08.05.2019

Bischof Heiner und Sigmar Gabriel stellen sich Schülerfragen

Jugend für Europa

Die Hildesheimer Gruppe von „Pulse of Europe“ und das Bistum Hildesheim hatten Schülerinnen und Schüler der 11. Jahrgangsstufe der Gymnasien Marienschule und Josephinum zu einer Diskussionsrunde eingeladen. Gäste auf dem Podium waren Bischof Dr. Heiner Wilmer und der SPD-Bundestagsabgeordnete Sigmar Gabriel.

Stellen sich den Schülerfragen zu Europa: Bischof Heiner Wilmer (links) und der SPD-Politiker Sigmar Gabriel (rechts). Moderator ist Konstantin Gerbrich (mitte) von „Pulse of Europe Hildesheim“. | Foto: Deppe

Es war mucksmäuschenstill im Foyer des Bischöflichen Gymnasiums Josephinum. Über 200 Schülerinnen und Schüler der beiden Hildesheimer katholischen Gymnasien folgen den Statements von Bischof Heiner Wilmer und Sigmar Gabriel.

So erzählte Bischof Heiner sehr persönlich aus seiner Familie, vom ewigen Feindbild „Frankreich“, von den Kriegen, in denen auch Familienmitglieder gekämpft haben und getötet wurden. „Mein Vater konte sich anfangs gar nicht vorstellen, dass ich von Paris, von Frankreich und seinen Menschen begeistert war“, erzählte Wilmer, der längere Zeit in Paris verbracht hat. Aber der Bischof wies auch darauf hin, dass die einstigen Feinde schon wenige Jahre nach dem Krieg den Grundstein für das heutige Europa legten „und zwar auf der Basis der katholischen Soziallehre“, betonte der Bischof. Für ihn ist Europa das größte Friedensprojekt des christlichen Abendlandes. „Wir leben zum ersten Mal in einer Phase, in der wir so lange Frieden haben“, sagte er. Dies habe man dem geeinten Europa zu verdanken.

Wilmer forderte einen stärkeren Einsatz der Kirchen für ein gemeinsames Europa und rief dazu auf, am 26. Mai zur Europawahl zu gehen. Gerade die jüdisch-christlichen Wurzeln Europas rechtfertigten ein Engagement der Kirchen, so der Bischof. Sie dürften sich manchmal „vielleicht sogar noch stärker“ als bisher einmischen.

Einer allein kann Europa nicht retten

In Papst Franziskus sieht Wilmer in diesem Zusammenhang eine wichtige Stimme. Allerdings könne er allein nicht viel bewirken, sondern nur im Zusammenspiel mit anderen gesellschaftlichen Akteuren. Die junge Generation bezeichnete der frühere Schulleiter als einen „wichtigen Schlüssel“. Aber auch sie sei nur eine Gruppe von vielen.

Auch der frühere Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) würdigte die Friedensanstrengungen der europäischen Gemeinschaft. „In weniger als einer Generation sind wir vom Völkermord in Auschwitz zu den Verträgen von Maastricht gekommen“, sagte der Bundestagsabgeordnete.

Seinen Worten nach sollte sich Europa auf die Umsetzung gemeinsamer Ziele konzentrieren, statt sich in „kleinkarierten“ Debatten über den Brexit oder wachsenden Populismus zu verlieren. Nur so könne sich die Europäische Union gegen globale Akteure wie die USA und China behaupten. „In der Welt, auf die wir zukommen, wird es sehr darauf ankommen, dass wir in Europa gemeinsam auftreten“, sagte Gabriel. Eine Debatte über den Brexit dagegen, lasse Europa in den Augen anderer Länder als schwach erscheinen.

In seinem Eingangsstatement zitierte der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident Gabriel den früheren Hildesheimer Bischof Dr. Josef Homeyer. Dieser habe nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gesagt, wer den Ausbruch von Gewalt wirklich bekämpfen wolle, müsse Gerechtigkeit für alle erreichen. Diese Aussage habe ihn in seiner Kürze und Klarheit beeindruckt.
Gabriel machte aber deutlich, dass es kein Europa nach deutschem Vorbild geben könne, denn in der Europäischen Union hätten alle gleiche Rechte. „Da kann nicht einer alles allein bestimmen wollen“, so Gabriel.

Keine Sorgen um die Zukunft Europas

Vorab konnten die Schülerinnen und Schüler Fragen formulieren, die Moderator Konstantin Gerbrich abwechselnd Wilmer und Gabriel stellte. Da ging es um Waffenexporte, das Zusammenleben in Europa oder auch den wachsenden Nationalismus. Wilmer und Gabriel standen den Jugendlichen Rede und Antwort.

„Kann die Jugend Europa retten?“, unter diesem Motto stand die Veranstaltung und sowohl Wilmer, als auch Gabriel sind der Meinung, dass die Jugend dazu beitragen kann. „Wenn ich mir diese Jugendlichen anschaue, wie interessiert sie heute dabei waren, dann brauche ich mir um die Zukunft Europas keine Sorgen zu machen“, lautete das Fazit von Gabriel.

Einen Video-Clip zur Diskussionsveranstaltung über Europa gibt es auf der Homepage des Bistums Hildesheim unter: www.bistum-hildesheim.de

Edmund Deppe

 


Europa pulsiert auch in Hildesheim
Pulse of Europe ist eine proeuropäische Bürgerbewegung, die sich im November 2016 in Frankfurt am Main gegründet hat. Seitdem haben sich der unabhängigen, überparteilichen und überkonfessionellen Initiative knapp 100 Städte angeschlossen, auch europaweit werden Kundgebungen in Budapest, Prag oder Warschau organisiert. Das gemeinsame Ziel der Organisatoren ist unter anderem, Europa wieder in die Herzen der Menschen zu bringen und um Europa und dessen Werte zu kämpfen. In Hildesheim hat sich Pulse of Europe im März 2017 gegrün­det, seitdem gab es 26 Kundgebungen auf dem Platz auf der Lilie oder auf dem Andreasplatz. Das junge Organisationsteam, bestehend aus vier Leuten im Alter von 18 bis 21, trifft sich regelmäßig am ersten Sonntag des Monats mit Europa-Unterstützern zu Kundgebungen. Bei diesen geht es im Kern um aktuelle Themen aus der Europäischen Union, die die Menschen beschäftigen. Die Teilnehmer können sich am offenen Mikrofon dazu äußern, was sie beschäftigt, was sie stört, oder einfach ein Appell an all diejenigen schicken, die daheim auf dem Sofa sitzen und sich scheinbar nicht für Europa interessieren. Bei den Kundgebungen in diesem Jahr waren schon über 500 Hildesheimer anwesend.

Vom 23. bis zum 26. Mai findet in Europa die Parlaments­wahl statt. Alle Bürger und Bürgerinnen der EU sind dazu aufgerufen, ihre Stimmen abzugeben. Pulse of Europe will, dass mindestens 50% der Bevölkerung zur Wahl geht und eine proeuropäische Stimme abgibt. Besonders die „stillen“ Befürworter, und das ist die Mehrheit der Europäer, müssen für diese wichtige Wahl mobilisiert werden.
Sollten die populistischen Parteien, die in vielen Mitgliedsländern auf dem Vormarsch sind, die Gewinner der Wahlen werden, könnten sie zusammen eine Fraktion im Parlament bilden. Daneben ist es auch besonders wichtig, die Jugendlichen und besonders die Erstwähler zu informieren. Laut Hauptorganisator Konstantin Gerbrich leben diese „auf der Insel der Glückseligen“ und Europa ist für diese Generation eine Selbstverständlichkeit.

Um alle Europäer auf die Wahl aufmerksam zu machen, haben viele Aktivisten unterschiedlicher Pulse of Europe-Städte eine gemeinsame, europaweite Wahlkampagne entworfen. Mit dem Slogan „Was immer du wählst, wähl Europa“ wollen die Städte alle mobilisieren und die Öffentlichkeit hinaustragen. Überall sollen Plakate, Postkarten oder Aufkleber an allen Plätzen der Städte verbreitet und verteilt werden. Auch in Hildesheim wird die Kampagne immer weiterverbreitet. Wer möchte, kann sich an den Kundgebungen beteiligen (12.,19. und 26. Mai, Platz An der Lilie). Am 11. und am 18. Mai wird es einen Infostand in der Fußgängerzone (vor Galeria Kaufhof) geben. Setzen Sie gemeinsam ein Zeichen für Europa!!

Anna-Lena Lorenz, Pulse of Europe