04.11.2020

Wüstenkirche Asche wird freigelegt

Schicht für Schicht in die Geschichte

Seit fünf Jahren wird zwischen Göttingen und Northeim eine Kirche aus dem 12. Jahrhundert freigelegt. Ein Team von Ehrenamtlichen erforscht, wie die Vorfahren gelebt haben und warum die Siedlung zur Wüstung wurde.

Seit fünf Jahren legen Frank Wiese (2. von rechts) und
seine Helfer die Wüstungskirche Asche frei.

Den Knüller präsentiert Frank Wiese gegen jede dramaturgische Regel gleich zum Einstieg. Aus der Brusttasche seines buntkarierten Baumwollhemdes zieht er eine kleine Plastiktüte und hält mir einen klaren, ovalgeschliffenen Stein vors Gesicht. „Bergkristall, vermutlich von einem Vortragekreuz. Ein ganz seltenes Stück“, sagt Wiese.

Wir stehen unter mächtigen Buchen auf dem Kirchberg unterhalb von Asche, einer kleine Ortschaft zwischen Göttingen und Northeim. Frank Wiese und seine Helfer legen hier eine mittelalterliche Kirche frei, mit jeder Bodenschicht kommen sie ihrer Geschichte ein Stück näher. Die Grundmauern aus Sandstein, die Fundamente des Kirchturms und des Chorraums sind deutlich zu erkennen. Die meiste Zeit ist die Baustelle unter stabilen Planen gegen Wind und Wetter geschützt, aber regelmäßig am Wochenende wird sie zur Seite gezogen und es geht hinab in die Grube. Rund zwei Meter tief ist sie. Sechs Meter breit und fast zwanzig Meter lang. Steven Ritter hockt mit dem Zollstock zwischen den Quadern und vermerkt die genauen Maße und die exakte Lage auf einer Skizze. Mit einem Pinsel streicht der Archäologe Frank Wedekind über das scharf abgetragene Erdreich, gerade arbeitet er sich vorsichtig durch eine sogenannte Brandschicht, in der sich möglicherweise Scherben verstecken. Und auf der gegenüber liegenden Seite knien Norbert Helbig und Burkhard Sperschneider im Lehm und kratzen mit einem Spatel durch das lose Erdreich. Das alles ist Millimeterarbeit, und trotzdem liegen rund um den Grabungsort beachtliche Haufen aus Schotter und Boden.

 

Alle Steine der Grundmauern
werden vermessen.

„Wo Kirche draufsteht, muss Kirche drin sein“

Frank Wiese ist Geologe mit viel Erfahrung. Wenn er durch die Gegend streift, entdeckt er Spuren von Geschichte, die jeder Spaziergänger übersehen würde. Als er vor ein paar Jahren von Lübeck herzog und die neue Umgebung erkundete, war ihm schnell klar: Wo Kirchberg drauf steht, muss auch eine Kirche gewesen sein. Nach Absprache mit der Kreis­archäologin machte er sich ans Werk und fand tatsächlich erste Mauerreste unter der dicken Laubschicht, entdeckte Scherben und – in der Erde eines Maulwurfhügels – Reste menschlicher Knochen.  2015 gründete Wiese einen örtlichen Geschichtsverein und machte sich gemeinsam mit seinen ehrenamtlichen Helfern an die Arbeit.

Wie ist der Stand der Dinge heute, fünf Jahre später?
 

Knochenfunde an den Grundmauern weisen auf Bestattungen
und Nutzung als Pfarrkirche hin.

Grob lässt er sich so zusammenfassen: Vermutlich ist gegen Ende des 12. Jahrhunderts mit dem Bau der Kirche begonnen worden. Vieles deutet darauf hin, dass sie in späteren Jahren mehrmals erweitert wurde. Möglicherweise war rund um das kleine romanische Gotteshaus eine Siedlung erbaut, kann man aus verschiedenen Keramikfunden schließen. Und inzwischen ist auch klar: Es muss sich um eine kleine Pfarrkirche gehandelt haben, denn sie war – ein typisches Merkmal – umfriedet und damit Ort für Bestattungen.

Das ist die Gelegenheit, Norbert Helbig über die Schulter zu schauen. Er gilt aus gutem Grund als Fachmann für Leichen. Seit er in seiner Freizeit die Grabungen unterstützt, kümmert er sich um die Knochenfunde. Längst hat er ein Auge dafür, welche Teile des Skeletts er gerade freilegt. Und er kann erklären, warum hier, im Bereich der Dachtraufe, mindestens ein halbes Dutzend Säuglinge bestattet wurden: „Sie waren nicht getauft. Da sollte wenigstens das Wasser vom Gottes­haus auf sie herabfließen.“ Auch wenn die menschlichen Überreste schon viele hundert Jahre alt sind, arbeitet Helbig zwar inzwischen routiniert, aber mit viel Respekt. „Manchmal versuche ich mir das Schicksal dieser Kinder vorzustellen.“

So wie Norbert Helbig gehört auch Burkard Sperschneider zum harten Kern der rund zwei Dutzend Mitglieder des Geschichtsvereins. Schon immer ist er gern mit seiner Metallsonde auf der Suche nach historischen Fundstücken durch die Gegend gezogen und setzt seine Erfahrung jetzt bei den Grabungen rund um die Wüstungskirche ein. Auf eine Sensation allerdings wartet er noch: Wenn seine Sonde bisher piepte, waren es ein paar Haarspangen und Zierbeschläge und vor allem alte Nägel.

 

Bergkristall, vermutlich von
einem Vortragekreuz.

Auf viele Fragen gibt es noch keine Antworten

Warum wurden Kirche und Siedlung zur Wüstung? Lange jedenfalls hatte beides keinen Bestand. In einer 1519 erstellten Liste mit den Einnahmen der umliegenden Kirchen taucht Asche bereits nicht mehr auf. Vielleicht waren die Bewohner aufgrund von starken Klimaveränderungen weggezogen?, überlegt Frank Wiese. Vielleicht waren andere, durch die Pest entvölkerte Siedlungsgebiete als landwirtschaftliche Fläche interessanter geworden? Noch sind das Fragen, auf die es keine genauen Antworten gibt. „Aber mit jeder Grabung kommen wir der Geschichte unserer Vorfahren näher“, sagt der Geologe. Eins können er und seine Helfer allerdings sicher sagen: Die Kirche ist keinem kriegerischen Konflikt zum Opfer gefallen. Alles weist darauf hin, dass sie einfach nicht mehr gebraucht wurde, verfiel und die Steine oberhalb des Fundaments woanders als Baumaterial gennutzt wurden.

So unklar nach wie vor manches aus der Vergangenheit der Wüstungskirche ist, so ungewiss ist auch ihre Zukunft. Denn ob sie als archäologisches Denkmal erhalten bleibt, ist vor allem eine Frage des Geldes. Gut möglich, dass irgendwann die Grabung wieder gefüllt wird. Denn unter der Erde wäre sie für weitere Jahrhunderte geschützt.

Stefan Branahl