15.05.2019

Angemerkt der Woche

Liebe Leserin, lieber Leser

 

ich habe eine Quizfrage: Wissen Sie, wie viele Fraktionen es im Europäischen Parlament gibt? Nein? Ich habe das auch nicht gewusst und musste erst nachschauen. Die Antwort ist: Es sind acht Fraktionen, außerdem gibt es noch einige fraktionslose Abgeordnete.

Mir hat mein Nichtwissen zu denken gegeben. Schließlich sind die Mitglieder des Europäischen Parlaments Menschen, die von den Bürgern Europas gewählt werden, also auch von uns. Es sind Menschen, die unsere Interessen vertreten. Deshalb sollten wir uns auch für ihre Arbeit interessieren, denn Europa geht uns alle an.

Es kann sicher nicht schaden, unsere Vorurteile – falls wir sie denn haben – gegenüber den europäischen Institutionen einmal beiseite zu legen und einen Blick auf das große Ganze zu werfen. Dann wird klar, was für ein herausragendes und unbedingt zu bewahrendes Vorhaben Europa ist.

Aus einer Ansammlung von Einzelgängern, den Nationalstaaten, ist bis heute ein Bündnis geworden, das alle stärker gemacht hat – und zwar nicht nur wirtschaftlich. Europa lebt von seiner Offenheit, einer „offenen Kultur, die Menschen einschließt und nicht ausgrenzt“, wie es mein Vorgänger als Bischof, Nobert Trelle, einmal formuliert hat.

Es sind christlich fundierte Grundgedanken, die der europäischen Einigung eingewebt sind. Deshalb treten wir als Kirche für ein geeintes, weltoffenes und solidarisches Europa ein. Ihm ist es zu verdanken, dass wir auf diesem Kontinent seit Jahrzehnten in Frieden leben können, was – historisch betrachtet – die Ausnahme darstellt.

Doch der Friede stellt sich nicht von selbst ein. Er ist ein langer gemeinsamer Kampf um abgerungene Solidarität, den wir weiterhin führen müssen, um die europäische Idee zu bewahren und im Hinblick auf noch mehr Teilhabe und Solidarität mit den an den Rand gedrängten Menschen fortzuentwickeln.

Friedliches Zusammenleben gelingt dort am besten, wo Menschen in Freiheit und Gerechtigkeit leben können. Freiheit und Gerechtigkeit sind die Werte der Demokratie, die wir als Bürger mitgestalten können. Deshalb sollten wir unser Wahlrecht ausüben. Am 26. Mai zur Europawahl haben wir die nächste Gelegenheit dazu.

Ihr Bischof

+ Heiner

 

Dr. Heiner Wilmer ist der 71. Bischof von Hildesheim