29.08.2019

Interview mit Bischof Dr. Heiner Wilmer

Positiv nach vorn schauen

Am 1. September 2018 wurde Heiner Wilmer zum Bischof von Hildesheim geweiht. Seitdem liegt ein aufregendes Jahr hinter ihm. Im Interview mit der KirchenZeitung zieht der ehemalige Generalobere der Herz-Jesu-Priester eine erste Bilanz.

Vor einem Jahr wurde Heiner Wilmer zum Bischof geweiht, auf dem Domhof begrüßen ihn die Gläubigen.

Herr Bischof, wie werden Sie den 1. Jahrestag Ihrer Bischofsweihe verbringen?

Ich bin an diesem Tag in Hildesheim und werde am Abend die Jugendvesper mit Jugendlichen aus dem ganzen Bistum feiern. Ich freue mich sehr darauf. Gleichzeitig packe ich schon die Tasche, weil ich am Tag darauf nach Rom fahre zum Kursus für die neuen Bischöfe, der auch „Baby-Bishop-Course“ genannt wird. Da werde ich zwei Wochen sein.

Sie haben immer wieder betont, dass Sie im Bistum gut aufgenommen wurden und auf engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und engagierte Menschen in den Gemeinden gestoßen sind. Dennoch gibt es viel zu tun. Wo sehen Sie nach einem Jahr die größten Baustellen?

Ich bin zunächst sehr dankbar für die wunderbaren Begegnungen, die ich im letzten Jahr hatte. Ich bin sehr viel im Bistum unterwegs gewesen. Allein für die Besuche in den Dekanaten habe ich 38 Tage gebraucht. Viele Menschen haben mir in der Aktion „Schreib dem Bischof“ geschrieben, es gab Dialog-Foren in fünf Städten. Mich freut die Mentalität im Bistum, mich freut, wie die Menschen zusammenhalten, mich freut, wie sie eine Sehnsucht haben nach Spiritualität, nach Wahrhaftigkeit, nach Ehrlichkeit, nach Gerechtigkeit, nach Wärme und menschlicher Nähe. Wenn Sie nach der größten Baustelle im Bistum fragen, dann sehe ich die Verkündigung in der Fläche. Wie sind wir in der einzelnen Gemeinde, auch in der kleinen Gemeinde präsent? Wie feiern wir dort Liturgie? Wie beleben wir unsere Kirchen und Pfarrheime in der Weite des Bistums? Wie gelingt es uns, auch ohne Priester zum Gebet zusammenzukommen? Das sind Fragen, die ich als besonders dringlich erachte.

Sie haben sich mit Mitbrüdern, in den Gemeinden und in diversen Gremien über zukünftige Wege des Bistums beraten. Wenn dieses Interview erscheint, haben Sie gerade eine Klausurtagung mit dem Erweiterten Bischöflichen Rat hinter sich. Wann ist damit zu rechnen, dass aus den Beratungen ein Konzept erwächst?

Noch in diesem Herbst.

Und gibt es schon Dinge, die sich abzeichnen?
 

In sein erstes Amtsjahr fällt auch seine erste Priesterweihe: Im Dom weiht der neue Bischof Björn Schulze.

Ich will nichts vorwegnehmen, aber sicher geht es darum, wie es uns gelingt, wieder stärker aus der Bibel heraus zu leben. Dann geht es um die Frage, wie Partizipation auf der Leitungsebene gelingt, also wie wir gemeinsam Verantwortung übernehmen können. Dann müssen wir schauen, dass wir Konzepte entwickeln, die verbindlich sind und nicht in zwei oder drei Jahren wieder durch neue ersetzt werden müssen.

Das Bistum bleibt trotz gestiegener Kirchensteuereinnahmen auf Sparkurs. Wie kann man mit knappen Mitteln überhaupt einen Aufbruch gestalten?

Unsere Mittel sind tatsächlich beschränkt, wir gehören nicht zu den reichen deutschen Bistümern, wenngleich die Verantwortlichen in den letzten Jahren schon eine unglaublich gute Arbeit gemacht haben, um aus der finanziellen Schieflage herauszukommen. Wir müssen uns das Gesamte anschauen und gucken, wo wir Schwerpunkte setzen, wohin die Reise gehen soll. Ich möchte positiv und proaktiv nach vorne schauen. Das geht auch mit den vorhandenen Mitteln.

Es heißt bei Matthäus „Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken.“  Müssen wir in Sachen Finanzpolitik nicht mutiger sein? Denken wir zu viel an Vorsorge, zu wenig an Aufbruch?

Das Bild bei Matthäus gefällt mir sehr gut. Mein Bild für unser Bistum ist, dass wir unterwegs sind. Unsere Heimat ist der Himmel, wir sind Pilger. Und letztlich reicht uns leichtes Marschgepäck. Der Trolley, der mit in die Flugzeugkabine passt, nicht der schwere Koffer, der aufs Band gelegt wird.

Ist das Bistum da schon angekommen?

Da ist sicher noch Luft nach oben, wir sollten die Bemühungen intensivieren. Konkret heißt das für mich, dass wir mehr in Menschen als in Steine investieren sollten.

Die Bischofskonferenz hat einen synodalen Weg angestoßen. Wie wird der im Bistum gestaltet werden?

Der Synodale Weg der Deutschen Bischofskonferenz ist noch am Anfang, daher kann ich heute noch nicht konkret sagen, wie der Prozess im Bistum ablaufen wird. Und ich möchte das als Bischof auch nicht von oben vorgeben.

 

Bischof Heiner beweist Mut beim Klettern auf dem Domhof.

Sie selbst haben gesagt, das Thema Frauenpriestertum dürfe nicht außen vor gelassen werden. Aber: Wecken Sie damit nicht falsche Hoffnungen?

Ein Schlüssel ist für mich die gemeinsame Arbeit und die gemeinsame Verantwortung von Frauen und Männern in unserem Bistum. Das heißt, dass wir mit Blick auf Einstellungspolitik klar schauen, dass wir gleichermaßen Frauen berücksichtigen, bis hin zu Spitzenpositionen. Da haben wir Nachholbedarf.

Das löst aber das Thema Frauenpriestertum noch nicht …

Nein, das kann ich als Hildesheimer Bischof auch nicht erledigen. Aber ich finde, dass das Thema kein Tabu ist. Ich bin der Auffassung, dass wir über die Ämter in der Kirche für Frauen nachdenken müssen, in Deutschland und in der Weltkirche.

Mit Ihrer Weihe sind Sie Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz geworden. Wie sind Sie da aufgenommen worden?

Sehr herzlich, sehr brüderlich und sehr offen.

Ihre theologischen Auffassungen werden nicht von allen Bischöfen geteilt, manche haben Ihnen – ohne Ihren Namen zu nennen – öffentlich widersprochen. Wie werden Sie mit Gegenwind fertig?

Mit dem Gegenwind gehe ich entspannt und gelassen um. Es ist gut, dass es verschiedene Meinungen gibt. Unterschiedliche Positionen beflügeln die Nachdenklichkeit und führen zu einer größeren Tiefe. Wir sitzen alle an einem Tisch und schauen gemeinsam nach vorn.

Kaum ein Tag ist in Ihrem ersten Bischofsjahr vergangen, an dem Sie sich nicht mit sexuellem Missbrauch oder Machtmissbrauch auseinandersetzen mussten. Fürchten Sie, dass diese Themen die Wahrnehmung Ihrer Person in der Öffentlichkeit auf Dauer beherrscht?

Das war anfangs tatsächlich ein bisschen meine Sorge. Ich habe mich in den ersten sechs, sieben Monaten fast jeden Tag mit dem Thema der sexualisierten Gewalt beschäftigt. Ich wusste von Anfang an, dass ich das Thema nicht unterschätzen darf, dass ich daran gemessen werde, dass dies meine Nagelprobe ist. Heute bin ich froh, dass ich so viel Zeit und Energie darin investiert habe. Ich habe inzwischen keine Sorge mehr, dass ich auf das Thema festgelegt werde. Mir ging und geht es bei dem Thema um Gerechtigkeit und um den Menschen, der im Mittelpunkt stehen muss.

Sie haben Ihrem Vorvorgänger Josef Homeyer Versagen in der Bekämpfung sexuellen Missbrauchs vorgeworfen. War das im Nachhinein betrachtet zu hart? Wie ist das bei Ihren Mitbrüdern angekommen?
 

Bischof Heiner beteiligt sich an der 72-Stunden-Aktion der Jugend in Moringen.

Zu meinem Wort über Josef Homeyer stehe ich. Josef Homeyer ist für mich ein Bischof, den ich sehr geschätzt habe, den ich auch heute noch sehr schätze und zu dem ich aufschaue. Das heißt für mich aber nicht, dass ich nicht sagen kann, dass er in der Causa Peter R. Fehler gemacht hat. In der Sache ging es um ein Verbrechen, das für die betroffenen Menschen eine Katastrophe war. Und an diesem Punkt hat Bischof Homeyer nicht richtig gehandelt. Meine Bemerkungen haben bei einigen Mitbrüdern und bei Menschen, die Homeyer persönlich kannten, für Irritationen gesorgt. Ich bin bis heute mit vielen Menschen darüber im Gespräch. Die Gespräche sind gut und klärend.

Ihr Bild vom „Machtmissbrauch als Teil der DNA der Kirche“ ist überall aufgegriffen worden. Der Papst gebraucht den Begriff DNA in seinem Brief an die deutsche Kirche zur Vorbereitung des synodalen Prozesses – allerdings in anderer Verwendung. Hätten Sie gedacht, dass der Begriff so die Runde machen würde?

Ich bin überhaupt nicht davon ausgegangen, dass diese drei Buchstaben so massiv wie eine Bombe einschlagen könnten. Vor allem, dass sie über das Bistum und sogar noch über Deutschland hinaus eine solche Bedeutung gewinnen sollten. Dennoch stehe ich dazu. Ich sage ja nicht, dass unsere Kirche ein Sündenpfuhl ist. Ich sage, unsere Kirche ist von Gott her heilig und sie ist auch sündig von den Menschen her. Das Streben nach Macht und der Missbrauch von Macht ist so alt wie die Kirche selbst, das kommt schon im Evangelium vor. Bereits die Jünger streiten sich, wer der Erste sein darf.

Sie haben gesagt, der Machtmissbrauch in der Kirche müsse auch theologische Konsequenzen haben. In welche Richtung sollen die gehen?

Der Missbrauch von Macht in der Kirche wird zurzeit auf verschiedener Ebene angegangen: kriminologisch, psychologisch, kirchenrechtlich, therapeutisch, strafrechtlich, historisch, forensisch. Aber wir gehen ihn bislang nicht theologisch an. Ich halte den Missbrauch von Macht für so wuchtig, wie es manche andere Themen in der Kirchengeschichte waren, die dazu geführt haben, dass sich Theologen zusammengesetzt und danach gefragt haben, was diese Vorgänge bedeuten. An diesem Punkt sind wir meiner Meinung nach jetzt wieder. Das heißt nicht, dass wir eine neue Theologie brauchen, aber wir brauchen ein ernstes Nachdenken in der Theologie zum Thema Macht.

Sie haben eine externe Expertengruppe eingesetzt, die sich mit dem Thema Missbrauch in der Amtszeit von Bischof Heinrich Maria Janssen beschäftigt. Wie weit ist diese Gruppe, gibt es da Zwischenergebnisse?

Ich weiß nicht, an welchem Punkt die Experten im Moment mit ihrer Arbeit sind. Ich habe den Prozess bewusst in externe, professionelle Hände abgegeben. Ich mische mich nicht ein. Die Expertengruppe bestimmt über die Modi und den Zeitpunkt der Veröffentlichung. Ich habe großes Vertrauen in deren Arbeit.

Welche Schwerpunkte werden Sie im zweiten Jahr als Bischof setzen?

Ich habe mir vorgenommen, all das, was mir die Menschen gesagt haben, zu bedenken, zu bewerten, abzuwägen und schließlich in konkrete Schritte umzusetzen.

Interview: Matthias Bode
 

Deutsche Theologie soll sich stärker an internationalen Einflüssen orientieren
Angesichts der Skandale um sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch plädiert Bischof Heiner Wilmer für einen geistigen Neuaufbruch in der katholischen Kirche in Deutschland. Dafür ist aus seiner Sicht notwendig, dass die deutsche Theologie sich internationalen Einflüssen stärker öffnet. Insbesondere von der französischen Theologie sei viel zu lernen für die Verkündigung und Bezeugung des Evangeliums in der heutigen Zeit, erklärt Wilmer in der aktuellen Ausgabe der Herder Korrespondenz (September 2019). Sein Essay trägt den Titel „Mehr Existenzielles wagen“ und verweist auf die Theologie unseres Nachbarlandes, insbesondere auf den Philosophen Maurice Blondel.

Eine Zusammenfassung des Textes findet sich auf der Bistumshomepage www.bistum-hildesheim.de, der komplette Text ist unter www.herder.de/hk/ zu finden.