29.07.2020

Interview mit Antje Niewisch-Lennartz

Opfer tauchen gar nicht auf

Antje Niewisch-Lennartz bietet seit rund eineinhalb Jahren Gespräche für Missbrauchsopfer und Zeitzeugen im Bistum Hildesheim an – und hat erschütternde Erfahrungen gemacht. Nun werden ehemalige und aktive Mitarbeiter des Bistums gebeten, Auskünfte zum Thema Missbrauch zu geben. Mit einem ausführlichen Fragebogen wendet sich die Expertengruppe „Wissen teilen – Unabhängige Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt im Bistum Hildesheim“ an ehemalige und aktive Mitarbeiter im Bistum Hildesheim, um mehr über Missbrauchsfälle zu erfahren. Im Mittelpunkt steht dabei die Bischofszeit von Heinrich Maria Janssen (1957 - 1982). Obfrau der Expertengruppe ist die ehemalige Richterin und Landesministerin Antje Niewisch-Lennartz.

Frau Niewisch-Lennartz, wie viele Kontakte haben Sie bislang gehabt?

Antje Niewisch-Lennartz leitet die Expertengruppe „Wissen teilen“
im Bistum Hildesheim. Foto: Gosmann/bph

Bei mir haben sich ungefähr 25 Personen gemeldet. Andere haben sich bei Bischof Wilmer, bei den Ansprechpersonen oder beim IPP – dem Institut, das die  sozialwissenschaftliche Analyse verantwortet – gemeldet. Unsere Arbeit besteht aber nicht nur aus Gesprächen mit mir und Interviews des IPP. Ein besonderes Gewicht kommt auch der Archivrecherche durch Kurt Schrimm zu, der als ehemaliger leitender Staatsanwalt als ausgewiesener Fachmann historischer Untersuchungen gewonnen werden konnte.

Was sind Ihre Erfahrungen mit diesen Menschen? Wie bewegt Sie dieses Thema? 

Es melden sich Opfer und Zeitzeugen. Die Kontakte mit Menschen aus diesen Gruppen sind natürlich sehr unterschiedlich und auf unterschiedliche Weise anrührend. Beide eint, dass sie teilweise ihrer Kirche eng verbunden sind und ihr Bestes wünschen. Dennoch – manche sagten: gerade deswegen! – haben sie sich dafür entschieden, ihr Leid oder ihre Beobachtungen zu berichten. Andere haben sich gerade wegen des eigenen Erlebens von der Kirche abgewandt, können teilweise eine katholische Kirche nicht mehr betreten. Wenn sie es dennoch tun, überfällt sie Unwohlsein und Angst. An uns wenden sich Opfer, die oft erstmals über das Erlebte berichten. Teilweise können sie sich erst jetzt zu einem Gespräch überwinden, teilweise kommt erst im fortgeschrittenen Alter die Erinnerung hoch. Auch die Berichterstattung zum Thema hat manches ausgelöst. Das sind sehr erschütternde und beeindruckende Berichte.

Warum wenden Sie sich jetzt an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bistum?

Wie freuen uns sehr, über die Möglichkeit über den Fragebogen in Kontakt zu den ehemaligen und aktiven Geistlichen und weltlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kommen zu können. Bisher ist dieser Kontakt noch nicht so recht gelungen. Dabei sind wir für die Erfüllung unseres Auftrags dringend auf ihr Wissen angewiesen. Unser Auftrag erschöpft sich nicht in der Ermittlung einzelner Missbrauchstaten. Wir untersuchen, wie die Rahmenbedingungen kirchlicher Arbeit im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt waren. Haben sie Missbrauch begünstigt? Wie sind die Hintergründe von Tätern und Opfern? Gab es Beziehungsgeflechte? Wie wurde damit umgegangen, wenn Missbrauch angezeigt wurde? Wie war der Umgang mit Tätern, wie der mit den Opfern? Hatten Opfer  eine Chance, Gehör zu finden – oder war eine solche Beschuldigung so ungeheuerlich, dass bei einer Offenbarung gar Strafe drohte, wie mir von Opfern, aber auch von Zeitzeugen  erichtet wurde.
Ehemalige und aktive Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden in Teilen durch die Nähe zum Geschehen oder durch die Einbindung in administrative Schritte aller Wahrscheinlichkeit nach Erfahrungen gesammelt haben. Dieses Wissen ist für unsere Arbeit besonders wichtig. Dabei geht es nicht um Denunziation. Dass der Expertengruppe der Auftrag erteilt wurde und Bischof Wilmer die Befreiung von allen eventuellen Schweigegeboten erteilt hat, dokumentiert das vitale Interesse des Bistums  an Antworten auf die skizzierten Fragen. Sie im Dunkeln zu lassen hilft nicht. Die Adressatinnen und Adressaten des Fragebogens verfügen über einen Wissensschatz, den sie auf diesem Wege mit uns teilen können. Aus meinen Gesprächen weiß ich, wieviel Überwindung es Zeitzeugen kostet, Dinge zu berichten, die den Blick auf ihre Kirche verdunkeln. Ich kann gut verstehen, dass es für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihre Kraft über Jahre und Jahrzehnte in die Kirche mit dem Ziel eingebracht haben, jeden Schaden von ihr abzuwenden, eine Herausforderung darstellt, auch schlimme Dinge sichtbar werden zu lassen. Aber ein Zeitzeuge sagte sinngemäß: heute bedeutet diese Offenheit: Ich wende weiteren Schaden von meiner Kirche ab! 

Erhalten Sie vom Bistum die Unterstützung und die Unterlagen, die Sie brauchen?

Ja, hinsichtlich unserer Ansprechpartner gilt das uneingeschränkt. Deren Haltung unserer Arbeit gegenüber ist durch eigenen Aufklärungswillen und nicht etwa durch die Hinnahme etwas Unvermeidlichen aufgrund des öffentlichen Drucks geprägt.

Die Ergebnisse Ihrer Gespräche sowie weiterer Recherchen sollen in eine Studie einfließen. Können Sie – ohne die Ergebnisse im Einzelnen vorwegzunehmen – schon einige zentrale Inhalte benennen?

Vielleicht zwei Dinge: Zum einen der Umgang mit Tätern und der mit den Opfern. Der eine ist auch in schlimmen Fällen von Verurteilungen zu mehrjähriger Haft durch brüderliche Zuwendung gekennzeichnet. Ganz anders bei den Opfern: Es fehlt nicht nur an jeder empathischen Fürsorge. Es fehlt in der Regel überhaupt an einer persönlichen Befassung mit der Person. Eigentlich tauchen Opfer gar nicht auf. Es muss sie ja geben, weil es die Tat oder die Taten gab. Aber sie werden kaum einmal dokumentiert. Und vielleicht noch etwas Drittes: Der Umgang mit den durch Berichte Beschuldigten wird eine Herausforderung. Mit all meiner Erfahrung als Richterin kann ich sagen: Ich sehe fast nie einen Ansatz, die Darstellungen der Opfer, mit denen ich gesprochen habe, zu bezweifeln. Aber die Beschuldigten wurden nicht in einem rechtsstaatlichen Verfahren verurteilt. Sie sind meist verstorben und können nicht mehr befragt werden. Für die Opfer ist es enttäuschend,  teilweise sogar erbitternd, wenn die Beschuldigten nicht ausdrücklich als „Täter“ angeprangert werden. Sie selbst wissen ja ganz genau, dass sie Täter waren! In unserem abschließenden Bericht werden durch die Beschreibung der Funktion die Personen teilweise erkennbar sein, auch wenn das Expertenteam sie nicht namentlich benennt. Es steht in der Verantwortung des Bistums gegebenenfalls „Ross und Reiter“ zu benennen. Hinsichtlich der Einbeziehung der Opfer in den weiteren  Aufarbeitungsprozess werden wir uns sicherlich im Bericht mit entsprechenden Empfehlungen äußern. 

Wann rechnen Sie mit einer Veröffentlichung der Studie, angepeilt war anfangs ja das Frühjahr 2020? 

Durch die Durchführung der Fragebogenaktion, die sich erst im Laufe des Projekts ergeben hat, ist eine Verzögerung unvermeidlich geworden. Die Fragebögen müssen beantwortet, zurückgeschickt und ausgewertet werden. Einige Fragen können nicht durch Ankreuzen beantwortet werden, sondern erfordern frei formulierte Antworten. Auch eine Kontaktaufnahme zu uns ist möglich, wenn über den Fragebogen hinaus Wissen weitergegeben werden soll. Dadurch bekommen wir natürlich qualitativ hochwertige Erkenntnisse, deren Auswertung wird aber dauern. Aber natürlich war auch die Corona-Pandemie eine Zäsur, weil monatelang keine Interviews möglich waren. Wir hofften selbst auf einen Abschluss in diesem Jahr. Aber wegen der zeitlichen Unwägbarkeiten der Fragebogenauswertung rechnen wir jetzt mit dem nächsten Frühjahr.

Der Untersuchungszeitraum der Studie umfasst die Bischofszeit von Heinrich Maria Janssen von 1957 bis 1982. Halten Sie es für sinnvoll, auch die Zeit danach in gleicher Weise zu beleuchten? 

Unsere Untersuchung ist eine Sondierung in dem genannten Zeitraum. Es ist unsere Aufgabe in unserem Bericht Ansatzpunkte für weitere Schritte zu benennen.

Interview: Matthias Bode

 

Umfangreicher Fragebogen

Ein umfangreicher Fragebogen erreicht in diesen Tagen rund 5000 ehemalige und aktive Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bistums Hildesheim und des Diözesancaritasverbandes. Darin werden sie gebeten, eigene Erfahrungen zum Thema sexueller Missbrauch zu schildern, aber auch über Beobachtungen und Gespräche mit Dritten darüber zu berichten. Außerdem werden ihre Erfahrungen zum Umgang mit dem Thema abgefragt. Verschickt wird der Fragebogen von der Expertengruppe „Wissen teilen – Unabhängige Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt im Bistum Hildesheim“. In einem Begleitbrief bittet Bischof Heiner Wilmer die Empfänger ausdrücklich darum, den Fragebogen auszufüllen und weist darauf hin, dass Schweigegebote aus der Vergangenheit bezüglich dieses Themas nicht mehr gelten. 

In dem Fragebogen geht es nicht um konkrete Personen, sondern vor allem um allgemeine Fragen: Wo, wann und durch wen (zum Beispiel Priester, Lehrer, Küster) hat sexualisierte Gewalt bei welcher Gelegenheit stattgefunden? Wie hat diese im einzelnen ausgesehen? Gab es Berührungen? Wurde Pornografie gezeigt? Gab es einen oder mehrere Betroffene und wie alt waren diese? Wie häufig waren die Vorkommnisse? Einige Fragenkomplexe gehen über den eigentlichen  Untersuchungszeitraum der Bischofszeit von Heinrich Maria Janssen hinaus. Sie betreffen auch den Umgang mit dem Thema unter den Bischöfen Josef Homeyer, Norbert Trelle und Heiner Wilmer. Wer darüber hinaus Angaben zu konkreten Personen machen möchte, kann sich an die Ansprechpartner für Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs wenden. 

www.wissenteilen-hildesheim.de