24.11.2021

Dresdner Klinikseelsorger über die aktuelle Corona-Situation

"Nicht über das vielfältige Leid hinwegsehen"

Sachsen ist einer der Corona-Hotspots. Seit Beginn der Pandemie sind allein in Dresden bisher mehr als 1.200 Menschen im Zusammenhang mit einer Covid-Infektion gestorben. Christoph Behrens (67) ist am Dresdner Uniklinikum als Seelsorger tätig. Im Gespräch berichtete er von seiner Arbeit in der sich zuspitzenden Corona-Situation.

Foto: kna/Romano Siciliani/Cristian Gennari
Die Lage in den Krankenhäusern spitzt sich zu: Immer mehr Corona-Patienten müssen auf den Intensivstationen behandelt werden. kna/Romano Siciliani/Cristian Gennari


Herr Pfarrer Behrens, Sie haben am Uniklinikum einen Gedenkort für die Opfer der Pandemie initiiert - warum ist so etwas wichtig?
Durch meine Besuche auf den Corona-Stationen habe ich erlebt, wie die Angehörigen teils ganz ausgesperrt sind. Auch jetzt haben wir aufgrund der hohen Inzidenzen wieder im Klinikum Besuchersperre. Das ist ein großes Leid für viele Kranke und Angehörige. Ich habe im Laufe der Pandemie gemerkt, dass es wichtig ist, dass es in der Klinik gerade in dieser Corona-Krise einen speziellen Ort zum Trauern, Innehalten und Auftanken gibt. Auch für das Klinikpersonal übrigens.


Inwieweit setzt solch ein Gedenkort auch ein symbolisches Zeichen?
Er signalisiert zum einen den Angehörigen: Wir denken an euch und fühlen mit euch im Leid! Dann ist es ein Zeichen der Wertschätzung und des Danks an die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich Tag für Tag um die Versorgung der Patienten kümmern. Und nicht zuletzt ist es ein Symbol nach außen hin, dass wir nicht über das vielfältige Leid, das die Pandemie mit sich bringt, hinweggehen. Das geschieht schon viel zu viel durch die Ignoranz der Impfverweigerer. Das ist schlimm genug für die Betroffenen, das zu erleben. Auch viel vom Klinikpersonal macht das verständlicherweise wütend, wenn sie die Proteste gegen Corona-Auflagen sehen und das auch noch mit «Verteidigung der Freiheit» deklariert wird.


Die Überlastungsstufe ist in Sachsen seit vergangener Woche erreicht, die Intensivstationen laufen voll, die Angst vor Triage steht sehr präsent im Raum - wie erleben Sie die Situation?
Auf Triage hat mich bislang noch keiner in der Klinik angesprochen. Das Personal steht natürlich schon permanent unter einem enormen Druck. Das ist schon irre, was die leisten. Da habe ich große Hochachtung. Wenn ich dann manchmal auf dem Gang frage: «Wie geht es Ihnen?» Dann kommt auch manchmal die überraschte Antwort: "Das hat uns noch niemand gefragt." Ich freilich kann meine Arbeit immer noch in Ruhe tun, aber es mehren sich natürlich die schweren Schicksale wie ein Ehepaar, das Bett an Bett mit Corona liegt und einer stirbt. Vor ein paar Tagen rief man mich zum ersten Corona-Baby, das ich mit seinen Eltern gesegnet habe und wo nicht klar ist, ob es überlebt. Es sind längst nicht nur alte Menschen mit Vorerkrankungen, die hier sterben.


Was empfinden Sie in solchen Situationen?
Wenn ich da gerufen werde, habe ich immer Herzklopfen. Ich kann da keine Sprüche machen und habe mir auch abgewöhnt, beschwichtigende Dinge zu sagen. Ich sage den Menschen: "Ich weiß, dass es jetzt schwer für Sie ist. Ich kann auch nicht alles in Worte bringen. Aber ich bin für Sie da, Tag und Nacht, Sie können mich jederzeit anrufen." Das ist für mich auch keine Last. Ich empfinde das als Geschenk, als einen neuen Blick auf Menschen und auf meinen Glauben.


Wie meinen Sie das?
Ich habe hier ja meist mit nicht glaubenden Menschen zu tun. Wie die das alles gestalten und ihr Leben zu Ende bringen, da habe ich eine große Hochachtung vor. Mich schaut aus jedem, der da im Bett liegt, Gott an. Auch bei den Angestellten beispielsweise entdecke ich viel Spiritualität, wenn sie ihr ganzes Menschsein in die Waagschale werfen, um den Patienten zu helfen.


Können Sie Menschen, die nicht an ein Leben nach dem Tod glauben, eine Hoffnung mitgeben?
Solche Fragen kommen eigentlich nicht. Es ist ja vielfach auch ein Begleiten durchs Schweigen. Oder ein Ermuntern der Angehörigen: «Sie machen das richtig gut, was Sie hier leisten. Ich lerne von Ihnen was für mein Leben.» Auch das Honorieren, was sie durchmachen. Das baut diese Menschen mehr auf als alles andere, was ich als katholischer Priester sagen könnte.


In den Kliniken gibt es auch wieder Besuchsverbote und strenge Hygieneauflagen bei Besuchen - was bedeutet das für Ihren Alltag?
Kittel, Brille und Handschuhe gehören halt inzwischen zur Routine. Sicherheitsabstände kann und will ich aber nicht einhalten. Wenn Menschen nach meiner Hand greifen, dann muss das möglich sein. Für viele Angehörige, die jetzt nicht in die Klinik dürfen, habe ich auch eine Brückenfunktion, wenn ich stellvertretend nach den Patienten schaue und den Angehörigen dann sagen kann: «Er hat die Augen wieder aufgemacht, sie hat meine Hand gedrückt.» Das ist ein riesiger Trost und eben etwas Persönliches. Viele haben nämlich derzeit auch Angst, auf der Station anzurufen, weil sie eben wissen unter welchem Druck das Personal steht.


Was braucht es jetzt vor allem?
Wir sollten unsere innere Ruhe wieder mobilisieren, dass das alles in guten Händen ist. Alles ist derzeit so aufgeregt. Da sehe ich es auch als meine Aufgabe, die Leute mal ein bisschen runterzuholen. Denn wir haben ja trotz allem immer noch unseren hohen Lebensstandard und eine gute Versorgung. Wir haben eigentlich keinen Grund, Existenzangst zu haben. Trotzdem haben viele sie. Den Menschen fehlt schlicht der Halt.

kna