08.11.2019

Ausstellung „Menschen auf der Flucht“

Mit den Augen des Flüchtlings

Azubis im Volkswagenwerk nehmen in der multimedialen Ausstellung „Menschen auf der Flucht“ die Rolle eines Bürgerkriegsflüchtlings aus der Demokratischen Republik Kongo ein.

Rollenspiel: Jan Schmidt erfährt, dass sein Heimatort von
Milizen überfallen wurde und er flüchten muss.

„Ich kann mich noch nicht so gut reinversetzen, ein Flüchtling zu sein. Ich denke aber an sehr viel Druck“, sagt Jan Schmidt, als er seine Rollenkarte am Eingang zum missio-Fluchttruck aussucht und den bekommt er gleich zu spüren, als er eintritt. In aller Eile packt der 17-Jährige seinen Pass, Lebensmittel und Kleidung. Danach gerät er in einen beängstigend engen langen Raum, in dem laute Motorgeräusche von einem klapprigen LKW zu hören sind.

„Reist nur in Gruppen und nie bei Nacht“, ermahnt der LKW-Fahrer vom Bildschirm am Ende des Raumes aus. Jetzt hat der angehende Elektroniker für Automatisierungstechnik das Gefühl, er sei mitten im Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo.

So wie Jan Schmidt konnten 90 Auszubildende verschiedener Fachrichtungen bei Volkswagen einen Tag lang hautnah erleben, wie Menschen sich fühlen, die um ihr Leben fürchten und fliehen müssen –  und welche Einzelschicksale hinter den abstrakten Flüchtlingszahlen stecken. Insgesamt eine Woche war der 18-Tonner des katholischen Hilfswerkes missio in Wolfsburg unterwegs. Auf Einladung der Volkswagen Konzern Flüchtlingshilfe stand er zwei Tage auf dem Werksgelände, bevor er in der Innenstadt für alle Wolfsburger zugänglich war.

Flüchtlings-Schicksale nachempfinden

Die mobile Ausstellung ist computerspielbasiert. Jeweils vier weibliche und männliche Computerfiguren – sogenannte Avatare –, die verschiedene typische Flüchtlingsschicksale charakterisieren, stehen zur Wahl. Besucherinnen und Besucher des Fluchttrucks können dann in die Rolle einer dieser Figuren schlüpfen und müssen in jedem der sechs Räume im Truck schnell entscheiden, wie sie sich selbst als Geflüchtete verhalten würden.
 

Andreas Zimmermann von missio will Menschen für Flüchtlinge
sensibilisieren und mit ihnen ins Gespräch kommen.

Die Demokratische Republik Kongo als Schauplatz der beispielhaften Flucht ist bewusst gewählt. Hier kämpfen bewaffnete Milizen um Bodenschätze. Durch den illegalen Verkauf von Erzen wie Coltan finanzieren sie ihren Krieg. Und genau dieses Coltan wird für die Produktion unserer Smartphones benötigt. „Bewaffnete Gruppen zwingen Männer und Kinder in den Minen zu arbeiten und setzen sexuelle Gewalt gegen Frauen als Kriegswaffe ein“, beschreibt Andreas Zimmermann von missio das Problem.

Verantwortung für Integration

Ariane Kilian, Leiterin der Volkswagen Konzern Flüchtlingshilfe, sieht hier Anknüpfungspunkte zu ihrer Flüchtlingsarbeit: „Das ist ein sehr spannendes Projekt, mit dem wir neue Impulse in unserer Arbeit setzen können.“ Seit 2015 unterstützt VW die Integration Geflüchteter in Deutschland mit zahlreichen Bildungs- und Integrationsmaßnahmen und sieht die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung als Kern seiner Unternehmenskultur: „Damit die Integration weiterhin gelingen kann, ist es für uns wichtig, immer wieder neue Impulse für unsere Arbeit mitzunehmen.“

Christoph Görtz, Leiter der Berufsausbildung im Konzern, legt bei der Ausbildung seiner Azubis besonders viel Wert auf überfachliche und soziale Kompetenzen. Er freut sich über die gute Resonanz bei den jungen Leuten: „Es ist wichtig, das Thema erlebbar  zu machen.“

Die VW-Azubis sind begeistert und loben das Infomobil, das durch Deutschland, Österreich und die Schweiz tourt und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit gefördert wird. „Ich muss sagen, es war sehr informativ und ich habe nicht damit gerechnet, dass über die Hälfte der Flüchtlinge im eigenen Land bleiben“, sagt etwa Azubi Can Yavas. So ist in der Ausstellung zu erfahren, dass von den etwa 72 Millionen Flüchtlingen weltweit die meisten ihr Land gar nicht verlassen, jedoch auch als Binnenflüchtlinge vertrieben und heimatlos sind. Nur rund zwei Prozent der weltweiten Flüchtlinge erreichten Europa.

Azubi Luk Gittner war von der Nähe zu den Flüchtlingen ganz beeindruckt. „Man kommt in den Hype rein“, sagt der 20-Jährige und findet den multimedialen Einsatz für seine Altersgruppe hervorragend. „Ich war ganz erschrocken, weil ich mich persönlich – wie wahrscheinlich viele junge Menschen – viel zu wenig mit dem Thema auseinandersetze.“ Auch er war von der gro­ßen Anzahl der weltweiten Flüchtlinge überwältigt: „Das Gefühl, dass ganz Deutschland flüchtet, ist extrem krass.“

Sabine Moser