06.05.2020

Angemerkt der Woche

Liebe Leserin, lieber Leser,

Martha Klawitter-Weiß

wenn meine Eltern mit mir als Kind in den 90er-Jahren die Grenze zwischen Deutschland und Polen überquerten, fragte ich mich immer, wem der Bereich zwischen den rot-weißen und den schwarz-rot-goldenen Pfeilern gehörte und ob wohl die Insekten und Würmer, die in diesem Niemandsland lebten, bereits einen eigenen Namen dafür gefunden und eigene Grenzen gezogen hätten.

Daran erinnerte ich mich, als ich neulich eine alte Nachbarin nach Görlitz an die Grenze fuhr, die aufgrund einer Familienangelegenheit dringend in die polnische Heimat musste. Ich hätte sie gern bis vor die Tür gebracht, aber dann hätte ich dort zwei Wochen in Quarantäne ausharren müssen. Um dies zu umgehen, holte sie auf polnischer Seite ihr dort lebender Sohn ab.

Ich ging mit ihr vom Parkplatz zu Fuß über die Brücke bis zur Ländergrenze, um sie zu verabschieden. Dabei bemerkte ich, dass ich zu weit gegangen war und das westliche Neißeufer bereits hinter mir lag. Ich blieb eine Weile dort stehen, ehe ich kehrt machte, und beobachtete die Menschen, die an den Flussufern spazieren gingen. Die einen in Polen, die anderen in Deutschland. Zwischen ihnen die Neiße. Und ich dachte an die Fische darin. In welchem Land schwimmen sie?

Meine Eltern haben sich vor über 30 Jahren solche Fragen gewiss nicht gestellt. Sie haben ganz andere „Grenzerfahrungen“ gemacht. Dass wir heute wie die Fische in der Neiße beliebig die Grenzen überschreiten können, haben wir auch dem heiligen Papst Johannes Paul II. zu verdanken. Der wäre in diesem Monat übrigens 100 Jahre alt geworden.

Ihre  Martha Klawitter-Weiß

Martha Klawitter-Weiß ist Rundfunkredakteurin bei Bernward Medien.