26.06.2019

Schüler führen das Stück "Kehrtwende" beim Paulusfest auf

Liebe hört niemals auf

Im Rahmen des Hildesheimer Paulusfests führt die Albertus-Magnus-Schule das Stück „Kehrtwende“ auf. Es handelt von Gefühlen und Kehrtwenden im Leben – wie bei Paulus.

Statt Kostümen tragen die Jugendlichen weiße oder schwarze T-Shirts und dunkle Jeans. | Fotos: Abraham

„Eigentlich war Theater nur meine Drittwahl.“, erzählt Fynn. Trotzdem sitzt der Neuntklässler der Albertus-Magnus Realschule an diesem Nachmittag im Pfarrheim der Elisabethgemeinde, um mit dreizehn anderen für die Inszenierung „Kehrtwende – Nur die Liebe zählt“ zu proben.

Inhaltlich geht es um die Wandlung des Saulus zum Paulus. Auf dem Weg nach Damaskus blendet den Christenverfolger ein helles Licht und der heilige Geist spricht zu ihm. Nach diesem Erlebnis konvertiert er selbst zum Christen und schließt sich der Gemeinde in Damaskus an.

Eine fast 2000 Jahre alte Geschichte. „Ich hätte schon lieber ein moderneres Stück“, meint Michelle, die gerade die zehnte Klasse beendet hat. „Aber das ist doch jetzt relativ modern“, wirft Jan ein.

Im Mittelpunkt steht der Apostel Paulus

Angeregt wurde die Wahl durch die Pauluswoche des Bistums Hildesheim, in der noch bis zum 4. Juli das Leben und die Wesenszüge des Apostels beleuchtet werden. Vor der Aufgabe, junge Menschen mit Paulus zu begeistern, stand der freiberufliche Schauspieler Thomas Ulrich. In diesem Jahr unterstützt der Bremer das Team von Jennifer Hahn und Ursula Wübling-Grinat. „Am Anfang war es schon eine Herausforderung, den Text zu lesen“, erzählt er. Dann ließ er die Schüler ihre eigenen Erfahrungen mit einbringen. „Und auf einmal sprudelte es nur so aus ihnen heraus.“

Jan zum Beispiel spielt in einer Szene den sexistischen Sprücheklopfer Paulo, der einsieht, dass seine coolen Witze manchmal verletzen und sich dafür bei Friedemann, gespielt von Leon, entschuldigt.

Im Mittelpunkt steht auch der neue Freund von Alina, Paulus, der sich aufgrund der Beziehung zu ihr verändert hat. Denn auch das „Hohelied der Liebe“ wurde intensiv besprochen. Am Ende des Projektes steht eine abendfüllende Collage aus vier verschiedenen Paulussichten. Den Mitwirkenden gefällt das. „Viele, die sonst eher schlechtere Noten erhalten, bekommen hier erste Erfolgserlebnisse. Wenn am Sonntag Premiere ist, haben sie etwas geschafft.“, erklärt Hahn. „Theater ist ein wertungsfreier Raum, in dem man sich ausprobieren darf.“
Das Theaterprojekt läuft als Wahlpflichtkurs für Neunt- und Zehntklässler. Wer sich für Theater entscheidet, opfert allerdings eine Menge Freizeit. „Es ist extra Arbeit“, meint Wübling-Grinat.
 

Per Beamer erscheint die Szene auf der Kirchenwand, in der Paulus vom Pferd stürzt.

Im Moment proben sie eine Szene aus dem Bibelteil. An einem Tisch sitzt Paulus, um ihn herum die christliche Gemeinde. Der Text sitzt flüssig, nur als der Junge aus einer Flasche trinken soll, hört man leises Gekicher „Etwas weniger Lachen. Keine Hemmungen. Stellt euch vor, das wäre ein Film“, ruft der Freiberufler seine Anweisungen dazwischen. Und schon sind alle wieder dabei, nicht mehr als Schüler, sondern als Verfolgte oder sogar kurzzeitig erblindet.

Gerade diese Entwicklung zu beobachten, wie Hemmschwellen wegfallen und die persönlichen Hintergründe der jungen Darsteller zu beobachten, das reizt den Bremer an dieser Arbeit. „Während der Vorstellung selber wird auch noch unglaublich viel mit der Persönlichkeit passieren“, ist er sich sicher, „Klar sind die jetzt aufgeregt, aber bei der Premiere vor Publikum wird das wie ein Sprung ins kalte Wasser. Danach können sie stolz auf sich sein.“

Obwohl Michelle die Vorstellung, bekannte Gesichter im Publikum zu entdecken, nervös macht, freut sie sich auf die Vorstellung. Denn es lohnt sich, die Botschaft von „Kehrtwende – Nur die Liebe zählt“ weiterzugeben, findet sie: „Liebe ist ein Thema, das jeden betrifft. Und manchmal muss man sein Leben einfach um 180 Grad drehen.“

Die Liebe auf den ersten Blick hält seit 40 Jahren

Zur Premiere kommen rund sechzig Leute, fast alle Stühle in der Seminarkirche sind besetzt. Zu der modernen Einrichtung des Gotteshauses passt das schlichte Bühnenbild. Auch die Schauspieler tragen keine besonderen Kos­tüme, nur schwarze und weiße T-Shirts kombiniert mit dunklen Jeans. Bei der Aufführung hilft außerdem ein Technikteam unter der Leitung von Kay Paulus, einem Lehrer der Schule.

Um kurz vor sechs steigt die Nervosität, die letzten Eltern nehmen ihren Platz ein und es wird still. Dann betreten die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler die Bühne. Es ist kein sanfter Einstieg, keine Frage, sondern eine Feststellung. „Selbst mit erfundenen Geschichten kann man seinen Glauben weitergeben.“

Im Laufe des Stückes erzählen sie von Gefühlen, Freundschaft, Selbstzweifeln und besonders Kehrtwenden. Dabei bildet der biblische Paulus den roten Faden. Man merkt, dass die Schüler selber mitgeschrieben haben. Was sie sagen, wirkt authentisch. Und immer wieder taucht die Frage nach der Liebe auf. Auch das Publikum wird einbezogen in Form einer Interviewrunde. Ein Mann berichtet zum Beispiel von seiner Liebe auf den ersten Blick, die seit mehr als 40 Jahren hält. „Süß“, entfährt es spontan der Moderatorin. Liebe verbindet eben, auch das bleibt hängen, wenn Paulus am Ende die Hilfe der Gemeinde und sich selber akzeptiert.

Zum Schluss fällt ein besonders schöner Satz: „Liebe hört niemals auf.“

Es gibt lang anhaltenden Applaus. Thomas Ulrich ist sehr zufrieden mit dem Ergebnis des Abends. „Die Schüler haben ihre Aufregung positiv genutzt.“ Auch die Schüler sind mit ihrer Leistung zufrieden. Voller Stolz und mit einem Lächeln verlassen sie die Seminarkirche.

Am 27. Juni wird das Stück noch einmal aufgeführt.

www.paulusfest2019.de

Anna Abraham