18.09.2022

Ein Gespräch über Theologie, Wirtschaft und wie beides zusammenpasst

Gott oder Gier

„Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“, sagt Jesus im Evangelium dieses Sonntags. Sind Wohlstand und Reichtum also grundsätzlich von Übel? Und wie passt es zusammen, dass man in Bonn nun "Theologie und Wirtschaft" studieren kann. Fragen an den Moraltheologen Jochen Sautermeister.

Foto: imago images/Rudolf Gigler
Und so sieht Mammon aus – jedenfalls in Hugo von Hofmannsthals berühmtem Stück „Jedermann“ (hier Christoph Franken als Mammon bei den Salzburger Festspielen im Jahr 2020). Foto: imago images/Rudolf Gigler

Herr Professor Sautermeister, Sie lehren an der Uni Bonn und werden dort zum kommenden Wintersemester eine neue Studiengangskombination Theologie und Wirtschaft anbieten. Was ist die Idee dahinter?
 
Zwischen der Theologie und Wirtschaft gibt es verschiedene Berührungspunkte und sogar Überschneidungen. So müssen sich viele Theologinnen und Theologen, die beispielsweise in der Pastoral Verantwortungs- und Leitungsaufgaben wahrnehmen, heute gut mit wirtschaftlichen Themen auskennen. Außerdem ist die Kirche und vor allem die Caritas ein wirtschaftlicher Akteur und großer Arbeitgeber. Gerade hier braucht es Kenntnisse in der Personalführung, ein Verständnis für unternehmerische Zusammenhänge sowie für volkswirtschaftliche, politische und soziale Prozesse und Strukturen. Durch unsere Kooperation mit der Wirtschaftswissenschaft können Theologie-Studierende künftig aus erster Hand ökonomischen Sachverstand erwerben.
 
Was haben die Wirtschaftswissenschaftler von der Kombination?

Damit möchten wir in das Fach stärker als bisher grundlegende ethische Themen einbringen, die für Ökonomen ebenfalls wichtig sind, etwa Fragen der sozialen Gerechtigkeit. Außerdem wollen wir anregen, den Menschen nicht nur als ein Wesen zu betrachten, das wirtschaftlich nützlich ist, sondern ein Menschenbild vermitteln, das sich an Werten und Prinzipien wie Würde, Solidarität, Nachhaltigkeit und Verantwortung orientiert.

Beißt sich die Kombination von Gott und Mammon nicht? In der heutigen Sonntagslesung heißt es, der Mensch kann nicht Diener zweier Herren sein.

Unsere Lebenswelt ist ökonomisch geprägt. Das sieht man nicht nur bei der eigenen Haushaltsführung, sondern auch im Großen von Politik und Gesellschaft. Man denke nur an die Auswirkungen des Ukrainekriegs, die auch bei uns spürbar sind. In der genannten Bibelstelle geht es meiner Ansicht nach um eine Warnung vor den Gefahren des Reichtums. Besitz und Habe sind nicht per se schlecht. Wenn jedoch die Faszination für den Besitz so stark ist, dass der Mensch davon völlig in Beschlag genommen wird und den anderen Menschen und auch Gott aus den Augen verliert, dann tritt eine Verkehrung ein. Dann wird der Mammon, das Streben nach Besitz zu einer Art Götzendienst. 

Im Lukasevangelium aber spricht Jesus ausdrücklich vom ungerechten Mammon. Ist Geld demnach nicht doch eher grundsätzlich ungerecht?

Nein, entscheidend ist der Umgang damit. Wenn jemand, um an Geld zu kommen, andere Menschen ausbeutet oder nur auf das eigene Wohl schielt, ist das ungerecht. Zugleich braucht man Zeit und Geld, um anderen Menschen helfen zu können, etwa den Armen und Bedürftigen. Darüber hinaus benötigt jeder Mensch ein gewisses Maß an materiellen Gütern, um selbst über die Runden zu kommen. Für mich ist die Perikope ein Aufruf, das eigene Hab und Gut so einzusetzen, dass auch Menschen, die nichts oder wenig haben, etwas davon abbekommen. Geld kann, richtig eingesetzt, ein Instrument der christlichen Nächstenliebe sein. 

Also doch Diener zweier Herren?

Nein, ein Mensch kann sein Leben nicht an zwei komplett unterschiedlichen Grundwerten ausrichten. Entweder habe ich Gott oder die Besitzvermehrung als Lebensziel. Beides geht nicht zusammen. Aber ich kann mich als Mensch oder Christ, der im wirtschaftlichen Bereich arbeitet, natürlich bemühen, sozial verantwortlich mit Geld umzugehen. Dafür wiederum brauche ich wirtschaftliche Grundkenntnisse. 

In allen drei Lesungen zum heutigen Sonntag geht es um das Wirtschaftssystem. Vor allem Amos kritisiert hier etliche Gepflogenheiten, etwa die Unterdrückung der Gebeugten. Wenn man manche seiner Sätze liest, könnte man den Eindruck haben, dass sich in den vergangenen 2000 Jahren nicht viel geändert hat. Was ist Ihre Einschätzung?
 

Ausbeutung und Unterdrückung sind leider noch immer Teil unserer gesellschaftlichen Realität. So hat die Globalisierung mit den Produktionsketten sogar zu neuen, bisher unbekannten Formen der Ungerechtigkeit geführt. Ich denke hier an menschunwürdige Arbeitsbedingungen in armen Ländern des Globalen Südens. Allzu oft geht es noch immer um die Maximierung von Renditen. Gleichzeitig gab es mit der Anerkennung der allgemeinen Menschenrechte und der Einführung der sozialen Marktwirtschaft auch große Fortschritte. Der Arbeitsschutz wurde etabliert, soziale Sicherungssysteme wurden eingeführt oder das Recht auf Freizeit. Es gibt für die Menschen bei uns heute eine Grundsicherung. Zu dieser Entwicklung hat übrigens die katholische Soziallehre und das christliche Menschenbild mit ihren Ideen der Solidarität und der Subsidiarität eine ganze Menge beigetragen. 

Der Einfluss von uns Christen auf die Gesellschaft wird zumindest in Europa beständig geringer. Lassen sich zukünftig dennoch Prinzipen und Werte der katholischen Soziallehre umsetzen?

Die Hoffnung habe ich auf jeden Fall. Zwar gab es in den vergangenen Jahren einige Einbrüche in unserem Sozialstaat zu beklagen. Gleichwohl ist unser Sozialsystem im weltweiten Vergleich noch immer gut aufgestellt. Ich bin davon überzeugt, dass Argumente und Ideen, die sich am Gemeinwohl statt am Einzelwohl ausrichten, immer noch wirken können. Denn die grundlegenden Werte und die Menschenrechte sind nicht nur für Christinnen und Christen von Bedeutung, sondern für alle Menschen, um Ungerechtigkeiten und Gräueltaten zu vermeiden. Die Vision, dass Menschen friedlich und solidarisch zusammenleben, halte ich für unbezwingbar – gerade deshalb müssen wir uns dafür einsetzen.

Das Gespräch führte Andreas Kaiser

Foto: privat

„Geld kann, richtig eingesetzt, ein Instrument der christlichen Nächstenliebe sein“, sagt Jochen Sautermeister. Er lehrt das Fach Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn