24.09.2020

Thekla Baumgart ist Deutschlands einzige Ordensschwester, die zugleich Winzerin ist

Im Weinberg des Herrn

Thekla Baumgart ist Deutschlands einzige Ordensschwester, die zugleich Winzerin ist – in den eigenen Weinbergen der Benediktinerinnenabtei Sankt Hildegard in Rüdesheim.

Hoch über den Weinbergen erhebt sich die Benediktinerinnenabtei
Sankt Hildegard mit der Klosterkirche.

Majestätisch thront die Benediktinerinnenabtei Sankt Hildegard in Rüdesheim über dem Rhein, eingerahmt von grünen Weinbergen. Monatelang war es still dort oben, die 42 Ordensschwestern unter sich. Nach der coronabedingten Schließung ist nun das Leben wieder zurück. Pilger, Wanderer und Touristen kommen vorbei – besuchen das integrative Café der Abtei oder kaufen im Klos­terladen ein.

Ein wertvolles Gut geht dort sehr oft über den Kassentresen: der eigene Wein. Denn obwohl es durchaus einige Klöster mit Weinbergen und edlen Tropfen gibt, nur hier ist auch eine Ordensschwester Winzerin.

Schwester Thekla Baumgart ist damit einzigartig in ganz Deutschland. Nach ihrem Eintritt ins Kloster 1991 wollte sie eigentlich „etwas mit Kunst“ machen, Goldschmiedin vielleicht, aber die Äbtissin hatte andere Pläne und schickte sie in den Weinberg. Liebe auf den ersten Blick war diese Berufung nicht, mehr eine arrangierte Ehe, in der die Liebe Zeit brauchte, um zu wachsen.
 

Schwester Thekla ist Winzerin und leitet das Weingut des
Klosters. Regelmäßig kontrolliert sie die großen Holzfässer.

Heute ist Schwester Thekla glücklich mit den Plänen ihrer damaligen Chefin: „Es ist ein toller Beruf, gerade weil er so vielseitig ist. Ich bin in der Natur und arbeite mit meinen Händen. Gleichzeitig setze ich mich chemisch mit der Weinentstehung auseinander, habe aber auch Kontakt zu Menschen, kann krea­tiv sein, Ideen entwickeln – vom Entwurf der Etiketten bis hin zur Ladengestaltung“, schwärmt die 55-jährige gebürtige Bremerin. „Und wenn ich dann meinen Blick vom Weinberg über den Rheingau schweifen lasse, denke ich oft, wir haben ein wirklich paradiesisches Stück Erde hier.“

Als ihre Vorgängerin 1998 in Ruhestand ging, übernahm Schwester Thekla die Leitung des Weinguts. 2001 machte sie ihren Abschluss als Winzergesellin. Gemeinsam mit Winzermeister Arnulf Steinheimer bewirtschaftet sie die sieben Hektar Weinberge der Abtei.

Eine Aufgabe, die ein wenig an einen Krimi erinnert, bei dem man auf ein Happy End hofft und der Spannungsbogen eigentlich kein Bogen, sondern eine Gerade ist: „Wenn ein Gewitter kommt, halte ich manchmal die Luft an. Wenn in der Wettervorhersage von Sturmböen und Hagel die Rede ist, hoffe ich immer, dass bloß unseren Weinbergen nichts passiert“, erzählt die Benediktinerin. „Genug Sonne, aber auch genug Regen, kein Ungezieferbefall und – besonders wichtig – das richtige Timing machten ein gutes Weinjahr aus.“
 

Wein macht Arbeit. Regelmäßig werden die langen
Ruten zwischen die Drähe gesteckt.

Das Wichtigste dabei ist die Reife der Traube, erklärt Winzermeister Steinheimer. „Die muss optimal sein; die weiteren Schritte, auch ob ein Wein beispielsweise lieblich oder trocken wird, kann ich dann im Weinkeller einstellen.“
Riesling und Spätburgunder reifen in den Fässern im Keller der Abtei. 70 000 Liter könnten dort gelagert werden, im Schnitt seien es aber 30 000 bis 40 000 Liter Wein pro Ernte, so Schwester Thekla. Das Klosterweingut hat damit die Größe eines mittelständischen Betriebs. Verkauft wird der schon vielfach ausgezeichnete Wein hauptsächlich im Klosterladen und online in Deutschland, er landete aber auch schon in Japan. Außerdem gebe es gerade Kontakt zu einem chinesischen Geschäftsmann, der den Wein unbedingt in Shanghai verkaufen wolle, verrät Schwester Thekla.

In diesem Jahr beginnt die Weinlese vermutlich Ende September, zehn Tage vor dem durchschnittlichen Termin. Es gab viel Sonne. Aber es gibt nach wie vor Corona. Eine Herausforderung für Schwester Thekla und Arnulf Steinheimer. Denn normalerweise reisen zehn bis zwölf Lesehelfer an, um die beiden zu unterstützen. Während einer Pandemie ist das nicht realisierbar. Deswegen müssen wahrscheinlich ausnahmsweise auch die anderen Schwestern aus dem Kloster im Weinberg mitlesen.
 

Wein aus der Mutterabtei St. Hildegard bieten
auch die Marienroder Schwestern Renata Reimann (links)
und Theresia Bugla an.

Wein von Ordensschwestern: Auch wenn die Arbeit im Weinberg die gleiche sei wie auf jedem anderen Weingut – der Hintergrund sei schon ein anderer, findet Schwester Thekla. „Natürlich erwirtschaften wir auch unseren Lebensunterhalt. Aber diese Dimension Gott, das Geschenk des Weinbergs, das Vertrauen darauf, dass er alles zu einem guten Ende führt, das ist vielleicht ein Quäntchen mehr bei uns. Wobei aber andere Winzer vielleicht noch frommer sind als wir“, sagt sie und lacht.

Severina Bartnotschek