrem Buch „Gott ist nicht nett“ gehen Sie offen mit Ihren Zweifeln auch an Gott, der Kirche und Ihrem Glauben um. Man merkt, dass das, was Sie schreiben, sehr ehrlich ist. Werden Sie auch als Bischof dieser transparente Heiner Wilmer bleiben?

Ich hoffe das und wünsche mir Menschen, die mir dann auf die Füße treten, wenn sie den Eindruck haben, ich komme vom Wege ab.

Ein ganz anderes Thema. In den letzten Jahren hat ein Problem die Kirche stark belastet: sexueller Missbrauch. Wie beurteilen Sie den Umgang mit dem Thema im Bistum Hildesheim?

Das ist für mich ein sehr schmerzliches Thema. Was geschehen ist, ist bitter und fürchterlich. Für mich ist es schockierend zu hören, was Opfer mitgemacht haben. Glücklicherweise hat es im Bistum einen Paradigmenwechsel gegeben und es wurde ein unabhängiges Institut mit der Aufarbeitung beauftragt. Das Institut hat eine Reihe von Empfehlungen ausgesprochen, welche Maßnahmen ergriffen werden sollen, um künftig derartige Vorkommnisse zu minimieren. Mit der Umsetzung wurde bereits begonnen. Ich werde alles dafür tun, dass die weitere Umsetzung dieser Empfehlungen geschieht.

 

Sucht das Gespräch: Schon vor der Weihe trifft Heiner Wilmer Jugendliche.
 Foto: Deppe

Hat da auch lange Zeit die Leitung versagt?

Ich glaube, dass das Thema Missbrauch in der Kirche unterschätzt wurde und ich glaube, dass wir uns in der Kirche schuldig gemacht haben, auch von der Leitung her.  

Zum Schluss einige private Fragen. Wie wohnen Sie?

Ich wohne im Bischofshaus am Hildesheimer Domhof gemeinsam mit den Canesianer-Brüdern. Privat stehen mir dort drei Zimmer von jeweils 16 bis 18 Quadratmetern zur Verfügung, ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, ein Esszimmer und natürlich ein Bad. Das ist viel mehr, als ich als Ordensmann hatte.

Wer wird Sie bekochen und den Haushalt führen?

Es gibt eine Hauswirtschafterin, die 30 Stunden in der Woche da ist. Die Frau sorgt von Montag bis Freitag für Frühstück, Mittag, Wäsche und Sauberkeit im Haus und kümmert sich wunderbar um die Gäste. Nachmittags und abends müssen sich die Brüder und ich selbst versorgen.

Haben Sie ein Lieblingsgericht?

Ich esse alles, was auf den Tisch kommt – und davon die Hälfte.

Welches Auto fahren Sie als Bischof?

Einen Passat Variant.

Werden Sie chauffiert oder fahren Sie selbst?

Die meiste Zeit werde ich gefahren werden. Da ich sehr viel unterwegs bin, kann ich so die Zeit besser nutzen. Ich bin allerdings auch ein begeisterter Bahnfahrer und habe vor, häufig den Zug zu nehmen. Eine Bahncard habe ich schon.

Wie und wo machen Sie Urlaub?

Ganz unterschiedlich. Ich bin im Urlaub gern in der Natur, wandere gern, erzähle gern etwas.

Planen Sie ein neues Buchprojekt?

Nein, im Moment nicht.

Interview: Matthias Bode