07.10.2021

75 Jahre Niedersachsen

Katholiken der ersten Stunde

In unserer Serie zum 75. Landesgeburtstag geht es diesmal um Bernhard Pfad, Anton Storch, Maria Meyer-Sevenich und Georg Wengler. Sie  haben das heutige Niedersachsen auf ihre Weise mitbegründet. Eingebracht haben sie dabei ihre katholische, christliche Grundhaltung.

Bernhard Pfad war in Niedersachsen
Mitbegründer der CDU, Innenminister
und Vizepräsident des Landtages.

Zahlreiche katholische Männer und Frauen waren durch ihr politisches, kulturelles oder soziales Engagement am Aufbau des Landes Niedersachsen beteiligt. Zu ihnen gehörte der Rechtsanwalt Bernhard Pfad; er war eine der bestimmenden Persönlichkeiten im Gründerkreis der Christlich-Demokratischen Union (CDU) in Hannover und ein Wegbereiter der Christlichen Demokratie in Niedersachsen. Pfad wurde am 19. Februar 1885 in Heiligenstadt geboren. In den 1920er-Jahren oblag ihm die Führung der Zentrumspartei in Stadt und Region Hannover. Während der NS-Zeit trat er als Verteidiger von Oppositionellen u. a. vor dem Volksgerichtshof auf. Als dezidierter „Vertreter des Politischen Katholizismus“ wurde er dreimal von der Gestapo verhaftet und entging 1944 durch Zufall der befohlenen Liquidation.

Letzte Ruhe in Hannover auf dem Friedhof Engesohde

Im Sommer 1945 war Pfads Haus in Hannover-Kirchrode Ort mehrerer Treffen mit lokalen evangelischen Repräsentanten, wie Adolph Cillien, auf denen die Gründung einer christlichen Partei diskutiert wurde. Im Unterschied zu ehemaligen christlichen Gewerkschaftlern, wie Anton Storch und Hans Wellmann, die eindeutig Position zugunsten einer überkonfessionellen Partei bezogen, favorisierte Pfad einige Zeit die Wiederbegründung des Zentrums, gab aber diese Idee auf und betrieb die Bildung des Provinzial- und späteren Landesverbandes Hannover der CDU, dessen Vorsitz er im November 1945 übernahm. Wirkungsvolle Unterstützung erhielt er von seiner Ehefrau Dr. Martha Pfad, die sich in der Folgezeit in der Frauenarbeit der CDU engagierte. In den Anfangsjahren war Konrad Adenauer häufiger zu Gast im Hause des Ehepaares. Pfad war Mitglied verschiedener politischer Gremien, wie dem Rat der Stadt Hannover und dem Niedersächsischen Landtag, dessen Vizepräsident er bis 1951 war. Er starb am 2. Mai 1966 in Hannover und erhielt ein Ehrengrab auf dem Stadtfriedhof Engesohde.
 

Anton Storch war Arbeitsminister im
ersten Kabinett Konrad Adenauers.

Enge Beziehungen unterhielt Pfad zu Anton Storch, dem ersten Bundesminis­ter für Arbeit. Storch war am 1. April 1892 als Sohn einer Arbeiterfamilie in Fulda geboren und mit zwölf Jahren in das städtische Waisenhaus eingewiesen worden. Nach der Volksschule erlernte er das Tischlerhandwerk; er wurde Mitglied des Windthorstbundes, der Jugend­organisation der Zentrumspartei, und des Katholischen Gesellenvereins, von dessen Bildungsarbeit er profitierte. Von 1921 bis 1933 war Storch hauptberuflich als Leiter des Christlichen Holzarbeiterverbandes in Hannover tätig und übernahm 1931 den Landesvorsitz des Dachverbandes der Christlichen Gewerkschaften in der Provinz Hannover. Nach der Machtergreifung 1933 verlor er seine Gewerkschaftsämter. Storch wurde zwar mehrfach wegen angeblich „staatsfeindlicher Reden“ denunziert, ohne dass es zu einer Verurteilung kam.

Nach dem Krieg setzte sich Storch tatkräftig für die Bildung einer Einheitsgewerkschaft ein und erlebte als Exponent der christlichen Richtung einen raschen Aufstieg. Bei der ersten Wahl zum Deutschen Bundestag 1949 gewann er das Direktmandat für Osnabrück Stadt und Land. Um die linken Kräfte in der CDU zu binden, berief Konrad Adenauer Storch trotz Vorbehalte in sein erstes Kabinett. Unter der Federführung Storchs, der in seinem sozialpolitischen Engagement von der katholischen Soziallehre geprägt war, entstanden zahlreiche Gesetzeswerke, die die sozialstaatliche Struktur der Bundesrepublik Deutschland grundlegend bestimmten; dazu gehörten die sozialpolitische Bewältigung der Kriegsfolgen in Form von Lastenausgleich, Kriegsopferversorgung und sozialem Wohnungsbau, die Einführung der eigenständigen Sozialgerichtsbarkeit und des Kindergeldes. Als Hauptverdienst galt seine Mitwirkung an der Rentenreform von 1957, die die dynamische, lohnbezogene Rente einführte. Storch, dessen Politik wesentlich zur Minderung sozialer Spannungen in der frühen Bundesrepublik beitrug, schied 1957 aus dem Kabinett aus. Er starb am 26. November 1975 in Fulda.

Eine schillernde und umstrittene Politikerin
 

Ihren Ministereid legt Maria Meyer-
Sevenich im Landtag mit der Formel
„So wahr mir Gott helfe“ ab.

Maria Meyer-Sevenich war eine der schillerndsten und umstrittensten Persönlichkeiten des politischen Lebens in Niedersachsen, die im Laufe ihres Lebens mehrmals ihre politische Gesinnung und die Partei wechselte. Sie wurde am 27. April 1907 als Tochter eines Schmiedemeisters in einem katholisch und sozialdemokratisch geprägten Elternhaus in Köln geboren. Nach dem Abitur am Abendgymnasium begann sie 1929 mit dem Studium der Philosophie und Rechtswissenschaft in Frankfurt/M., das sie nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht abschließen konnte. Im Januar 1933 trat Meyer-Sevenich der KPD bei, nachdem sie zuvor ihre Mitgliedschaft in der SPD aufgegeben hatte. Die Denunziation durch einen Parteigenossen führte zu zwei Verhaftungen; es gelang ihr jedoch in die Schweiz und 1937 nach Frankreich zu emigrieren. Hier schwor sie dem Kommunismus ab und wandte sich erneut der Katholischen Kirche zu. 1942 wurde sie von der Gestapo verhaftet, wegen Hochverrats angeklagt und zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt; diese verbüßte sie in der Justizvollzugsanstalt Schwalmstadt und eine weitere Gestapohaft im Zuchthaus in Darmstadt, aus dem sie 1945 beim Einmarsch amerikanischer Truppen befreit wurde.

Nach Kriegsende war Meyer-Sevenich, die einen „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“ vertrat, maßgeblich an der Gründung der CDU in Hessen beteiligt. Ihr rhetorisches Talent machte sie bald über die amerikanische Besatzungszone hinaus bekannt. Mit Unterstützung Konrad Adenauers siedelte sie im August 1946 nach Niedersachsen über, wo sie im April 1947 über die Landesliste in den Landtag gewählt wurde. Größeres Aufsehen hatte Meyer-Sevenich im November 1946 erregt, als sie mit einem 30-tägigen Hungerstreik die Besatzungsmacht auf die katastrophale Versorgungslage hinweisen wollte.

Aus Protest gegen die von Ludwig Erhard repräsentierte Politik der freien Marktwirtschaft verließ Meyer-Sevenich die CDU und schloss sich 1949 im Landtag der SPD-Fraktion an; sie vertrat den sicheren SPD-Wahlkreis Sarstedt. Ihre Schwerpunktthemen waren die Flüchtlings- und Vertriebenenpolitik. Allerdings waren ihre Einflussmöglichkeiten in der Partei begrenzt, was möglicherweise aus ihrer entschieden katholischen Grundhaltung herrührte. Gegen Proteste in der SPD-Landtagsfraktion wurde sie im Oktober 1965 zur Ministerin für Bundesangelegenheiten, Vertriebene und Flüchtlinge in der Großen Koalition ernannt. In diesem Amt, das sie bis zur Regierungsumbildung im Juli 1967 innehatte, kämpfte sie für die materielle Gleichbehandlung von Vertriebenen und Aussiedlern. Kurz vor ihrem Tod wechselte Meyer-Sevenich erneut die Partei; aus Protest gegen die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition trat sie am 17. Februar 1970 wieder der CDU bei. Sie starb am 3. März 1970 in Hannover.
 

Georg Wengler hat sich einen Namen
als „Flüchtlingspriester“ gemacht.

Georg Wengler ist ein herausragendes Beispiel für einen „Flüchtlingspriester“, der nach dem Zweiten Weltkrieg einen maßgeblichen Beitrag zur gesellschaftlichen und kirchlichen Integration der Vertriebenen in Niedersachsen leistete. Er wurde am 9. Juni 1905 in Walditz, Grafschaft Glatz, geboren. Die Priesterweihe empfing er am 26. Juli 1930 in Innsbruck. 1940 erfolgte seine Ernennung zum Pfarrer in Eckersdorf; wegen seiner Predigten für die Jugend wurde er neun Mal von der Gestapo verhört, ohne dass es zu einer Verurteilung kam. Im März 1946 gelangte er mit 800 schlesischen Vertriebenen, die zu einem großen Teil Angehörige seiner Pfarrei waren, in den Landkreis Neustadt a. Rbge.

Wengler beteiligte sich an deren Unterbringung und kümmerte sich um die persönlichen Anliegen. Bischof Joseph Godehard Machens ernannte ihn zum Pastor in Mandelsloh, wo er im evangelischen Pfarrhaus wohnte und das Pfarrbüro einrichtete. Seine Gemeinde umfasste circa 3000 Katholiken in über 30 Orten, die bis zu 50 Kilometer auseinander lagen. Er teilte dieses Gebiet in acht Bezirke ein, die jeweils eine Gottesdienststation aufwiesen und von einer Caritashelferin und einem Helferkreis aus Laien betreut wurden. Die Gottesdienste fanden anfangs in Gasthäusern, später in den evangelischen Kirchen statt. 1958 erwarb Wengler das Lehrerhaus in Mandelsloh, das in eine katholische Kirche umgebaut wurde. Während seiner Amtszeit wurden die Kirchen in Rodewald („Hl. Familie“, 1962) und Hagen („Herz Jesu“, 1965) errichtet. Außerdem entstanden in Rodewald auf Initiative Wenglers, der langjähriges Mitglied des Kreistages war, eine Siedlung für Flüchtlinge und ein Altenzentrum in der Trägerschaft des Katholischen Kirchbauvereins. Zur Sicherung der Nahrungsgrundlage gründete er zusammen mit dem Bund der Vertriebenen eine Konsumgenossenschaft mit fünf Filialen, die günstige Einkaufsmöglichkeiten bot. Seine Verdienste wurden durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse anerkannt. Wengler starb am 13. September 1971 in Bad Lauterberg.

Hans-Georg Aschoff