16.09.2020

Mit dem Drahtesel von Kloster zu Kloster

Es ist eine tolle Landschaft und sie steckt voller Geschichte und Geschichten: Wer die Heide zwischen Lüneburg und Bad Bodenteich auf dem Fahrrad erkundet, kann Erstaunliches erfahren – zum Beispiel über mittelalterliche Abhörvorrichtungen.

Während viele Klöster im Zuge der Reformation ein
für alle Mal aufgelöst wurden, blieb Medingen erhalten,
noch einige Jahre als evangelisches Kloster, ab 1559
als Damenstift.

Es ist ein friedlicher Ort: Wer das Kloster Medingen betritt, hat schnell das Gefühl von Ruhe und Besinnlichkeit. Der Garten, die Kirche, die Klostergebäude – die ganze Anlage holt den Besucher in eine andere Welt.

Nicht immer ging es hier so friedlich zu: In der Reformationszeit weigerten sich die Nonnen, den lutherischen Glauben anzunehmen. Die Äbtissin verbrannte öffentlich die Lutherbibel und die Schwestern versteckten ihren (katholischen) Beichtvater auf dem Dachboden. 30 Jahre tobte der sogenannte „Nonnenkrieg“ und es gab ordentlich Krach mit dem evangelischen Landesherrn Herzog Ernst. Erst 1554 wurde Medingen protes­tantisch. Während viele Klöster im Zuge der Reformation ein für alle Mal aufgelöst wurden, blieb Medingen erhalten, noch einige Jahre als evangelisches Klos­ter, ab 1559 als Damenstift. Das ist es immer noch, und an der Spitze des kleinen Konvents steht bis heute eine Äbtissin.

Medingen ist eines von sechs Heideklöstern, die von der Klosterkammer Hannover verwaltet werden. Drei dieser Klöster lassen sich auf einer 153 Kilometer langen Fahrradtour durch die Heide entdecken. Die Strecke an sich lässt sich für geübte Fahrradfahrer in zwei Tagen bewältigen, doch wer seinen Drahtesel in dem Tempo bewegt, bekommt kaum etwas von der Schönheit der Landschaft und den vielen Sehenswürdigkeiten zu sehen. Beides sollte man nicht verpassen.
 

Begegnung mit einem Ritter in der
Burganlage Bad Bodenteich.

Die erste Sehenswürdigkeit begegnet dem Radler bereits am Startpunkt Uelzen. Der Bahnhof der kleinen Stadt wurde anlässlich der EXPO 2000 vom österreichischen Künstler Friedensreich Hundertwasser zu einem farbenprächtigen Gesamtkunstwerk gestaltet. Fantasievolle Mosaike, goldene Kugeln und bunte Säulen ziehen sich durch den gesamten Komplex – ein Bahnhof wie aus einem Bilderbuch. Auf den Dächern wachsen Sträucher, und eine Solaranlage sorgt für umweltfreundlichen Strom.

Kloster Ebstorf, ein Zwischenziel der Tour, ist von hier nur rund 10 Kilometer entfernt, der Weg geht aber zunächst einmal nach Süden. Entlang des Elbe-Seitenkanals erreichen wir Bad Bodenteich, wo um die alte Burganlage herum ein „400-Wasser-Barfußpfad“ entstanden ist.

Mit drei Attraktionen kann das kleine Hösseringen aufwarten: Im Museumsdorf lässt sich in 27 historischen Bauten das Leben, Arbeiten und Wohnen in der Heide zwischen 1600 und 1950 nacherleben. Wer den richtigen Zeitpunkt erwischt, kann nicht nur Gebäude besichtigen, sondern sich an Mitmach-Aktionen beteiligen. Einen herrlichen Ausblick auf das Suderberger Land hat man vom nahen Aussichtsturm. Der Hardausee lädt den Radfahrer zu einer Abkühlung ein.

Die kann man gut gebrauchen, denn Ebstorf ist noch einige Kilometer entfernt. Wer den Ort erreicht, sollte unbedingt die vor wenigen Jahren renovierte Klosterkirche besuchen. Auch Führungen durch die Klosteranlage finden regelmäßig statt. Und die sollte man nicht verpassen, denn nur so kann man einen Blick auf die Ebstorfer Weltkarte aus dem 13. Jahrhundert werfen.
 

Nicht nur wegen der weltberühmten Weltkarte lohnt sich eine Rast beim Kloster Ebstorf.

Auf 13 Quadratmetern stellt sie die im Mittelalter bekannten Länder mit Jerusalem als Mittelpunkt der Welt dar – umfasst und getragen von der Gestalt Jesu. Die Darstellungen sind zum Teil recht derb, vor allem, wenn es am Wissen um die tatsächlichen Zustände in der Ferne mangelt. So werden für Afrika Menschen mit Riesen-Lippen gezeigt, die bei Bedarf als Sonnenschutz über den Kopf gezogen werden können – heute würde das wohl unter Rassismus fallen.

Dass Abhörmaßnahmen keineswegs eine Erfindung der Neuzeit sind, erfährt der Besucher im wunderschönen Kreuzgang des Klosters, der wie die gesamte Anlage im Stil der Backsteingotik errichtet wurde: über einen „Lausch-Schacht“ konnte die Äbtissin die Gespräche der Nonnen mithören. Wurde Unzüchtiges geredet, kamen die Nonnen in die Arrestzelle – die ebenfalls besichtigt werden kann. Eindrucksvoll im Kloster Ebstorf: Die Schilde der katholischen und der evangelischen Äbtissinnen hängen in ungebrochener Tradition nebeneinander.

Auf dem Weg nach Lüneburg begegnet dem Radler immer wieder die gelbe Muschel auf blauem Grund: Teile der Strecke führen am Jakobsweg entlang, jener uralten Verbindung, die seit dem Mittelalter die Pilger ins spanische Santiago de Compostela bringt.

Für Lüneburg selbst sollte man genügend Zeit einplanen. Die historische Altstadt mit ihren eindrucksvollen Giebelhäusern lädt zum Bummeln und Verweilen ein. Überragt wird die Stadtmitte vom mächtigen Turm der St.-Johannes-Kirche. Die fünfschiffige gotische Hallenkirche geht in ihren Ursprüngen auf das 12. Jahrhundert zurück. Im Innern stößt man unter anderem auf einen Flügelaltar aus dem 15. Jahrhundert.

Etwas außerhalb der Stadtmitte liegt das Kloster Lüne. Der mittelalterliche Komplex ist eingebettet in eine weitläufige Gartenanlage. Der idyllische Kräutergarten wird von einem kleinen Wasserlauf durchflossen. Wie Medingen und Ebstorf ist auch Lüne ein evangelisches Damenstift mit einem Konvent und einer Äbtissin an der Spitze. Einen Besuch ist hier das Textilmuseum wert, das unter anderem Fastentücher und Bildteppiche aus dem 13. und 14. Jahrhundert zeigt.

Von Lüneburg geht es nun wieder Richtung Süden. Über Bienenbüttel (sehenswerte Backsteinkirche St. Georg) erreichen wir Medingen und Bad Bevensen. Der Rest der Tour zurück zum Ausgangspunkt Uelzen ist nun nur noch eine Kleinigkeit.

Matthias Bode

 

Die Route: Klostertour

Die Strecke verläuft überwiegend eben, kleine Steigungen gibt es aber auch in der insgesamt flachen Heidelandschaft. Den einigermaßen geübten Radfahrer stellt das aber nicht vor große Herausforderungen. Der Untergrund ist an einigen kurzen Abschnitten etwas sandig, was das Fortkommen erschwert. Die Tour kann mit jedem verkehrstüchtigen Fahrrad gefahren werden. Hilfreich zur Orientierung sind Fahrradkarten, zum Beispiel KOMPASS Fahrradkarte Lüneburger Heide, Harburg, 8,99 Euro oder eine Fahrrad App wie Komoot (runterzuladen bei Play Store oder für Apple-Endgeräte im App Store).  

Lüneburg, Bad Bevensen, Uelzen und Bad Bodenteich lassen sich gut mit der Bahn erreichen. Die Nahverkehrszüge befördern allesamt Fahrräder, häufig gibt es eigene Fahrradabteile. Wer die Tour mit Übernachtungen plant, sollte seine Unterkünfte vorbuchen. Infos auch auf: www.lueneburger-heide.de.