13.06.2019

Interview mit Schaustellerseelsorger Sasche Ellinghaus

Mit den Menschen unterwegs

Sascha Ellinghaus ist Leiter der katholischen Circus- und Schaustellerseelsorge der Bischofskonferenz. Er fährt mit seinem Kleintransporter dahin, wo die Mitglieder seiner Gemeinde gerade gastieren. Er feiert mit ihnen Gottesdienste, spendet Sakramente und ist für sie ein wichtiger Gesprächspartner in Freud und Leid.

Pfarrer Ellinghaus bei der Segnung einer Achterbahn. | Foto: css

Was genau macht ein Schaustellerseelsorger?

Als Schaustellerseelsorger bin ich beauftragt, für die Menschen seelsorglich dazusein, die im Zirkus- und Schaustellergewerbe sowie im reisenden Markthändlergewerbe dauernd unterwegs sind und ihren Lebensmittelpunkt sozusagen im Wohnwagen haben. Sie sind meist wöchentlich an anderen Orten.

Wie sieht Ihre Gemeinde aus?

Sie ist eine sehr stabile Gemeinde, die aber nicht sonntags in einer Kirche zusammenkommt, sondern sich immer wieder in unterschiedlichen Zusammensetzungen und an unterschiedlichen Orten zum Gottesdienst trifft, vor allem zu Taufen, Eheschließungen, Erstkommunionen oder Firmungen. Ich bin mit den Menschen unterwegs, weil sie die Angebote einer territorialen Gemeinde nicht nutzen können. Wenn im Circus- oder Schaustellergewerbe ein Kind getauft werden soll, könnten die Eltern zwar beim örtlichen Pfarrer vorbeischauen. Aber wenn er ihnen sagt: Jawohl, in der kommenden Woche kann ich ihr Kind taufen, dass kriegen wir hin, auch an einem Werktag. Dann können die Eltern nur antworten: Dann sind wir aber schon 240 Kilometer weiter. Das kann der normale Pfarrer nicht leisten und deshalb gibt es uns Circus- und Schaustellerseelsorger, die die Aufgabe schon seit den 50er-Jahren haben, diese Christen in ihrer ganz besonderen Lebenssituation als Seelsorger zu betreuen.

Wie sieht das konkret aus?

Ich fahre mit meinem Kleintransporter auf den Rummelplatz oder zum Zirkus. Eingepackt habe ich einen tragbaren Altar, der mit rotem Samt und Goldbrokat geschmückt wird, ein goldenes Kreuz, Leuchter, liturgische Gewänder, Messbücher, eine Osterkerze und alles was man zum Feiern der heiligen Messe braucht. Sogar eine kleine elektronische Orgel habe ich dabei. Schon Papst Pius XII. hat 1956 bestimmt, dass Gottesdienste für Schausteller und Zirkusleute nicht in einer Kirche stattfinden müssen, sondern auch vor Ort im Zirkus- oder Festzelt. Aber es soll ein würdiger Gottesdienst sein, mit einem richtigen Altar und nicht nur einem kleinen Tischchen mit Decke.

Wie leben die Menschen Ihrer Gemeinde ihren Glauben?

Ich kann schon sagen, dass der Großteil tief im Glauben und in der christlichen Tradition verwurzelt ist. Nicht zuletzt sind auch viele Volksfeste und Kirmessen rund um katholische Festtage angesiedelt oder haben ihren Ursprung in der Kirchweihe. Auch sind manche Markttage an ein Heiligenfest gekoppelt, um feste Orientierung zu haben. So ist seit Jahrhunderten auch eine feste Beziehung zwischen Kirche und Schaustellern gewachsen. Gerade an den Lebenswenden legen sie großen Wert darauf, dass man zu ihnen kommt, dass ihre Kinder getauft und zur Heiligen Kommunion geführt werden, dass man sie begleitet, wenn Angehörige versterben. Dann merke ich immer, dass das dankbar angenommen wird, dass es jemanden gibt, der sich auf ihre besonderen Umstände des Reisens einstellt.

Was ist das besondere an Ihrer Arbeit?

Wenn ich in eine fremde Stadt komme, um Gottesdienst zu feiern, bin ich kein Fremder. Auch wenn die Gottesdienstgemeinde dann im Zelt ganz unterschiedlich zusammengesetzt ist, kenne ich sie. Ich treffe alte Bekannte wieder, die zur großen Gemeinschaft der Zirkusleute und Schausteller gehören. Der Besuch auf den Festen ist immer eine Art Hausbesuch. Meine Erfahrung ist, gerade bei Familienfeiern, dass vielmehr Menschen dabei zusammenkommen und es viel emotionaler zugeht, als wir es aus unseren Pfarrgemeinden kennen. Und egal, wo wir gemeinsam Gottesdienst feiern, ob im Zelt oder auf dem Auto­scooter, die Menschen legen Wert darauf, dass eine sakrale Atmosphäre hergestellt wird. Das ist ihnen gerade auch deshalb so wichtig, weil sie kaum die Trennung von Arbeits- und Lebenswelt haben. Bei ihnen sind beide Bereiche eng verzahnt und deshalb finde ich es schön, dass sie auch hier ihren Glauben leben können und die Sakramente empfangen dürfen.

Interview: Edmund Deppe

 

Gebet der Zirkusleute und Schausteller

„Oh, mein Gott, ich glaube an Dich,
ich vertraue Dir, ich liebe Dich
und danke Dir, dass Du mich segnest.

Ich bitte Dich, vergib mir meine Sünden.
Ich bitte Dich, bewahre und
beschütze mich und meine Lieben.

Lass mich bedenken mein Vorrecht,
Freude und Vergnügen zu bringen
allen Menschen, besonders aber
der Jugend, den Einsamen und denen,
die vom Glück benachteiligt sind.

Und wenn meine letzte irdische Tat
vollendet ist und der letzte Vorhang fällt,
dann nimm mich zu Dir
und lass mich ewig glücklich sein bei dir.

Amen.“