11.10.2018

Protestantische Glaubensflüchtlinge landen an der Weser

Für jeden gab es Land, eine Kuh und Saatgut

Als protestantische Glaubensflüchtlinge vor 300 Jahren ihre Heimat verlassen mussten, landeten sie auch im Norden Deutschlands. An der Weser erinnert ein Schild an Familien, die in der Nähe von Hameln aufgenommen wurden. Salzburg hat in diesem Fall tatsächlich mit Österreich zu tun.

Zwischen Hameln und Hildesheim im Weserbergland
zeigt ein Straßenschild den Weg nach Salzburg.
Burkhard Jürgens kennt die Verbindung nach
Österreich. | Fotos: Stefan Branahl

Es ist nicht weit nach Salzburg. Gleich hinter Coppenbrügge zwischen Hameln und Hildesheim, mitten im Weserbergland, ein Straßenschild: Zwei Kilometer noch. Und immer Richtung Friedhof. Seit vielen Jahren komme ich an diesem Schild vorbei. Interessiert hat mich immer schon, warum es ausgerechnet hier einen Abzweig gibt, der doch stark an Österreich erinnert – an einer der Hauptverkehrsadern, die als Hellweg ihren Ursprung hatte und von Aachen bis hinauf an die Grenze zu Polen führte. Mit Österreich lässt sich das Schild doch wohl nur schwer in Verbindung bringen. Oder?

Ein paar Häuser erzählen Geschichte

Eine Zufallsbegegnung im Hamelner Bahnhof. Hier wird regelmäßig ein Bücherflohmarkt ausgerichtet, und als Stammgast treffe ich Burkhard Jürgens, einen Zimmermann der alten Sorte, wie sich herausstellt. Wir kommen ins Gespräch, er ist heimatkundlich interessiert. Und, na klar, kann er mit Salzburg, ganz nah bei Hameln, etwas anfangen. Also verabreden wir uns für eine Ortsbesichtigung.

Besichtigung ist jetzt etwas hochgegriffen. Wir sehen sechs, sieben Häuser. Einige lassen noch erahnen, dass sie in frühen Jahren Bauernhäuser gewesen sind. Vor einem stehen wir und schauen in die Gegend. Burkhard Jürgens hat sich vorbereitet und nennt die wesentlichen Fakten.

Die kleine Ansiedlung geht zurück auf das frühe 18. Jahrhundert. Im Erzbistum Salzburg wird 1731 von Erzbischof Leopold Anton von Firmian das so genannte Emigrationspatent unterschrieben. Es zwingt unter Androhung von schweren Strafen protestantische Christen, sich gefälligst aus dem Staub zu machen. Sollen sie sich widersetzen? Besser nicht, sagen sie sich. Was mit den Hugenotten in Frankreich geschah, ist ihnen noch gut in Erinnerung. Wer sich dort der reinen katholischen Lehre widersetzte, wurde kurzerhand einen Kopf kürzer gemacht. Dann machen sie sich doch lieber auf den Weg in eine ungewisse Zukunft.

Mit Burkhard Jürgens stehe ich am nördlichen Rand des Wesergebirges. Wir blicken ins Tal und dann weiter Richtung Süden. „Nach dem Dreißigjährigen Krieg war diese Gegend so gut wie ausgestorben“, sagt Jürgens. Söldner der evangelischen wie auch der katholischen Kriegsparteien hatten die Dörfer verwüstet, die besten Bauern hingen an den Bäumen. Das Land rund um Hannover war ausgeblutet wie nie zuvor.
 

Willi Kummer kennt jeden Winkel von Salzburg. Er
ist der älteste Bewohner der Ortschaft an der Weser.

Für die Regierung Hannovers ist das Grund genug, das brach liegende Land für geeignete Leute frei zu geben. Karlshafen an der Oberweser hatte es ja gerade mit Erfolg vorgemacht und hugenottische Glaubensflüchtlinge angesiedelt. Jetzt gibt man das Land bei Hameln frei für protestantische Familien aus dem Salzburgischen, zu dem damals auch das Berchtesgadener Land gehörte. Die waren im Winter 1731/32 verjagt worden. Weil sie aber als durchweg gute Handwerker galten, gab es gerade in den religiös toleranteren nördlichen Ländern große Anstrengungen, sie hier anzusiedeln. Eben auch entlang der Weser.

Sechs Morgen Land, zwei Kühe und Saatgut

Burkard Jürgens hat in den Chroniken der Umgebung nachgeforscht. Im September 1733 erreichen Emigranten aus dem Salzburger Land das heutige Hann. Münden an der Weser. Später geht es weseraufwärts Richtung Hameln. Sie sollen sich beim Amtmann melden und auf weitere Anordnungen warten. Im Mai des folgenden Jahres werden ihnen Grundstücke am Osterwald bei Coppenbrügge, einem alten Wallfahrtsort, zugewiesen. Am Waldrand bauen sie ihre Häuser, unterstützt durch Spenden aus Kollekten. Auf Anordnung des hannoverschen Kurfürsten Georg II. erhält jede Famile sechs Morgen Land und zwei Kühe, darüber hinaus Saatgut und Hausgeräte.

Bereits 1690 waren Glaubensflüchtlinge, Hugenotten, aus den französischen Cervennen und dem Zentralmassiv ins wenige Kilometer entfernte Hameln im Weserbergland gekommen und hatten sich dort niedergelassen. „Es gab eine Zeit, da war jeder fünfte Einwohner Hamelns ein Franzose“, erzählt Jürgens und weist darauf hin, dass es damals völlig selbstverständlich gewesen sei, sich in der Stadt auf französisch zu verständigen.

Fast 300 Jahre nach der Ansiedlung der Glaubensflüchtlinge stehe ich mit Burk­hard Jürgens in der kleinen Ortschaft Salzburg bei Coppenbrügge, wir suchen nach Spuren. „Da findet ihr nichts mehr“, sagt Willi Kummer. Mit 83 ist er der älteste Bewohner – aber Nachkommen der Familien aus dem Berchtegadener Land gibt es hier schon lange nicht mehr, sagt er. Flüchtig erinnert er sich an den Enkel einer alteingesessenen Familie, der allerdings schon vor Jahren fortgezogen ist.

Irgendwann beim Herumstreunen werden wir dann doch noch fündig: Am ehemaligen Gasthaus von Salzburg, lange ein beliebtes Ausflugsziel und inzwischen geschlossen, finden wir eine Erinnerungstafel an die Geschichte der Glaubensflüchtlinge. Sonst ist nichts mehr geblieben – außer einem ungewöhnlichen Schild in der Kurve einer Landstraße zwischen Hameln und Hildesheim.

Stefan Branahl

 



Stadt der Hugenotten
Karlshafen an der Oberweser ist eine klassische Ansiedlung von Glaubensflüchtlingen aus Frankreich und der Schweiz. Gegründet wurde sie 1699 durch den Landgrafen Karl, der hier den Hugenotten eine neue Heimat anbot – nicht allein aus Verantwortungsgefühl, sondern auch aus politischem Interesse: Die Hugenotten galten als besonders erfolgreiche Handwerker und Intellektuelle, und das wollte der damalige Landesherr auch in seinem Sinne nutzen.

Bis heute ist das im Stil des Weserbarock angelegte Karlshafen in seinen Grundzügen als Stadt der Hugenotten erkennbar – die Architektur der Häuser und die Stadtaufteilung weisen darauf hin.
Am Ortsrand erinnert der Hugenottenturm an die Glaubensflüchtlinge, und in Karlshafen endet auch ein Weitwanderweg, der an das Schicksal der Menschen erinnert. (sbr)