30.04.2020

Weltweit fielen zwei Influenza-Wellen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Millionen Menschen zum Opfer

Influenza ohne Shutdown

Grausame Pandemien sind alles andere als neu. Weltweit fielen zwei Influenza-Wellen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts Millionen Menschen zum Opfer. Kirchenbücher belegen, dass sie auch das Bistum Hildesheim erreichten. Der Vorläufer der KirchenZeitung berichtete darüber.

Sie hieß Spanische Grippe, doch hatte ihren Ausgangspunkt
in den USA: Erkrankte Soldaten im Fort Riley in Kansas
wurden in riesigen Sälen behandelt – für die meisten kam
jede Hilfe zu spät.

Dieser Artikel stammt nicht aus einer vergilbten Chronik. Er wurde druckfrisch verfasst in einer Zeit, als die Angst vor dem Virus real war.

Wir, die vom Virus ergriffen sind, schauen zurück die Zeit vor 125 bzw. vor 100 Jahren, als die Russische und die Spanische Grippe das Bistum Hildesheim fest im Griff hatten. Da kommen Angst und Verzweiflung in den Quellen hoch, aber sie spiegeln auch den Mut und die Hoffnung der Menschen, die sich der Influenza stellen mussten. Sie waren auf sich allein gestellt, gerade weil umfassendes medizinisches Wissen damals noch fehlte und die Menschen aus verschiedenen Gründen nicht ausreichend informiert wurden. Was ihnen jedoch blieb waren: „Glaube, Hoffnung und Liebe“ (1 Korinther 13,13). Es mag ironisch klingen, aber diese Eigenschaften weckt Covid-19 gerade wieder in uns.

Die Influenza ist eine wahrhafte Killerin. Sie ist heimtückisch, weil sie für das menschliche Auge unsichtbar ist. Die große Gefahr, die von ihr ausgeht, spürt man erst, wenn es schon passiert ist. Sie kennt kein Erbarmen. Mit Alt ob Jung, mit Arm ob Reich geht sie gleichermaßen skrupellos um. Sie spielt auf Zeit, bis sie sich als gewaltige Pandemie den Menschen präsentiert.

Im Fadenkreuz der Influenza standen Ende des 19. Jahrhunderts die Eisenbahnlinien, mit deren Hilfe sie sich rasend schnell verbreiten konnte. Im Herbst 1890 war sie in Großbritannien angekommen. Bald hatte die sogenannte Russische Grippe (die erste Grippe dieses Namens) das Inselreich fest im Griff. Als Gegenmaßnahme wurden empfohlen: im Bett bleiben, Brandy trinken, Chinin und Opium einnehmen und Kleidung desinfizieren. Aus heutiger Sicht kann man jener Rezeptur – in Ausnahme der Quarantäne und der Desinfektion – wohl kaum etwas abgewinnen. Aber auch aus damaliger Sicht waren jene Maßnahmen außerordentlich – im wahrsten Sinne des Wortes. Die staatlichen Empfehlungen stellten alles bisher da Gewesene auf den Kopf. Es war erlaubt, was zuvor verboten war. Müßiggang statt Arbeit, Rausch statt Nüchternheit. Doch das Rezept der Regierung Ihrer Majestät war wohl eher etwas für „Privatpatienten“, zu denen Straßenhändler, Eisenbahn- und Postangestellte wohl kaum gehörten. Sie waren es, die mit Menschen täglich zusammenkamen und daher häufiger als die Lords auf ihren Cottages an der Grippe erkrankten. Die junge Generation machte sich so ihre Gedanken wie der damals 15-jährige Eliteschüler Winston Churchill über diese „verkehrte“ Welt.

Mit allem, was die Putzkammer oder der „Chemiebaukasten“ zu bieten hatten, wurde der Influenza zu Leibe gerückt. Die Fußböden wurden mit Karbolseife geschrubbt, danach wurden die Gebäude mit Schwefel und Campher ausgeräuchert. Ein bestialischer Gestank umgab die Insel, die inzwischen mit Strychnin – einem damals gebräuchlichen Rattengift – auf das Virus losging.
 

Die Familie der Autorin musste sich
sowohl der Russischen als auch der
Spanischen Grippe stellen und überlebte.

Begonnen hatte alles im Sommer 1889 in Zentralasien, von wo aus sich das Virus nach Russland, China, und von Russland aus nach Europa weltweit ausgebreitet hatte. Und wer war dafür verantwortlich gewesen? Man glaubte unter anderem die Chinesen. Sie hätten die Opfer der großen Flutkatastrophe von 1887 nicht ordentlich beerdigt, sodass der Staub der Leichen den Westen vergiftete. Andere wiederum machten Erdbeben, Vulkane und sogar das Auftauchen von Kometen für die Seuche verantwortlich. Doch weder diese Verschwörungstheorien noch die emsigen Putzrituale konnten die Pandemie aufhalten. Sie setzte ihren Weg auf den Kontinent erbarmungslos fort.

„Was sollen wir nun tun?“

Im Jahr 1894 hatte die Russische Grippe schließlich auch das Bistum Hildesheim fest im Griff. Im Leitartikel blickte das Bernwards-Blatt, Vorgänger der heutigen KirchenZeitung, Neujahr 1895 auf die vergangenen zwölf Monate des Schreckens zurück. Die Menschen hatten Angst und diese Angst fasste die Zeitung ganz offen in Worte:

„Noch sind wir nicht besser geworden, und wo Tausende getroffen, kann dies nicht auch uns widerfahren? Allein noch nicht genug! Wie, wenn dieses Jahr, das wir heute antreffen, vielleicht unser letztes Lebensjahr gewesen wäre? Und wie leicht möglich ist dieses! Sind nicht Manche im vergangenen Jahr gestorben, die beim Anfang desselben nicht daran dachten (…), daß dieses Jahr ihr letztes sei! (…) sind nicht Greise, Männer und Kinder, Menschen von jedem Stande, Alter und Geschlechte den Weg der Sterblichkeit gewandert? Und wenn nun dieses neue Jahr wirklich unser Sterbejahr seien sollte?, was sollen wir nun tun?“

Darauf haben wir leider keine Antwort. Was könnten wir auch raten? Etwa die Einschränkung sozialer Kontakte zum Beispiel bei Sport oder Konzerten? Der Mensch des ausgehenden 19. Jahrhunderts kannte solche Freizeitveranstaltungen nicht. Sein Leben spielte sich sechs Tage in der Woche bei harter Arbeit ab. Nur der Sonntag gehörte Gott. Bälle, Paraden oder Pferderennen blieben dem Adel oder denjenigen, die dazugehören wollten, vorbehalten. Da es weder Homeoffice, noch Computer und Telefone gab, musste fast ausnahmslos jeder seiner Arbeit an Ort und Stelle nachgehen. Nur wenige verfügten im Jahr 1894 über Elektrizität und fließend Wasser. Die hygienischen Möglichkeiten waren damals recht schmal. Die „Katzenwäsche“  wurde lediglich als notwendiges Übel akzeptiert.

Dies kam dem Virus erwartungsgemäß ebenso gelegen wie die mangelhafte Ernährung. Dabei ging es weniger um die damals noch unbekannten Vitamine in der Nahrung, die das Immunsystem stärken, sondern vielmehr um den Hunger. Auf Diät war man 1894 ungewollt oft. Der Shutdown fand damals jedenfalls nicht statt. Es konnte weder etwas eingeschränkt noch etwas genutzt werden, was es im Deutschen Kaiserreich im Vergleich zu heute noch nicht gab.
Meldungen über die Russische Grippe in der Presse hätten sicherlich dem Ansehen des deutschen Kaiserhauses und der Regierung geschadet. Zwar gab es kaum Möglichkeiten, das Virus effizient zu stoppen, aber zumindest Anteilnahme und die Ausgabe von Lebensmittelvorräten hätte der treusorgende Landesvater in Berlin seinen Untertanen in dieser schweren Zeit zuteil werden lassen können.

Das Bernwards-Blatt berichtete damals oft über Unfälle in den Fabriken. Dass ein Arbeiter versehentlich einen Nagel bei der Arbeit in den Kopf bekam, war noch harmlos gewesen. Die Kirche nahm sich einem Mann wie ihm aus christlicher Nächstenliebe an. Aber die Caritas hatte inzwischen auch eine politische Komponente erhalten. Das Gebot der Stunde war zu vermeiden, dass sich die Arbeiter bei den Sozialisten politisch umsahen. Darin war man sich mit seiner Majestät unbedingt einig gewesen. Das Wissen um den Virus hätte möglicherweise zu Aufständen, Rebellionen und Ungehorsam der Arbeiter geführt. Sie hatten nicht nur schlechte Arbeitsbedingungen, sondern sie gehörten wegen des Imports und Exports von Industriegütern zur Risikogruppe. Aus diesem Grund gefiel der Leitartikel des Bernwards-Blatts von Januar 1895 den politisch Verantwortlichen sicherlich nicht. Und tatsächlich, von nun an schwieg die Zeitung zu der Pandemie eisern.

Generell ist davon auszugehen, dass die Anzahl von Grippetoten im Bistum Hildesheim 1894/95 wesentlich höher zu veranschlagen ist, als jene, die in den Kirchenbüchern tatsächlich vermerkt wurden. Als todesursächlich wurde dort Lungenentzündung angegeben, die von den bekannten Symptomen wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Erbrechen begleitet wurde. Durchschnittlich dauerte die Tortur nur drei Tage, weshalb man in Deutschland vom sogenannten „Blitz-Katarrh“ sprach. Wer die Grippe dann schließlich doch überstanden hatte, rang oftmals mit psychischen Problemen. Von nun an gab es zahlreiche „nervlich Invalide“.
 

Die vielen Grippetoten waren 1895
Thema im Bernwards-Blatt.

Verbucht man die Anzahl von Lungenentzündungen mit Todesfolge auf das Konto der Influenza, so lag ihr Epizentrum in Linden, das damals noch ein selbstständiger Industriestandort vor den Toren Hannovers war. Hier war das Virus möglicherweise angekommen und von hier breitete es sich im Bistum Hildesheim aus. In der katholischen Gemeinde St. Godehard in Linden stieg von 1894 bis 1895 die Sterberate von 123 auf 161. Der Anstieg von 38 Todesfällen innerhalb nur eines Jahres war recht auffällig gewesen. Einen ebensolchen traurigen Anstieg hatte die katholische Gemeinde St. Clemens im Herzen Hannovers zu verbuchen. Die Großstadt bot vielen Menschen Lebensraum; die Fabriken, die schnellen Verkehrswege und die Enge des Wohnraums sowie die Nähe zur Eisenbahn mit den Exportgütern zum Beispiel aus Großbritannien, waren ideal für das Virus. Auf der Grundlage des Beerdigungsbuches von St. Godehard ergriff die Gemeinde im Dezember 1894 die Welle der Influenza, die sich bis Mai des darauffolgenden Jahres sehr beharrlich hielt. Ein Fabrikbesitzer musste mit gerade einmal 31 Jahren im Januar 1895 sein Leben lassen. Hauptsächlich junge Männer, die vollumfänglich berufstätig waren, standen ganz oben auf der Liste des Virus. Ihre Namen waren u. a. Heinrich, der mit 24 Jahre starb, oder Peter, der nur 19 Jahre alt wurde. Aber auch Säuglinge und Kinder fielen der Russischen Grippe zum Opfer. Diese hatten möglicherweise die jungen Familienväter ungewollt mit nach Hause gebracht. Frauen verloren ihre Männer und ihre Kinder oftmals gleichzeitig. Die Welle der Pandemie 1895 forderte auch in anderen Städten des Bistums Hildesheim zahlreiche Opfer, wobei deren Anzahl verhältnismäßig zu den Zahlen der Gemeindemitglieder der katholischen Gemeinden stand. In der Hildesheimer Domgemeinde stieg die Anzahl der Beerdigungen von 1894 bis 1895 von 34 auf 51. In St. Nikolai, Braunschweig, waren es im selben Zeitraum 21 (von 174 auf 195) Todesfälle und Göttingen St. Michael „meldete“ 15 (von 41 auf 56) Tote. Die Sterberate von St. Cyriakus in Duderstadt fügt sich nicht so richtig in die Welle der Pandemie von 1894/95 ein. Dort gab es bereits 1892 zahlreiche Grippetote zu beklagen.

Bis in die Landgemeinden drang die Welle der Pandemie von 1894/95 offenbar nicht vor; hier herrschten andere Lebensbedingen als in den Städten. Das Abflachen der Grippe im Mai 1895 bedeutete keinesfalls, dass es danach keine Lungenentzündungen mehr gab.

Jedes Jahr fordert die Grippe immer noch Menschenleben. Für eine Pandemie wie die Russische Grippe sind lediglich deren Schnelligkeit und die Schwere der Erkrankung charakteristisch. Insgesamt kostete diese Seuche 1 Million Menschen das Leben. Diesen traurigen Rekord hielt die Russische Grippe bis in das Jahr 1918. Die Rekordhalterin wurde in diesem Jahr von der sogenannten Spanischen Grippe abgelöst, an deren Folgen bis 1920 weltweit zwischen 27 bis 50 Millionen Menschen starben.

Die Spanische Grippe aus der Büchse der Pandora

Während sich die Russische Grippe mit Hilfe des Schienennetzes hatte verbreiten können, war es nun der Erste Weltkrieg, den sich das junge Virus zunutze machte. Die Forschung geht davon aus, dass alles im Mittleren Westen der USA im Winter 1917/18 begann. Dort waren mutierte Viren vom Geflügel auf Menschen übertragen worden. Einer von ihnen war ein junger Rekrut, der zum Militärdienst eingezogen wurde. Seit dem 2. April 1918 ging die USA militärisch gegen das Deutsche Kaiserreich im Ersten Weltkrieg vor. Amerikanische Männer wurden an der Front in Europa gebraucht. So erhielten diese Männer zunächst in improvisierten Mobilisierungslagern der US-Armee zum Beispiel in Kansas ihren erforderlichen militärischen Schliff. Ungewohnter Drill, Erschöpfung, mangelnde Hygiene und unzureichende Ernährung boten dem Virus ideale Bedingungen; es konnte sich dort hervorragend ausbreiten. Mitte März 1918 diagnostizierten US-Militärärzte ungewöhnlich schwere Grippefälle. Sie warnten, aber die Warnungen wurden einfach verdrängt. Dabei war wohl die entscheidende Frage aller am Ersten Weltkrieg beteiligten Militärs gewesen: Warum sollen sie gegen ein unsichtbares Killervirus ins Feld ziehen, wenn der Gegner aus Fleisch und Blut an der Front bereits wartet? Ihn konnte man einschätzen, ihm mit Gewehrsalven und Granaten parieren, aber ein Nichts aus Luft war nichts und schon gar nichts Patriotisches fürs Vaterland. Als Soldat hatte man den Heldentot gefälligst auf dem Schlachtfeld zu sterben. Der Fiebertod im Krankhaus, wo die Schwester die Hand des Sterbenden zärtlich hält, passte einfach nicht zu einem harten Kämpfer.

Die Amerikaner machten die Deutschen verantwortlich

Wenige Wochen nach dem Ausbruch der Seuche in den USA, brachten die amerikanischen Soldaten das tödliche Virus mit nach Europa. Von der Bretagne aus trat es seinen „Siegeszug“ auf den Kontinent an. Erste Nachrichten über die rätselhafte Krankheit druckte die spanische Presse. Im Ersten Weltkrieg war das Land neutral gewesen, weshalb die Presse dort relativ frei berichten konnte. Die Meldungen aus Spanien verliehen der Viruserkrankung ihren Namen. Die Spanische Grippe war geboren. Wieder einmal wurde nach Schuldigen gesucht. Und diesmal stand zumindest für die US-Amerikaner fest: Die Deutschen waren schuld. Sie hatten unter anderem Konservendosen aus Spanien mit dem Virus vergiftet. Aus der Sicht der US-Amerikaner waren deutsche Agenten sogar in der Lage, den Krankheitserreger in Theatern oder anderen öffentlichen Gebäuden in den USA freizusetzen, um möglichst viele Amerikanerinnen und Amerikaner tödlich zu infizieren. Dass die USA ein Einwanderungsland vieler Deutscher war, wurde dabei wohl übersehen. So starb unter anderem Frederick Trump, der deutsche Großvater des derzeit amtierenden amerikanischen Präsidenten Donald Trump, am 30. Mai 1918 an der Spanischen Grippe.

Wie schon bei der Russischen Grippe wurden auch diesmal Gegenmaßnahmen ergriffen. In den USA, weitab vom Kriegsschauplatz in Europa, war das Kollektiv gefordert. Die Ärzte ordneten dort Quarantänemaßnahmen an, die aber vor allem beim Militär auf wenig Gegenliebe stießen. Hygienevorschriften wurden erlassen. So stand zum Beispiel in New York das Spucken auf der Straße unter Strafe. Andere Städte ordneten etwa das Tragen von Mundschutz an. Doch davon allein ließ sich das Virus nicht aufhalten; es blieb nach wie vor auf der Überhol­spur. So starben allein im September 1918 12 000 Menschen in den USA. Särge und Gräber waren jetzt Mangelware.
Die grausamste Lüge war wohl das Schweigen der deutschen Regierung, die dadurch das Virus zunächst leugnete. Doch das Deutsche Kaiserreich befand sich 1918 noch im Krieg, in dem zum Beispiel auch für die Presse besondere Regeln galten. Der Staat ordnete an und alle mussten ihm gehorchen. Ob in Zeiten der Wirrungen und Irrungen des Ersten Weltkrieges das Virus als tödliche Bedrohung überhaupt wahrgenommen wurde, bleibt zwar zu hinterfragen. Aber sicher ist, dass auch in Deutschland die Ärzte die politisch Verantwortlichen warnten. Doch das Virus blieb mit oder ohne Absicht zunächst oberste Verschlusssache. Dafür sorgte bestimmt schon die oberste Heeresleitung in Berlin. Sie konnte weder die Fahnenflucht noch die Demoralisierung ihrer Soldaten riskieren. Darüber hinaus konnten Meldungen über die Grippetoten in den deutschen Lazaretten und Krankenhäusern den Kriegsgegnern in die Hand spielen. Diese hatten zwar dasselbe Virusproblem, doch Geheimdienste und Propaganda konnten die deutschen Truppen als einen Haufen fiebernder, schwacher Jünglinge darstellen. Mit der Streuung solcher Nachrichten hatte man in Berlin schließlich Erfahrung.

Eines stand fest: Kein Soldat kämpft weiter, wenn er weiß, dass auf ihn im Lazarett mit einer leichten Schuss- oder Stichverletzung das tödliche Virus wartet. So schwieg auch diesmal das Katholische Bernwards-Blatt wohl aus Gründen der Staatsräson.
 

Grippe und Lungenentzündung: Viele Soldaten starben
daran, wie dieser Auszug aus dem Militärkirchenbuch,
Hannover, aus dem Jahr 1918 belegt.

Indessen spielte sich in den Lazaretten und Krankenhäusern Dramatisches ab, wie die Militärkirchenbücher der Standorte im Bistum Hildesheim schonungslos offenlegen. In Hannover starb am 30. Mai 1918 der erste Soldat am Virus; todesursächlich war eine Lungenentzündung gewesen. Weitere Soldaten folgten ihm in den Tod, wie Heinrich K., der am 7. Juli des Jahres infolge einer „Influenza“ den Tod fand. Zum ersten Mal wurde das Virus im Kirchenbuch expressis verbis genannt. Bis Ende des Monats Juli ging das Sterben unter den Soldaten unbarmherzig weiter. Ein besonderes tragischer Fall bot der Tod des Soldaten Heinrich B. Er war gerade einmal 19 Jahre alt geworden. Im August 1918 war mit dem Sterben der Soldaten am Virus in den Lazaretten und Krankenhäusern plötzlich Schluss gewesen.

Es schien so, als müsse sich das Virus nach der ersten Infektionswelle erst einmal eine Atempause gönnen. Im Oktober war es dann soweit, es holte erbarmungslos zu seiner zweiten, größten Welle aus, die bisher alles Bekannte übertraf. In den Lazaretten und Krankenhäusern in Hannover, Hildesheim, Göttingen und Celle war es ein erbärmliches Sterben unter den Soldaten. Fast jeder Soldat starb dort an den Folgen der Virusinfektion. Von Oktober bis Dezember 1918 war die „Spanische Grippe“ der Gewährsmann für den Tod.

Die Politik war derzeit im Dauerstress. Im November 1918 hatte das Deutsche Reich kapituliert. Von nun an überschlugen sich die politischen Ereignisse auf dem Weg des ehemaligen Kaiserreichs in die Weimarer Republik.

Übergangsregierungen/Räte, Putschisten, Memoranden, Demonstrationen und Depeschen waren an der Tagesordnung. In einem Land, das politisches Neuland betrat, hatte eine Pandemie in der Öffentlichkeit gefälligst nichts zu suchen. Der katholische Journalismus jener Zeit beschäftigte sich vielmehr mit der Frage, wie es mit der katholischen Kirche in einer Republik wohl weitergehen wird? Die Aussichten waren nicht gerade rosig. Wie Hildesheims Bischof Joseph Ernst gemeinsam mit seinen Amtsbrüdern im Dezember des Jahres 1918 konstatierte: „Bessere Zeiten? Ach, Ihr wißt, wie gerade jetzt in kirchlicher Hinsicht für Euch und für uns ganz neue schwere Kämpfe drohen“.

Die Politik hielt die Welt in Atem

Folgt man der Berichterstattung des Bernwards-Blatts, so gab es während der Zeit der Spanischen Grippe, die bis 1920 lokal immer wieder auftrat, kaum Einschränkungen im öffentlichen Leben des Bistums Hildesheim. Gottesdienste wurden gehalten, Prozessionen durchgeführt und auch Versammlungen der kirchlichen Vereine und Verbände fanden statt. Auch der Schulunterricht wurde regulär erteilt, gesetzt den Fall, dass der Lehrer gesund blieb. Die Voraussetzung für das Virus war günstig, um sich auch unter der Zivilbevölkerung Opfer zu suchen. Wie viele Meschen tatsächlich an der Spanischen Grippe im Bistum Hildesheim starben, wissen wir beim heutigen Stand der Forschung und der Zugänglichkeit der Quellen noch nicht. Auf der Grundlage der Militärkirchenbücher ist davon auszugeben, dass jeder zweite Todesfall im Herbst 1918 bistumsweit auf das Konto der Grippe verbucht werden kann. Und damals starb es sich schnell. Es müssen Aberhunderte von Menschen gewesen sein, die das Virus das Leben kostete.

Hamster und Helfer

Es ist erstaunlich, wie sich die Menschen nach über 100 Jahren in Krisenzeiten treu geblieben sind. Da gab bzw. gibt es recht Kurioses zu entdecken. In Zeiten der Russischen und Spanischen Grippe waren den Menschen Spirituosen im wahrsten Sinne des Wortes lieb und teuer. Glaubten sie doch, den Teufel mit Beelzebub austreiben zu können. Sogar der Tabakrauch galt als probates Heilmittel. Da war wohl etwas Wahres dran, denn bevor das Virus die Lunge zerstören konnte, nahm ihn diese Arbeit der Tabak ab. In der Zeit von Covid-19 hamstern die Menschen Toilettenpapier und Nudeln. Beides ist zwar vollkommen wirkungslos gegen das Virus, aber das menschliche Hamstern lässt tief oder besser weit zurückblicken in eine Zeit, als der Homo sapiens entweder Sammler oder Jäger war. Da gab und gibt es Fake News zum Beispiel über Verschwörungstheorien. Während vermeintlich die Chinesen und die Deutschen an der Russischen bzw. an der Spanischen Grippe schuld waren, wurde Covid-19 angeblich in einem konspirativen Labor im Nimmerleinsland gezüchtet, um die Weltherrschaft zu erringen. Solche Fake News gründen sich wohl eher im Drehbuch von „James Bond -007 jagt Dr. No“. Findige Geschäftemacher gab es ges­tern wie heute. So wurden Wundermittel im Kampf gegen das Virus früher per Inserat geschaltet und heute im Netz angepriesen. Magier oder selbsternannte Wunder-/Geistheiler treten auf. Früher inserierten sie noch in der Presse, heute wirken ihre angeblichen Wunder in Spielshows im TV, die Grimms-Märchen so ähnlich sind.

Aber es gab und gibt viel Positives, was die Pandemien hervorbrachten. Zum Beispiel die vielen fleißigen Helferinnen und Helfer, die sich damals wie heute um die Kranken und Hilflosen kümmern. Heute sprechen wir berechtigt von „Helden des Alltags“. Zu ihnen gehören der Postbote, der Busfahrer, die Verkäuferin, der Arzt, die Krankenschwester und viele mehr. Sagen wir ihnen alle Danke! Was bleibt, ist die Frage, warum uns so etwas passieren konnte? Die Seuche als Gottesstrafe hinzunehmen ist unchristlich und elend. Würde es doch bedeuten, dass wir die Botschaft Christi falsch verstanden haben und uns feige aus der Verantwortung für die Schöpfung stehlen.

Gabriele Vogt