01.11.2019

Jutta Stenzel – eine Kämpferin

Immer noch Siegerin

Es gibt Geschichten, für die muss man sich anschnallen. Jutta Stenzel kann so eine Geschichte erzählen. Sie handelt von Absturz und Willenskraft, von Medaillen und Rollstuhl. Und davon, wie ein Mensch Herausforderungen annimmt und sich durchs Leben kämpft.

„Der Unfall hat mir die Chance gegeben, meinen Platz neu zu überdenken“, sagt Jutta Stenzel.

Da ist diese Sekunde, die dich mal so ganz beiläufig aus dem Leben hebelt. Jutta Stenzel erlebte sie auf der Autobahn. Ein Herbsttag, ein Geisterfahrer, der Unfall.

Wir treffen uns 25 Jahre und mehr als 70 Operationen später. Jutta Stenzel sitzt im Rollstuhl. Der linke Unterschenkel ist amputiert, das rechte Bein gelähmt.  Auf ihrem Pullover ein netter Spruch auf englisch: „Ich bin anders als ihr“, könnte man ihn übersetzen.

Ein alter Eimer für 200 Medaillen

Es gab eine Jutta Stenzel, die gewohnt war auf dem Siegertreppchen zu stehen. Das war die Leichtathletin. Kugelstoßen, Diskus, Speer. In den achtziger Jahren gehörte sie für ihren Verein im Westerwald zur Spitze der deutschen Sportlerinnen. Bronze, Silber, Gold, alles dabei. Ein paar Kilo Medaillen liegen in einem alten Farbeimer, die Bänder ineinander verknotet. Wieviele? „Es werden so knapp 200 sein.“ Erinnerungen ohne große Bedeutung.

Das Schicksal hat keine Reklamationsstelle. Wie verkraftet ein Mensch dann so einen Schnitt, wie er radikaler kaum sein kann?  Jutta Stenzel schafft es, weil sie eine ganz entscheidende Frage anders stellt. Nicht: Warum ich? Sondern: Warum ausgerechnet ich nicht?

Resignieren oder kämpfen?  Jutta Stenzel, studierte Medizinerin, hat sich entschlossen, den Kampf aufzunehmen. Schon vor Jahren, als die Krankenhausaufenthalte noch Routine sind, schafft sie es, auch andere im Blick zu haben. Sie kümmert sich um albanische Flüchtlinge um Kranke in der Nachbarschaft. Sie kandidiert für den Pfarrgemeinderat ihrer Heimatpfarrei bei Hannover und wird zur Vorsitzenden gewählt. Sie bereitet Kinder auf die Erstkommunion vor, hält Wortgottesdienste, ist Beerdigungsleiterin. Gut erinnert sie sich, als sie das erste mal im Rollstuhl vor der Gemeinde saß. „Bitte setzten Sie sich noch mal, damit wir auf Augenhöhe sind“, war ihre Bitte.
 

Trotz allem Siegerin geblieben. Eine von 200 Medaillen, die Jutta Stenzel an ihre Zeit als erfolgreiche Sportlerin erinnern.

Ja, manchmal fällt es ihr schwer, die Kräfte zu mobilisieren. Oft sind es Kleinigkeiten, die ihr bewusst machen, dass sie tatsächlich anders ist seit ihrem Unfall. Die schwere Kirchentür allein aufmachen? Geht nicht mehr. Mal eben die Stufen nehmen ins Pfarrbüro? Vorbei. Natürlich hält ihr ein Schild am Gemeindezentrumden Parkplatz frei für das umgebaute Auto. Aber gut gemeint ist nicht gut gemacht: im Laufe der Jahre haben sich die Steine gehoben, und sobald der Sensor der Autorampe die Unebenheiten registriert, fährt er den Rollstuhl wieder zurück.

Jetzt eine filmreife Situation: Jutta Stenzel war ehrenamtlich für die Pfarrgemeinde unterwegs und hat die Abrechnung der Fahrtkosten für den Termin dabei. Die Sekretärin will das schnell vom Tisch haben und sagt: „Ich bringe das Geld gleich vorbei. Du läufst ja nicht weg!“

„Ich merke, dass ich anderen Kraft gebe“

Nicht in diesem Moment, aber manchmal schon reißt Jutta Stenzel dann der Geduldsfaden und sie redet Klartext. „Da kommen meine italienischen Wurzeln durch“, sagt sie. „Aber ich fühle mich trotzdem aufgehoben in unserer Pfarrgemeinde. Ich bin ein Teil von ihr und merke, dass ich anderen Kraft geben kann“, sagt sie. Als Mensch, der mit einer schweren Behinderung fertig werden muss, habe sie einen ganz anderen Zugang zu denen, die mit ihrem Schicksal hadern und sich still zurückziehen. „Dass du das alles so schaffst, macht mir selber Mut“, hat ihr neulich eine alte Frau gesagt.

In solchen Momenen spürt Jutta Stenzel, dass es sich lohnt, alle Reserven zu mobilisieren. „Der Unfall mit seinen Folgen hat mir die Chance gegeben, meinen Platz zu überdenken. Ich spüre, wie mich mein Glaube trägt. Vielleicht wäre ich sonst in meiner Haltung als U-Boot-Christ verblieben und allenfalls mal Weihnachten im Gottesdienst aufgetaucht.“
Auch mit dem Rollstuht schafft es Jutta Stenzel übrigens immer noch auf das Siegertreppchen: Gerade hat sie im Rollstuhl am Hannover-Marathon teilgenommen. Eine weitere Medaille für den alten Farbeimer …

Stefan Branahl