14.11.2018

Missbrauchsvorwürfe erschüttern erneut das Bistum

Betroffenheit, Erschütterung, Wut und Traurigkeit – erneut beschäftigt ein Missbrauchsfall das Bistum Hildesheim. Dabei wiegt besonders schwer: Der Betroffene beschuldigt neben einem Heimleiter und einem Kaplan auch den ehemaligen Bischof Heinrich Maria Janssen sexueller Verfehlungen. Gegen Janssen gab es bereits 2015 Vorwürfe. Nun gibt es Hinweise, dass der Bischof möglicherweise nicht allein gehandelt hat.

Andrang: Das Pressegespräch zum aktuellen Missbrauchsfall
stieß auf großes Interesse. | Foto: Julia Moras

Zu den Schilderungen des Mannes sagte Bischof Dr. Heiner Wilmer am Dienstag vor der Presse: „Es zerreißt mir das Herz angesichts dessen, was der Betroffene uns mitgeteilt hat. Die schrecklichen Verbrechen haben ihn für sein weiteres Leben schwer gezeichnet. Es macht mich wütend und tief traurig zugleich, dass ihm dies offensichtlich durch Mitarbeiter unserer Kirche angetan worden ist. Dass er sich dazu durchgerungen hat, mit uns über das riesige Leid zu sprechen, das auf seiner Seele lastet, verdient meinen allerhöchs­ten Respekt.“

Das Bistum kannte die Namen der Beschuldigten bereits

Ein heute Mitte 70-jähriger Mann hatte sich bei Bischof Wilmer gemeldet und angegeben, ab dem Jahr 1957 in zwei Kinderheimen des Bistums schwer sexuell missbraucht worden zu sein.

Der Mann nannte den Leiter des damaligen Hildesheimer Kinderheims Bernwardshof, einen Priester, und einen Kaplan am damaligen Hildesheimer Kinderheim Johannishof als Missbrauchs­täter. Beide beschuldigten Geistlichen sind dem Bistum bereits als mutmaßliche Täter bekannt. Sie sind verstorben. Die Daten zu ihren Fällen sind in eine Studie eingeflossen, die jüngst von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlicht wurde.

Der Betroffene war Messdiener in Hildesheim. Er beschrieb neben den mutmaßlichen Taten auch ein Missbrauchsvergehen, das Ende der 1950er-Jahre stattgefunden haben soll. Demnach soll Bischof Heinrich Maria Janssen ihn aufgefordert haben, sich nackt vor ihm auszuziehen. Der Bischof habe ihn anschließend mit den Worten weggeschickt, er könne ihn nicht gebrauchen. Zum Bischof gebracht und wieder abgeholt wurde der Betroffene seinen Angaben zufolge durch den Leiter des Bernwardshofes – ein Umstand, der den Verdacht nährt, dass es sich um eine organisierte Tat gehandelt haben könnte. Bischof Wilmer wird aufgrund der Schilderungen des Mannes eine externe Untersuchungsgruppe damit beauftragen, weitere Informationen zu den genannten Umständen, den beschuldigten Personen und erwähnten Institutionen zu sammeln. „Es liegt nahe, dass eine solche mögliche Tat eng mit den seinerzeitigen diözesanen Strukturen in Zusammenhang stand, insbesondere mit den katholischen Kinder- und Jugendheimen in Hildesheim“, sagte Wilmer. Vor allem müsse ergründet werden, welche Rolle Heinrich Maria Janssen in diesem Zusammenhang gespielt hat.

Mögliche Verbindungen von Tätern rekonstruieren

Ziel ist es, mögliche weitere Vergehen aufzudecken, mögliche weitere Betroffene zu ermitteln und mögliche Verbindungen der mutmaßlichen Täter untereinander zu rekonstruieren. Die Zusammensetzung dieser Untersuchungsgruppe und deren genauen Auftrag wird das Bistum Hildesheim noch bekanntgeben. Voraussichtlich sollen ihr ein Kriminologe, ein Historiker und ein Forensiker angehören. Wie der Bischof auf der Pressekonferenz ankündigte, sollen die Fachleute schnellstmöglich ihre Arbeit aufnehmen. Die Zusammenstellung der Gruppe solle bereits in den nächsten Tagen erfolgen.

Der Mann hat sich als Reaktion auf das öffentliche Gesprächsangebot von Bischof Wilmer an Betroffene sexualisierter Gewalt vom 25. September zunächst per E-Mail an den Bischöflichen Beraterstab in Fragen sexualisierter Gewalt gewandt. Eine an Bischof Wilmer persönlich adressierte Nachricht ging am 3. Oktober ein.

Beraterstab hält Aussagen für glaubwürdig

Daraufhin wurde ein Gespräch vereinbart, das am vorigen Sonntag, 11. November, in Hildesheim stattgefunden hat. Der Betroffene sprach mit einer der beauftragten Ansprechpersonen für Verdachtsfälle sexualisierter Gewalt sowie einer weiteren, externen Psychiaterin und Forensikerin. Anschließend gab es eine persönliche Begegnung mit Bischof Heiner Wilmer.

Andrea Fischer, Leiterin des Bischöflichen Beraterstabes zu Fragen sexualisierter Gewalt, erklärte, der Beraterstab halte die Ausführungen des Mannes für glaubwürdig.

Durch Aufarbeitung Licht ins Dunkel bringen Wilmer betont: „Viele Menschen in unserem Bistum werden genau wie ich erschüttert sein, insbesondere die, die den Bischof als guten Seelsorger erlebt haben. Deshalb ist es mir ein großes Anliegen, durch eine externe Aufarbeitung mehr Licht in das Dunkel zu bringen.“

 

Kein Versagen, sondern ein Verbrechen

Aus dem Statement von Bischof Dr. Heiner Wilmer:
„Wir können nicht dazu schweigen, wenn ein Bischof als möglicher Missbrauchstäter genannt wird. Aus unserer Sicht besteht ein berechtigtes Interesse der Öffentlichkeit, von der Nennung seines Namens in diesem Zusammenhang zu erfahren.“
„Als Bischof von Hildesheim hatte Heinrich Maria Janssen die Verantwortung für das Bistum und ist damit eine öffentliche Person. Es ist uns wichtig, dass wir bei der Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch in der Kirche von Hildesheim absolut transparent sind.“
„Denn eines möchte ich nochmals betonen: Sexualisierte Gewalt ist kein Versagen, sondern ein Verbrechen. Das verlangt Aufklärung sowie klares und konsequentes Handeln von uns.“

 

Heimstätten für hunderte Jugendliche

Eine Hilfslieferung erreicht den Bernwardshof. Die
Jungen helfen beim Abladen – ein fröhlicher Tag,
doch so ging es nicht immer zu. | Foto: Archiv

Sie sollten Schutz bieten, doch zumindest für einen Jugendlichen wurden sie zur Hölle: Im Bernwardshof und im Johannishof in Hildesheim hat sich nach den Schilderungen eines heute gut 70-jährigen Mannes Schreckliches ereignet. Was waren das für Einrichtungen?

Der Bernwardshof befand sich in Trägerschaft der Vinzentinerinnen. Das Haus diente um die Wende des 19./20. Jahrhundert zunächst als Schwesternerholungsheim, doch bald darauf als Kinderheim für Jungen, vornehmlich schwer erziehbare Jungen, die hier auch beschult wurden. Das Haus wurde von einem Direktor geleitet, der Geistlicher war. In der Einrichtung arbeiteten stetig mehrere Vinzentinerinnen.

Als Kinderheim diente der „Bernwardshof“ bis 1987. Danach waren in dem weiträumigen Gebäude ein Schwesternerholungs- und -altenheim, verschiedene Verwaltungseinheiten der Vinzentinerinnen sowie bis 2011 das Bildungs- und Tagungshaus St. Vin­zenz lokalisiert. 2015 räumte die Kongregation das Haus, danach waren übergangsweise Flüchtlinge und Asylbewerber/innen hier untergebracht, bevor das Haus und Gelände 2016 an ein Immobilienunternehmen verkauft wurde.

Das Kinderheim Johannishof in der Hildesheimer Nordstadt in unmittelbarer Nähe der gleichnamigen Kirche wurde 1952 eröffnet. Träger dieser Einrichtung war die Stiftung „Katholisches Waisenhaus, Hildesheim“. Die Leitung hatte der Pfarrer von St. Johannes, ihm waren durchgängig ein bis drei Kapläne zugeordnet. 

Die „operative“ Verantwortung lag die Jahre hindurch bei 3 bis 13 „Schwestern vom hl. Franziskus“ mit dem Mutterhaus in Aachen. Mitte der 50er-Jahre lebten in dem Heim 100 Kinder, davon die Hälfte Jungen und die Hälfte Mädchen.
1984 wurde das Kinderheim aufgrund von Nachwuchsmangel bei der Schwesterngemeinschaft geschlossen, die zu dieser Zeit hier lebenden 25 Jugendlichen im Alter von 6 bis 17 Jahren wurden auf benachbarte Einrichtungen verteilt. Stattdessen wurde im „Johannishof“ eine Wohneinrichtung für Jugendliche mit geistiger Behinderung eingerichtet, in Trägerschaft des Caritasverbandes.

Der Mann, der sich mit seinen Erinnerungen nun an Bischof Heiner Wilmer gewandt hat, gab nicht nur an, in den Einrichtungen von zwei Priestern missbraucht worden zu sein, sondern auch von jugendlichen Mitbewohnern. Weiterhin berichtete er, von einem Lehrer geschlagen worden zu sein, der am Bernwardshof und am damaligen Internat Albertinum tätig war.

 

Eine schreckliche Vorstellung: Missbrauch mit System
Es ist ziemlich genau drei Jahre her, da schockten Missbrauchsvorwürfe gegen den früheren Bischof Heinrich Maria Janssen erstmals das Bistum. Es waren schwere, für manche wohl abartige sexuelle Verfehlungen, die dem bis dahin allseits beliebten Bischof vorgeworfen wurden. Nun gibt es neue Vorwürfe gegen Heinrich Maria Janssen.

Die Vorwürfe von damals ließen sich nie ganz klären. Einerseits versicherten die Verantwortlichen des Bistums, die Schilderungen des Opfers seien plausibel, sie entschuldigten sich in aller Form bei dem Betroffenen und zahlten ihm „in Anerkennung des Leids“ 10 000 Euro – die doppelte Summe wie in solchen Fällen üblich. Andererseits erkärten sie, mit der Zahlung sei grundsätzlich „kein Urteil in der Sache verbunden und auch keine Bestätigung der Tatabläufe“. Sie wollten Bischof Janssen, der sich nicht mehr wehren konnte, nicht verurteilen. Ein Spagat, der von Anfang an schwierig war.

Im Bistum gab es viel Kritik an dem Vorgehen der Bistumsleitung, ehemalige Messdiener von Heinrich Maria Janssen meldeten sich zu Wort, eine Gruppe von Priestern versuchte durch eigene Untersuchungen den Bischof zu entlasten und schließlich erklärten vom Bistum beauftragte Gutachter, dass der Fall nach 60 Jahren nicht mehr abschließend zu klären sei und die Äußerungen der Bistumsleitungen dazu zumindest problematisch gewesen seien.

Nun gibt es einen neuen Missbrauchsfall. Bischof Heinrich Maria Janssen steht dabei nicht im Mittelpunkt, sondern er spielt angesichts der Vergehen anderer nur eine Nebenrolle. Schlimm sind die Vorwürfe dennoch.  

Besondere Brisanz gewinnt der Fall dadurch, dass sich möglicherweise ein System des Missbrauchs abzeichnet: Kinder oder Jugendliche aus Heimen könnten – so lassen es die Schilderungen vermuten – Tätern zugeführt worden sein. Eine schreckliche Vorstellung. Sollte sie sich bewahrheiten, bekäme der Fall eine völlig neue Dimension. Es ist wichtig, dass Bischof Heiner Wilmer insbesondere diesen Umstand jetzt von externen Fachleuten untersuchen lassen will.

Belegen nun die neuen Aussagen die vor drei Jahren gegen Bischof Janssen erhobenen Vorwürfe? Zumindest gibt es Anhaltspunkte dafür. Der Mann, der sich jetzt gemeldet hat, hat mit Psychologen über seine Erlebnisse gesprochen. Er hat präzise Erinnerungen (das Bistum verzichtete aufgrund des Opferschutzes darauf, Einzelheiten zu veröffentlichen), er tritt nicht fordernd auf und er hat jede Dramatisierung seines Falles vor allem mit Hinblick auf Janssen vermieden. Außerdem hat er zwei Missbrauchstäter genannt, die dem Bistum bereits in anderen Zusammenhängen bekannt waren, deren Namen aber nie veröffentlicht wurden. Dies alles spricht für die Glaubwürdigkeit des Betroffenen – und auch für seine Schilderungen über Bischof Janssen.
Sechs Jahrzehnte nach den behaupteten oder tatsächlichen Vorfällen wird es keine hundertprozentige Gewissheit über die damaligen Geschehnisse geben. Wir müssen mit Wahrscheinlichkeiten leben. Nachdem sich nun ein zweites Opfer des ehemaligen Bischofs Janssen gemeldet hat, werden diese aber nicht eben geringer. Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass ein allseits geschätzter Bischof eine dunkle Seite hatte.

Immer wieder wird die Frage aufgeworfen, warum Opfer sexuellen Missbrauchs sich erst Jahrzehnte nach den Vorfällen zu Wort melden. Was auf den ersten Blick eigenartig wirkt, ist für Fachleute nichts Außergewöhnliches: Viele Menschen verdrängen oft ihre schrecklichen Erlebnisse. Erst im Alter kommen sie wieder an die Oberfläche und belasten die Betroffenen. Andere sind sich über Jahre hinweg durchaus ihres Missbrauchs bewusst, leiden still, trauen sich aber nicht, sich jemandem anzuvertauen.
Persönlich habe ich Bischof Heinrich Maria Janssen erlebt, als ich in Hannover Ministrant und er bei verschiedenen Anlässen in der Landeshauptstadt zu Gast war. Später bin ich ihm als Volontär und junger Redakteur der Kirchenzeitung begegnet. Ich habe mich damals nicht gefragt, ob Dinge, wie sie heute geschildert werden, möglich sein könnten. Sie lagen vor rund 40 Jahren außerhalb meiner Vorstellungskraft. Mittlerweile ist das nicht mehr so. Das schmerzt.
 

Matthias Bode
Redaktionsleiter