08.04.2020

Tiefe Verunsicherung bei den Menschen

Ostern im Dunkeln, Nähe durch Distanz

Osterbetrachtung von Wolfang Beck. Er ist katholischer Priester und Juniorprofessor an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main.

Ein restauriertes Mosaik in der Geburtskirche in Bethlehem
zeigt den ungläubigen Thomas, wie er die Seitenwunde
Jesu zögerlich berührt.

Dieses Osterfest wird in die Geschichte eingehen. Die ersten Wochen der Corona-Pandemie sind irgendwie überstanden. Doch die Trauer um die Opfer und die Unsicherheit darüber, was noch kommen mag, sind groß. Wie hilfreich und tröstlich wäre es da gewesen, mit dem Licht der Osterkerze in die dunklen Kirchen zu ziehen und in der Osterliturgie Christus als den Auferstandenen, als das Licht der Welt zu feiern. In diesem Jahr bleiben die Kirchen dunkel, obwohl doch gerade die rituelle Wiederholung der Liturgie Trost und Halt geben kann. Und Christinnen und Christen auf der ganzen Welt suchen neue Formen, um ihren Glauben auszudrücken und zu feiern. Das grundlegende Gefühl der meisten Menschen dürfte dabei eine tiefe Verunsicherung sein. Die Sorge um Familienmitglieder und Freunde, die Sorge um Arbeitsplätze und das Ende der eigenen finanziellen Rücklagen und bei vielen auch die Einsamkeit – all das liegt wie ein dunkler Schatten über den Feiertagen.

Osterzeugen als tief verunsicherte Menschen

Sehr massiv wird auch in Deutschland in der gegenwärtigen Krise deutlich, wie empfindlich die Struktur moderner Gesellschaften mit ihrer globalisierten Wirtschaft sind. Christliche Theologie zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich von gesellschaftlichen Kontexten prägen lässt. Gerade gegenüber Krisenerfahrungen bleibt unser Glaube keine sachlich neutrale Angelegenheit. Auch die Situation der Jüngerinnen und Jünger Jesu ist nach seiner Hinrichtung und den ersten Berichten von der Begegnung mit dem Auferstandenen zunächst eine Krisenerfahrung. Sie erscheinen in den Evangelien als tief verunsicherte Menschen.

Bei diesen biblischen Texten erstaunt mich immer wieder eine Begebenheit im Johannesevangelium. Von den Jüngern Jesu heißt es, dass sie sich voller Angst eingeschlossen haben und dabei dem Auferstandenen begegnen (Joh 20,19 f.). Da Thomas nicht dabei ist, bezweifelt er die Berichte – und wird daraufhin gern als ungläubig diskreditiert. Doch acht Tage später, als die Gruppe diesmal zusammen mit Thomas versammelt ist, kommt es erneut zu einer Begegnung mit Jesus.
 

Wolfgang Beck ist katholischer Priester.
Bekannt ist er auch als einer der Wort-
zum-Sonntag-Sprecher der ARD.

Das direkte Gespräch zwischen ihm und Thomas enthält viele Elemente, in die der Evangelist auch theologische Anliegen integriert hat. So wird betont, dass der Auferstandene die Wunden der Kreuzigung trägt und sogar ganz nachdrücklich auf sie hinweist. Der traurige Karfreitag ist damit auch noch in der österlichen Begegnung sichtbar. Und jede Annahme, hier handele es sich nur um einen Geist oder um eine Halluzination der Jünger, wird damit abgewiesen. Die Wunden zeigen auch, dass die Verletzungen des Lebens im Rahmen einer entstehenden christlichen Hoffnung nicht einfach für erledigt erklärt werden. Sie werden nicht weggewischt oder rückgängig gemacht, sondern gehören zur persönlichen Geschichte des Lebens dazu. Die Wunden verdeutlichen: Hier geht es nicht um billige Vertröstung. Die Wunden, die ja alle Menschen auf unterschiedliche Weise mit sich tragen, bleiben Bestandteil der Biografie.

Das Entscheidende bleibt besser ungesagt

Ein Detail fasziniert mich an dieser österlichen Begegnung besonders: Jesus lädt den Apostel Thomas ein, seine Wunden sogar zu berühren und die Hand in die Seite zu legen. Doch dann passiert – nichts! Der Evangelist berichtet nicht, ob es wirklich zu einer Berührung kommt, anders als viele Abbildungen aus der Kunstgeschichte. Er geht gleich dazu über, die Betroffenheit des Thomas und sein Glaubensbekenntnis zu schildern. Das ist seltsam. Hat Thomas den Auferstandenen nun berührt oder nicht?

Das Entscheidende bleibt ungesagt. Es entsteht eine Leerstelle. Es ist ein Schweigen, das besonders aussagekräftig ist. Denn darin zeigt sich das feinfühlige Vorgehen des Evangelisten. Er will offenbar nicht zu viel erklären. Diese faszinierende Zurückhaltung in der Schilderung der Begegnung mit dem Auferstandenen ruft die Menschen, die über ihren Glauben zu sprechen versuchen, zu Mäßigung auf. Ihre Verkündigung des Glaubens, ihre Predigten und Bekenntnisse müssen zumindest in entscheidenden Momenten von einem sprachlosen Staunen begleitet sein.

Eine Philosophie der sanften Macht

Mit Formen dieser einfühlsamen Zurückhaltung hat sich vor einigen Monaten die Theologin Isabella Guanzini beschäftigt. Mit ihrem Buch „Zärtlichkeit. Eine Philosophie der sanften Macht“ plädiert sie dafür, die Fragilität, die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens ernst zu nehmen. Das wird allen in der gegenwärtigen Situation der Corona-Pandemie, in der sich kaum etwas planen lässt, sehr schmerzlich deutlich. Wenn Menschen in diesen Tagen an die Grenzen ihrer Kräfte gelangen oder ihre Trauer kaum ausdrücken können, erscheinen sie besonders verletzlich. Gegenüber dieser Fragilität des Lebens ist eine einfühlsame Zurückhaltung angemessen. Wo sie geübt wird, kann sie auch für den christlichen Osterglauben zu einer wichtigen Grundhaltung werden. Hier geht es nicht zuerst um einen lauten Triumph. Hier braucht es nur ein leise gesungenes Halleluja und das zurückhaltende Staunen, das der Evangelist Johannes mit seiner Leerstelle des Osterevangeliums zeigt. Dieses zärtlich zurückhaltende Staunen deutet an, dass das Leben sogar dort eine Perspektive gewinnt, wo es ihnen unvorstellbar schien. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen an diesem Osterfest, das von Angst und Verunsicherung geprägt ist, kleine und leise Begegnungen, in denen sich der auferstandene Christus erahnen lässt – und die Kraft, ein leises Halleluja zu singen.

Wolfgang Beck