08.06.2018

Gewalt an staatlichen Schulen nimmt zu – die Lage ist aber nicht überall gleich

Konflikte, aber keine Kriminalität

Die Zahlen klingen alarmierend: 32 Prozent mehr Straftaten und 29 Prozent mehr Körperverletzungen an Niedersachsens Schulen im Vergleich zum Vorjahr. Müssen Eltern Angst um ihre Kinder haben? Zumindest an der katholischen Eichendorffschule in Wolfsburg sieht man die Lage weniger dramatisch.

Schläge und Tritte: Die Gewalt an
Schulen nimmt zu. Doch die Lage
ist nicht überall gleich. | Foto: Fotolia

Gestern hat die 7a einen Film gesehen. Ein Junge kommt mit nagelneuen Markenschuhen zur Schule und ein anderer Schüler presst sie ihm ab. „Erlebt ihr hier auch so etwas?“, fragt Lehrer Bernd Hoffmann die Klasse. Die zwölf und dreizehn Jahre alten Jungen und Mädchen schütteln den Kopf. „Nein“, sagt Lorena bestimmt, „so geht es hier nicht zu“.

Nick berichtet, dass es neben körperlicher auch psychische Gewalt gibt. Und Alessia erzählt, dass sie schon schlechte Erfahrungen mit Bildern auf Whatsapp gemacht hat: „Da muss man aufpassen, wem man vertraut“, weiß sie.

Es klingelt zur zweiten großen Pause. Auf dem Schulhof der Eichendorff-Schule in Wolfsburg geht es munter zu. Eine Gruppe Jungen spielt mit einem Tennisball Fußball, Mädchen hängen kopfüber an Turngeräten und beweisen ihre Gelenkigkeit, einige Schüler rennen herum, andere stehen in Gruppen zusammen und halten ein Schwätzchen.

Was sind ihre Erfahrungen mit Gewalt in der Schule? Der eine oder andere hat wohl schon mal etwas in dieser Richtung miterlebt, aber darüber sprechen möchte kaum jemand. Vielen ist das offenbar unangenehm. Zwei Mädchen einer neunten Klasse berichten von einer Klassenkameradin, die eine Mitschülerin zu Boden geworfen und getreten haben soll. „Aber das war nur einmalig“, sagt eine. Ein Achtklässler erzählt, dass es in der 5. und 6. Klasse manchmal zu Auseinandersetzungen gekommen sei. „Aber das ist vorbei. Wir haben uns dann wieder die Hand gegeben“, sagt er.


Keine Zunahme von Gewalt beobachtet

Die Pause verläuft ruhig, bis auf eine kleine Ausnahme. Ein Junge hat Nasenbluten, offenbar die Folge einer kleinen Rangelei. Doch nichts Ernstes. Die Gruppe steht schon wieder zusammen und scherzt.

„Wir sind hier keine Insel“ sagt Schulsozialpädagogin Kornelia Jasper, „aber es gibt hier keine Gewaltexzesse.“ Natürlich komme es zu Regelverstößen oder auch mal zu einer Prügelei. „Aber das sind Einzelfälle, wie sie überall vorkommen“, sagt sie. Die Beobachtung, dass die Gewalt an Schulen in letzter Zeit erheblich zugenommen hat, kann sie nicht stützen.

Drohung stellte sich als Dummejungenstreich heraus

Schulleiter Karl-Heinz Müller hält einen Zeitungsausschnitt in der Hand. Der Te­nor des Artikels: Die Kriminalität habe im vergangenen Jahr erheblich zugenommen. In manchen 5. und 6. Klassen sei angesichts von Kriminalität und Gewalt kein geregelter Unterricht mehr möglich. „Solche Entwicklungen kann ich nicht bestätigen“, sagt Müller. Klar, auch an seiner Schule wurde schon einmal ein Schüler bedroht und der eine oder andere Einrichtungsgegenstand ging zu Bruch. Wegen einer Bombendrohung musste vor einiger Zeit schon einmal das Gebäude geräumt werden. Da war dann auch die Polizei im Haus. Die Drohung stellte sich schließlich als Dummejungenstreich heraus.
 

Die Sozialpädagoginnen Kornelia Jasper und Birte Batke
helfen mit, dass Gewalt ein Randthema bleibt. | Foto: Bode

Dass es mal richtig kritisch wird, ist selten. Rund 1000 Jungen und Mädchen besuchen die Oberschule und das Gymnasium der Eichendorffschule. Vier oder fünf Jahre ist es her, dass ein Schüler wegen immer wiederkehrender Auffälligkeiten die Schule verlassen musste. Seitdem blieb es bei Ermahnungen. Ein klarer Beleg dafür, dass es an der Schule vergleichsweise ruhig zugeht. „Natürlich gibt es an der Schule Konflikte, aber keine Kriminalität“, sagt Müller.

Wie kommt es, dass das Thema Gewalt an der Eichendorffschule eher eine Randerscheinung ist? Liegt es daran, dass es an der katholischen Schule weniger Migranten als anderswo gibt? „Das bestimmt nicht. Wir haben hier Kinder aus diversen Ländern, auch mit anderer Hautfarbe“, erläutert der Schulleiter. Auch einige muslimische, jüdische und konfessionslose Kinder besuchen die Schule. Das Einzugsgebiet der Eichendorffschule sind die Stadt Wolfsburg und die umliegenden Orte. Dieser Bereich ist von Volkswagen geprägt. Und die VW-Mitarbeiter kommen aus vieler Herren Länder. Die VW-Prägung spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der Schülerschaft. Die soziale Herkunft der Jungen und Mädchen reicht vom Arbeiterkind bis zum Managernachwuchs.

Wenn es nicht an der Zusammensetzung der Schülerschaft liegt, was ist es dann? „Wir legen hier sehr viel Wert auf den guten und richtigen Umgang miteinander“, sagt Kornelia Jasper. Sie lobt den christlichen Ansatz, die Gottesdienste, die Feiertage, den Religionsunterricht. „Und wir investieren sehr viel in Prävention“, sagt sie.

An der Schule wird viel in Prävention investiert

Tatsächlich spielt das Thema Vorbeugung an der Eichendorffschule eine große Rolle und es zieht sich durch alle Klassenstufen. Es beginnt damit, dass in den 5. Klassen Klassenräte gebildet werden, die kleine Konflikte selbst lösen. Wenn ein Kind ständig den Tischtennisball wegnimmt, ein Junge beim Sport einem anderen absichtlich ein Bein stellt oder es in der Pause immer wieder zu Kabbeleien kommt – all das wird im Klassenrat besprochen und zumeist gelöst. In höheren Klassen geht es in Workshops um Konflikttraining und Teambildung, um den richtigen Umgang mit Medien sowie Drogen und Alkohol. Während eines längeren Praktikums im 9. oder 10. Jahrgang sollen die Jungen und Mädchen Mitgefühl für ihre Mitmenschen entwickeln. Die Schüler helfen bei der Lebenshilfe oder in der Altenpflege, übernehmen Tätigkeiten im Krankenhaus oder begleiten Blinde. Für viele Projekte hat sich die Schule Kooperationspartner gesucht: die örtliche Polizei, Medienfachleute, den Behindertenbeirat der Stadt, den VfL Wolfsburg.

In der Eichendorffschule herrscht striktes Handyverbot. So sprechen die Schüler mehr miteinander, statt in den Pausen im Netz zu surfen. „Außerdem wird so verhindert, dass Schulszenen gefilmt und dann ins Netz gestellt werden“, sagt Jasper. Kommt es dennoch zu Konflikten, stehen zwei Sozialpädagoginnen, drei Beratungslehrer sowie mehrere Schüler, die eine Ausbildung als Streitschlichter absolviert haben, als Ansprechpartner zur Verfügung – ein Maßnahmenbündel, das offenbar greift.

Dass es katholischen Schulen in Sachen Gewalt und Kriminalität deutlich besser geht als dem Durchschnitt der staatlichen Schulen, weiß auch Holger Skremm. Er ist Schulrat im Bischöflichen Generalvikariat und zuständig für sieben katholische Schulen der Sekundarstufe I. An allen sieben Schulen wurde im vergangenen Schuljahr ein einziges Mal wegen einer Ordnungsmaßnahme ein Schulvertrag mit einem Schüler gekündigt – das lässt nicht auf ausufernde Kriminalität schließen. Woher die Unterschiede zwischen staatlichen und konfessionellen Schulen kommen, vermag auch er nicht abschließend zu sagen, aber er hat doch eine Idee: „Die Lehrer leisten viel Beziehungsarbeit, es gibt eine gute Lernumgebung und attraktive Angebote über den Unterricht hinaus. Die Schüler erleben sich als eine echte Schulgemeinschaft. Und das minimiert auch das Gewaltpotenzial.“

Matthias Bode

 

Kinder brauchen Regeln – aber  sie sind keine Marionetten

Sagen, was Jugendliche stark macht:
Jennifer Hahn und Luise Lüpke. | Foto:
bph/Gossmann

Jennifer Hahn und Luise Lüpke sind Schulsozialpädagoginnen an der Albertus-Magnus-Schule und der Augustinus-Schule in Hildesheim. Sie stehen nicht nur als persönliche Ansprechpartnerinnen für die Schulgemeinschaft zur Verfügung, sondern verfolgen an ihren Schulen im Bereich Prävention ein konkretes Ziel: Mithilfe von Workshops, Trainingseinheiten und Übungen wollen sie die Persönlichkeit und die Sozialkompetenz der Mädchen und Jungen stärken. Hier erklären sie, was Kinder und Jugendliche stark macht.

» Trauen Sie Kindern und Jugendlichen etwas zu. Kinder brauchen Freiräume, um sich auszuprobieren und Grenzen kennenzulernen. Das ist wichtig, um sich selbst zu orientieren.
» Schaffen Sie ein Klima des Vertrauens. Ein Kind muss wissen: „Ich kann auch mit einer 5 in der Klassenarbeit nach Hause kommen. Meine Eltern nehmen mich an, unabhängig von meiner Leistung.“
» Vermitteln Sie Kindern: „Du darfst über dich selbst bestimmen.“ Mädchen und Jungen brauchen einen Rahmen, aber sie sind nicht die Marionetten von Erwachsenen.
» Nehmen Sie Kinder ernst: Beziehen Sie Stellung, geben Sie Orientierung, vermitteln Sie Ihre Werte – und akzeptieren Sie gleichzeitig die Meinung von Kindern und Jugendlichen. Nur so finden sie ihren eigenen Standpunkt.
» Geben Sie Kindern ein positives wie negatives Feedback. Junge Menschen brauchen eine Rückmeldung, um sich zurechtzufinden.
» Ermutigen Sie Kinder. Mädchen und Jungen müssen das Gefühl haben, geliebt zu werden. Vermitteln Sie ihnen, dass Sie an sie glauben und in Ihren Augen etwas Besonderes sind.
» Regeln müssen sein; sie geben Sicherheit und einen Orientierungs- und Handlungsrahmen. Aber es geht nicht um blinden Gehorsam. Nur wer auch widersprechen darf, entwickelt ein starkes Ich und erlernt eigenständiges Denken und Handeln.
» Projizieren Sie nicht eigene Ängste auf Kinder und Jugendliche. Damit verunsichern Sie die Mädchen und Jungen. Kinder müssen ihre eigenen Erfahrungen machen.
» Zeigen Sie Kindern, wie man sich angemessen wehren kann – nicht nur gegenüber Gleichaltrigen, sondern im Zweifel auch gegenüber Autoritäten.   
» Kinder haben Rechte. Erwachsene sollten dafür sorgen, dass sie diese kennen.
 

5556 Straftaten an Schulen
Nach mehr als zehn Jahren Rückgang sind Gewalt und Kriminalität an Niedersachsens Schulen im vergangenen Jahr wieder kräftig angestiegen.

Im Vergleich zum Vorjahr nahm die Zahl der Straftaten an Schulen um 32 Prozent auf 5556 Fälle zu, wie das Landeskriminalamt mitteilte. Besonders kräftig stieg die Zahl der Körperverletzungen (plus 29 Prozent) sowie der Diebstähle (plus 19 Prozent), wobei es in knapp der Hälfte der Fälle um Fahrraddiebstähle ging.

Die Rauschgiftdelikte stiegen zwar um 43 Prozent, spielten mit 460 Fällen aber insgesamt nur eine Nebenrolle. Beleidigungen wurden 394 mal angezeigt. Gut zwei Drittel aller Taten wurden aufgeklärt, die große Mehrzahl der Täter war männlich.