16.04.2021

Blickpunkt Pilgern

Mit Bewegung gegen die Krise

„Wer pilgert, nimmt Abstand vom Alltag und öffnet sein Herz für neue Eindrücke und Erfahrungen“, sagt Barbara Walther. Gemeinsam mit ihrem Mann bietet die Verdenerin seit elf Jahren Pilgertouren durch die Lüneburger Heide an.

Eberhardt und Barbara Walther sind begeisterte Pilger und organisieren Pilgertouren in der Lüneburger Heide.
Eberhardt und Barbara Walther sind begeisterte Pilger
und organisieren Pilgertouren in der Lüneburger Heide.

Die Corona-Pandemie hat dem Ehepaar Barbara und Eberhard Walther 2020 einen echten Strich durch die Rechnung gemacht. Die mehrtägige Pilgerwanderung für Paare durch die Lüneburger Heide? Abgesagt. Der Familienpilgertag für Kommunionkinder? Abgesagt. Pilgern für Jedermann? Abgesagt. „Wir wollten die Gesundheit unserer Teilnehmer nicht riskieren“, sagen die beiden. Denn ihre Gruppentouren, die bewusst in der Regel mehrtägig stattfinden, leben auch von der Gemeinschaft am Abend. Zusammensitzen, den Pilgertag mit Impulsen, mit Sonne oder Regen Revue passieren lassen, miteinander ins Gespräch kommen oder auch miteinander schweigen – all das gehört dazu. Denn Pilgern öffnet das Herz, ist Barbara Walther überzeugt.

„Pilgern heißt: Ich bin mitten im Leben mit Menschen unterwegs.“ Die Diplom Ehe-, Familien- und Lebensberaterin, die viele Jahre die Beratungsstelle der Caritas in Verden geleitet hat, weiß wovon sie spricht. „Sich ohne äußere Einflüsse Zeit nehmen und auf sich horchen – das bringt unheimlich wichtige Impulse“, sagt sie. Denn die Zeit, die man sich beim Pilgern für sich selbst oder beim gemeinsamen Pilgern auch für den Partner nimmt, öffnet den Blick für die Fragen, die einen im Leben bewegen. „Das gelingt im Alltag nur selten“, sagt die 64-Jährige. Das lange Unterwegssein beim Pilgern zwinge einen förmlich in das Gespräch mit sich selbst. „Draußen in der Natur zu sein, das bringt mich näher an die Quelle und das Geheimnis des Lebens“ sagt sie.

Sie und ihr Mann sind überzeugt davon, dass auch jetzt – in Zeiten, wo gemeinsames Pilgern kaum möglich ist und strenge Kontaktbeschränkungen gelten – das Draußen-in-Bewegung-sein gut für die Seele ist. „Man kann zurzeit zwar nicht überall hin, aber auch das Zuhausebleiben und dort etwas tun, kann etwas Spirituelles haben. Man ist auf sich zurückgeworfen“, sagt Barbara Walther. Dabei tauche oft die Frage auf: Was stärkt mich in der Krise, wo ist mein Sinn in dieser Zeit? Bei der Suche nach Antworten helfe Bewegung draußen. Dabei müssten es nicht lange Touren sein, schon eine halbe Stunde Auszeit bei einem Spaziergang bereichere den Alltag und weite den Blick, auch wenn man ganz ohne Fragen nach dem Sinn des Lebens unterwegs ist. „Die Natur ist eine totale Kraftquelle – die interessiert Corona nicht“, sagt Eberhard Walther. Der Lebensmittelchemiker ist der organisatorische Kopf der Pilgertouren. Er kümmert sich um die Touren, die Details der Übernachtungen, das Essen, die Versicherungen – „kurzum: das Rundum-Sorglos-Paket“, sagt der 65-Jährige und lacht.

Auch für dieses Jahr haben die beiden, die das Pilgern für sich schon vor 25 Jahren entdeckt haben, ihre Planungen gemacht. Eingebunden sind die Walthers mit ihrem Angebot beim Bistum Hildesheim bei der Arbeitsstelle Pastorale Bildung. Anders als gewohnt wollen sie jetzt im Frühjahr mit einem eintägigen Pilgertag starten – „vorausgesetzt natürlich, die Infektionszahlen lassen es zu“, sagt Eberhard Walther. Auch das erste Pilgerwochenende für Paare unter dem Motto „Miteinander gehen – gemeinsam auf dem Weg bleiben“ ist für den Juni fest geplant.

Die Pilgertouren mit Paaren sind das Alleinstellungsmerkmal des Paares, das auch in der eigenen Gemeinde in Verden aktiv ist. Gerade für Paare sei es etwas ganz besonderes, sich außerhalb des Alltags so viel Zeit für sich und den Partner zu nehmen. Häufig würden die Touren an Wendepunkten des Lebens gemacht. Die Kinder sind aus dem Haus, die Rente steht bevor oder die eigenen Eltern sind gestorben, führt Barbara Walther einige Beispiele an. Dass sie nicht nur – wie auch ihr Mann – zertifizierte Pilgerwegbegleiterin, sondern dazu noch Diplom-Therapeutin ist, ist oft hilfreich. Denn beim Pilgern bricht durch die viele Zeit, die man mit sich selbst befasst, oft einiges auf. „Keiner muss, aber jeder kann mit mir oder mit den anderen Teilnehmern über das, was ihn bewegt, sprechen“, sagt sie. Dabei hat sich das Paar zu eigen gemacht, dass alles ganz zwanglos stattfindet So gibt es keine großen Vorstellungsrunden. „Außer dem Namen und dem Alter wissen wir oft nicht viel von den Teilnehmern, wenn wir losgehen – jeder wird in seiner Einmaligkeit angenommen“, sagt Eberhard Walther. Alle sollen befreit davon sein, sich öffnen zu müssen, sich vorzuzeigen. „Das kann unheimlich entlasten, mal nicht durch seinen Beruf oder seine Tätigkeit definiert zu werden“, ergänzt seine Frau.

Mehrere Tage dauern die Pilgertouren in kleinen Gruppen mit dem Ehepaar Walther.
Mehrere Tage dauern die Pilgertouren in kleinen
Gruppen mit dem Ehepaar Walther.

Ebenso wie ihr Mann freut sie sich schon wieder auf die Touren in diesem Jahr. Viele bekannte Gesichter werden sicher dabei sein, in elf Jahren hat sich ein Teilnehmerkreis herausgebildet, der immer mal wieder mit dem Ehepaar auf Tour durch die Lüneburger Heide geht. Doch jedes Mal sind auch neue Gesichter dabei – die Teilnehmer kommen dabei sogar teilweise aus der Schweiz oder aus Süddeutschland. „Unsere Touren speziell für Paare sprechen die Menschen sehr an, weil es das so kaum gibt“, sagt Eberhard Walther. Doch bis es soweit ist und die Pilgertouren wieder losgehen, werden die Walthers fast jeden Tag zumindest einen kurzen Spaziergang durch die Natur machen. „Durch die Bewegung kommen die Gedanken in Fluss“ sagt Barbara Walther. Sie rät in diesen Zeiten zur Selbstfürsorge. Sich einen Wunschzettel schreiben, eigene gute Eigenschaften notieren. „Sich selbst wieder-entdecken“ nennt es die 64-Jährige. Beim Draußensein intensiv atmen, das Gesicht bewusst in die Sonne oder auch mal in den Regen strecken – es ist eine tolle Erfahrung, sich als Teil der Natur zu fühlen.“

Wer mag, könne sich auch ein einzelnes Wort als Impuls mit auf den Spaziergang nehmen. Umsicht, Rücksicht, Hoffnung sind Beispiele für Impulse, die das Paar auch auf den Pilgertouren ausgibt. Das Motto ist dabei: „Stecke dir ein Wort in deine Tasche und wiege es im Herzen“, erklärt Barbara Walther. Auch ein Stein oder eine Blüte aus der Natur könnten Quellen der Kraft sein. Sie symbolisieren die Hoffnung: Es geht immer weiter.

Von Martina Albert

Mehr Informationen über die Pilgertouren gibt es unter: www.pilgern-norddeutschland.de