15.10.2021

Über Karriere und christliches Leiten

Klar kann ich das!

Jakobus und Johannes wollen hoch hinaus. Doch Jesus fragt: „Könnt ihr das überhaupt?“ Und: „Wie wollt ihr die Machtposition denn ausfüllen?“ Fragen, die sich heute noch so ähnlich stellen, sagt der Unternehmer Ulrich Hemel.

Foto: istockphoto/Violeta Stoimenova
Selbstbewusste Menschen auf dem Weg in die Chefetage. Aber wer ist geeignet? Und was muss man können, um gut zu leiten? Foto: istockphoto/Violeta Stoimenova

Herr Hemel, im Evangelium bitten Jakobus und Johannes sehr direkt um Beförderung auf die Plätze neben dem Chef. Haben Sie das auch schon mal erlebt?

In dieser direkten Form nicht. Aber es ist völlig normal, dass man mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern regelmäßig Personalgespräche führt. Und fragt, wo sie stehen und wo sie hinwollen. Daraus ergibt sich nicht selten der Wunsch: Ich möchte weiterkommen.

Von sich aus um Beförderung zu bitten, ist also in Ordnung?

Selbstverständlich ist das in Ordnung. Menschen wollen sich doch entwickeln, und ich finde, es ist eine Freude, mit ihnen gemeinsam ihr Potential zu entfalten. Diesen Wunsch darf ein Mitarbeiter auch von sich aus ansprechen.

Jesus fragt zurück: „Könnt ihr das denn?“ Richtige Frage?

Ja natürlich. Es geht ja darum, dass das Anforderungsprofil und die Fähigkeiten der Person zusammenpassen.

Die beiden Jünger antworten: selbstsicher „Ja, klar!“

Das kommt vor, aber dann muss man schauen: Stimmt das oder stimmt das nicht? Das ist der Unterschied zwischen Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. In einigen Fällen überschätzen Menschen sich, in anderen unterschätzen sie sich. Gute Vorgesetzte haben die Fähigkeit, beides zu erkennen.

Jesus fragt nach: Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke? Heißt das: Könnt ihr vollen Einsatz bringen rund um die Uhr?

Nein, das ist ein altmodisches Bild von Führung. Wir unterscheiden ja schon in der Physik zwischen Arbeit und Leistung. Zwölf Stunden im Büro zu verbringen, ist kein Kriterium für gute Leitung. Allerdings ist die Frage völlig richtig. Denn tatsächlich geht Führung auch mit unangenehmen Seiten einher.

Zum Beispiel?

Ein erhöhter zeitlicher Einsatz gehört sicher dazu. Aber viel mehr noch müssen Sie unangenehme Erfahrungen aushalten können, denn Sie machen sich bei Führungsaufgaben ja nicht nur beliebt. Man wird Menschen enttäuschen, etwa, wenn Sie jemandem nicht die Stelle geben, die er oder sie sich wünscht. Oder wenn Sie Kritikgespräche führen müssen. Oder jemanden entlassen. Oder Ihnen fällt auf die Füße, was ein Mitarbeiter verbockt hat. Da sind Sie vielleicht nicht direkt selbst dran schuld, aber Sie müssen dafür trotzdem geradestehen.

Jesus erkärt anschließend auch, wie man in einer Machtposition handeln soll: Der Mächtigste soll der Diener aller sein. Ist das tauglich für das Unternehmertum?

Sie werden lachen, aber es ist fast schon Konsens, dass der Satz sehr tauglich ist. Im Englischen kennt man den Begriff „servant leadership“, also „dienende Führung“. Dieses Konzept geht davon aus, dass der, der führt, vor allem eine dienende Aufgabe hat, also sich in den Dienst einer größeren Sache zu stellen hat.

Was heißt das konkret?

Das heißt, dass ich zwischen meinen Interessen und denen des Unternehmens oder anderer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abwägen muss. Ich muss zum Beispiel abwägen, was ich selber mache oder besser delegiere, was für das Unternehmen im Moment wichtiger oder weniger wichtig ist. Das sind Entscheidungen, die man treffen muss, und da dürfen eben nicht die eigenen Interessen oder Vorlieben im Mittelpunkt stehen.

Ist das dann christliche Leitung? Gibt es das überhaupt?

Ja und Nein. Nein, weil die Fähigkeit zu leiten nicht von einem religiösen Glauben abhängt. Aber: Wer als Christ, als Christin eine Führungsaufgabe übernimmt, hat einen Horizont, der noch mal über das Unternehmen hinausgeht. In diesem Horizont steht drin: Ich bin nicht alleine auf der Welt. Ich bin nicht der Erste und ich bin nicht der Letzte. Das führt zu einer gewissen lebenspraktischen Demut, es verhindert Selbstüberschätzung und Größenwahn.

Was bedeutet das praktisch?

Dass man die Menschlichkeit in den Mittelpunkt rückt. Wenn ich zum Beispiel ein Trennungsgespräch führen muss, das kommt ja vor, wenn jemand mit seiner Arbeit wirklich nicht zurechtkommt. Dann kann ich ihm sein Versagen vor den Kopf knallen oder ihm sagen, was er gut kann und ihm zeigen, wo er mit seinen Fähigkeiten vielleicht besser aufgehoben ist. Oder Sie stehen vor der Situation, dass eine Fabrik nicht rentabel ist. Dann heißt christliche Leitung, vor einer Schließung alle, wirklich alle Alternativen zu prüfen und fair mit den Leuten umzugehen. Oder ein Mitarbeiter kann aus gesundheitlichen Gründen seinen Arbeitsplatz nicht mehr ausfüllen: Dann wirklich eine optimale Alternative zu suchen – das ist werteorientierte Leitung.

Wenn eine Organisation christlich leiten soll, dann wohl die Kirche. Sie sind im Synodalforum „Macht“. Aus Ihrer Sicht: Muss die Kirche in Sachen Leitung noch lernen?

Ja, denn tatsächlich findet in der Kirche moderne Leitung oft nicht statt. Das ist schade, weil die Kirche dem hinterherhinkt, was in guten Organisationen möglich ist.

Was sind die Knackpunkte?

Dass es in vielen Fällen einen sehr hierarchischen Stil von Leitung gibt. Dass sich viele scheuen, Verantwortung zu übernehmen und lieber auf die Entscheidung des Entscheiders warten. Dass es zu wenige und falsche Sanktionen gibt, denn wenn Sie jedem alles durchgehen lassen, bestrafen Sie die Tüchtigen. Und dass geistliche Leitung, die von der Weihe kommt, viel zu oft verwechselt wird mit der Fähigkeit zur Organisationsleitung. Hier muss viel mehr auf das „Kannst du das?“ aus dem Evangelium geachtet werden, also auf fachliche und persönliche Kompetenzen und Qualifikationen.

Interview: Susanne Haverkamp

Foto: Daniel Hemel
Ulrich Hemel ist Bundesvorsitzender
des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU)
und Direktor des Weltethos-Instituts in Tübingen.