11.11.2020

Entlassung aus russischer Gefangenschaft

Folter, Hunger und Todeszelle

Zwischen Oktober 1955 und Januar 1956 kamen noch einmal tausende deutsche Kriegsgefangene aus russischen Straf- und Arbeitslagern frei. Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte sich für sie in Moskau eingesetzt. Einer der Heimkehrer war Boris Beck aus Otterndorf bei Cuxhaven. Eine Spurensuche.

Ankunft des Kriegsgefangenen Boris Beck am Dienstag, 11. Oktober 1955, auf dem Marktplatz von Otterndorf.

Am 11. Oktober 1955 hat sich Otterndorf herausgeputzt. Es ist Dienstag und die Menschen drängen sich auf dem Marktplatz. Vor dem Rathaus sind die Fahnen aufgezogen, auf den Treppenstufen stehen dicht an dicht die wichtigen Männer des Städtchens und recken die Hälse. Wer einen Fensterplatz rund um den Markt ergattert hat, sieht als erstes gegen elf den schwarzen Mercedes über das Straßenpflaster rollen. Von der Rückbank steigt Boris Beck, 33. Der dunkle Anzug schlackert am ausgemergelten Körper, aber die Krawatte ist akkurat gebunden, die Schuhe sind so blank gewienert wie das Chrom der Limousine. Es gibt Präsentkörbe und Blumen und den Eintrag ins Goldene Buch, es gibt pathetische Worte von Leid und Vergessen.

Ein Blick zurück: Mehr als ein Jahr nach Kriegsende erreicht „Familie Beck Waldemar“ in Otterndorf eine erste Nachricht ihres Sohnes. Ein Vordruck, kyrillische Schrift. Absender: Der Kriegsgefangene Beck Boris, UdSSR Postverein des Roten Kreuzes, Postkasten 314/6. Auf der Rückseite schreibt er unter dem Datum 22. Mai 1946:  „Hofentlich mein erstes Lebenszeichen erreicht euch gut. Ich bin gesund, nur die Jugend geht hin. Wichtig ist, schickt mir Beweispapiere über meine Herkunft, daß ich in Frankreich und zwar in Paris groß geworden bin. Davon kann vielleicht die Zeitdauer meiner Gefangenschaft abhängen.“

Warum spielt das eine Rolle? Weil es zusammenhängt mit der Geschichte von Vater Waldemar Beck: Der hat es im zaristischen Russland zu Wohlstand gebracht und flieht nach dem Umsturz. In dieser Zeit lernt er seine künftige Frau kennen, ebenfalls eine Deutsche, die bei Moskau gelebt hat. Beide wohnen für ein paar Jahre im niedersächsischen Celle, wo Boris 1922 geboren wird. Später zieht die junge Familie nach Frankreich weiter, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Boris Beck spricht also fließend russisch und französisch – und wird, weil ihn ein deutscher Kamerad wegen seiner Sprachkenntnisse verpfiffen hat, deswegen von den Russen für einen Spion gehalten. Eine falsche Einschätzung mit schlimmsten Folgen.

Immer wieder in Einzehaft verhört und misshandelt

Aber die Eltern sind nach der ersten Nachricht halbwegs beruhigt. Sie ahnen nicht, dass ihr Sohn zu diesem Zeitpunkt mehr tot als lebendig ist. Auf Anraten eines Arztes schreibt er Jahre später auf, wie es ihm damals ergeht: Nach der Gefangennahme seiner Nachrichtenkompanie der Division Hermann Göring bei Brüx in der Tschechoslowakei wird Boris Beck mit tausend anderen deutschen Soldaten in den Ural gebracht. Zwei Monate dauert die Zugfahrt, Tag und Nacht wird mit dem Hammer auf die Waggons geschlagen, an Ruhe ist nicht zu denken. Bei Ankunft sind alle Männer unterernährt und können sich nicht auf den Beinen halten. Im Lager Epidemien, Massensterben, nur 300 der tausend bleiben am Leben. Notizen über den Winter 1945: „Ich werde in ein anderes Lager gebracht, muss zum ersten Mal das Verhör der Politabteilung über mich ergehen lassen, erlebe schwerste Misshandlungen, Faustschläge, ausgebrochene Zähne, Peitschenhiebe. Zwei Wochen werde ich verhört und misshandelt.“ Den Winter verbringt der junge Soldat in Einzelhaft. „Keine Pritsche, keine Decke, das kleine Fenster immer offen, draußen bis 30 Grad Kälte. Verpflegung: einmal am Tag Wasser, lauwarm, und 200 Gramm Brot.“ Kurz vor dem Verhungern wird Beck im Lazarett aufgepäppelt, anschließend geht es wieder ins Gefängnis. Im Februar 1947 Kriegsgericht, nach zehn Minuten Verhandlung das Todesurteil.

Es folgt ein viertel Jahr in der Todeszelle – zusammen mit sieben russischen Gefangenen, die wegen Raub und Mord verurteilt sind. „Hier habe ich eine sehr, sehr schwere Zeit durchgemacht und wundere mich heute, dass ich noch am Leben bin. Mein Gesundheitszustand wurde immer schlechter, so daß ich nur noch auf allen Vieren kriechen konnte, meine wiederholte Frage nach einem Arzt wurde abgelehnt,“ Am Ende der Kraft erfährt Boris Beck von seiner Begnadigung zu 25 Jahren Arbeitslager. Wieder kommt eine Nachricht an die Eltern durch: „Macht euch keine Gedanken, mir geht es gut. Ich stelle mir vor wie Vater zur Arbeit geht und Mutter im Haushalt ist und Kaninchen züchtet.“

Im Sommer 1947 Verlegung nach Karaganda, Kasachstan. Hier arbeiten 10 000 Russen hinter Stacheldraht. Hin und wieder trifft Beck andere deutsche Kriegsgefangene, aber Kontakte sind nicht erlaubt. Dem Arbeitslager ist eine Kolchose angeschlossen, Feldfrüchte verschaffen etwas zusätzlich Ernährung. Doch in Folge der Quälereien und der Unterernährung ist der Kriegsgefangene Boris Beck kaum einsatzfähig. Auch die Lunge ist angegriffen. Immerhin wird er jetzt ärztlich behandelt, bekommt Suppe, Brot und Zucker

„Liebe Unvergessliche! Bin noch am Leben“

In Otterndorf sind die Eltern zwischen Bangen und Hoffen. Den wenigen Lebenszeichen vor Jahren folgt keine neue Post aus der Gefangenschaft. Nur über Umwege kommt ein Lebenszeichen: Ein Kamerad meldet sich nach seiner Freilassung aus dem Ruhrgebiet per Brief. „Im Mai oder Juni 1947 kam Boris dannn noch einmal für einen Tag ins Lager, erhielt Verpflegung, wurde neu eingekleidet und dann sofort wieder abgeführt. Meine Vermutung ist, daß Boris abgeurteilt wurde und sich nun in einem Strafgefangenenlager im fernen Rußland befindet, in dem das Schreiben mit den Angehörigen verboten ist. Glaube also, daß er auch jetzt gesund ist.“
 

Nach vielen Jahren der verzweifelten Ungewissheit ist die Familie Beck wieder vereint.

Erst im Sommer 1954 haben Waldemar Beck und seine Frau die Gewissheit, dass es ihren Sohn noch gibt. Kurz und knapp die ersten Sätze nach acht Jahren: „Liebe Unvergessliche! Bin noch am Leben und gesund. Schreibt, wen werde ich noch lebend treffen? Wird dann die Familienchampagnerflasche aufgemacht?“ Regelmäßig können jetzt wieder Nachrichten ausgetauscht werden – von Ost nach West die geschönten Beschreibungen aus dem Arbeitslager, in umgekehrte Richtung werden Alltagsbanalitäten geschildert („Sind jetzt in die Stadt gezogen, da habe ich es näher zum Dienst“), Zukunftspläne geschmiedet und Verpflegungspakete geschickt. Akribisch notiert der DRK-Suchdienst Hamburg unter dem Aktenzeiten A IIa/3/04/Kre-Ti. die an den Kriegsgefangenen Boris Beck auf den Weg gebrachte Lieferung, nämlich: 1 Dose Markenbutter, 1 Dose Ia gemahl. Bohnenkaffee, 2 Stck „Adler“ Sahnekäse 60% Fett, 2 Rollen Hiller‘s Fruchtdrops, 100 Stck Zigaretten.

Anfang Oktober 1955 wird Boris Beck aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Seine Eltern erfahren aus dem Radio von der Heimkehr – einen Tag, bevor er mit einem Zugtransport im Durchgangslager Friedland bei Göttingen eintrifft. Sofort machen sie sich auf den Weg, um den Sohn in die Arme zu schließen. Die Lokalzeitung zitiert ihn: „Mein einziger Wunsch: Ein Bett, und dann erstmal richtig ausschlafen.“

In Otterndorf dann großer Bahnhof für den Heimkehrer. Als Sohn und Eltern am späten Abend zu den Chorälen des Posaunenchors durch die girlan­dengeschmückte Haustür treten, stecken die ersten Glückwünsche der Nachbarn und Bekannten im Briefasten. Der Edeka Großhandel Cuxhaven hat einen Gutschein geschickt über 20 Mark, einzulösen gern beim örtlichen Kaufmann. Und die Frankfurter Illustrierte sendet einen Gruß von Oskar, einer Pfeife rauchenden Katze („Freund aller gut gelaunten Menschen“) und bietet ein kos­tenloses Probe-Abo an „zwecks Ausspannung und Erholung“ zum Einleben in die „neuen Verhältnisse“. Boris Beck ist zu Hause. Glaubt man.

Zur Erinnerung: Zwischen 1941 und 1945 waren etwa 3,6 Millionen Wehrmachtsangehörige in russische Kriegsgefangenschaft geraten, etwa 1,3 Millionen starben in dieser Zeit. Die meisten der Überlebenden wurden bis 1948 freigelassen. Die Wehrmacht nahm fünf Millionen russischer Soldaten gefangen. Von ihnen kamen 3,3 Millionen ums Leben – in deutschen Lagern und durch „Vernichtung durch Arbeit“.

Stefan Branahl